»Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit.« Sie bedeckte die Augen mit der Hand.

Er sagte: »Wenn Sie Ihre Lippen auf meine drückten, könnt ich mir einbilden, ich sei wieder Knabe und finge von vorn an. Wiederkehr, Wiederkehr. Fürchten Sie nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle. Ich will ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch können Sie mir nicht verwehren zu träumen. Ich träume, daß ich Ihre Hand halte. Daß ich sie nur mit meinen Fingerspitzen streife. Sie vergessen, daß Sie Mutter, Gattin, Dame, Herrin sind, alle diese verruchten Würden einer überlebten Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin eingeschlossen, daran geklammert meine, mit Blut, Hirn, Trieb, Seele. Was können Sie dagegen tun? Still, wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein, und du öffnest dich wie ein Kelch ...«

Maria hörte zu, außen und innen Eis, doch von etwas Lauem durchflutet, das betäubte. Er hatte sie nicht angerührt, trotzdem fühlte sie ihre Hand wie in einem Schraubstock. Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das Blut wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte zu sprechen und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt. Mitjas ernste Augen blickten sie an. Ihr Körper war ihr fremd, und sie fürchtete ihn. Das Bild einer Uhr erschien ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht weiterrücken wollten. Sie schaute gegen das Fenster. »Es wird Tag,« murmelte sie. Von der Straße schallten eilige Schritte herauf. Gut, daß die Menschen erwachen, fuhr es ihr durch den Kopf.

Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhr Golowin fort: »Ja, es wird Tag. Schluß des ersten Aktes. Vorhang. Die Länge der Zwischenpause ist nicht bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich meiner in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht brechen, die ich über Sie erlangt habe? Sie werden sich in Pflichten stürzen, Sie werden Aufgaben zu lösen trachten, Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das Eingestürzte aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde immer ich sein, da nützt kein Sträuben und kein Tun.«

Sie konnte jetzt in der Dämmerung sein Gesicht wahrnehmen. Es glich einem fleckig grauen Tuch. Sie fand keine Widerrede. Inmitten ihrer bedrückten Versunkenheit wunderte sie sich über seine Haltung, die etwas Lockeres, beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte plötzlich ein langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf wie ein Wachthund. Er trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife heraus und erwiderte das Signal. Gleich darauf hörte man von der Richtung des Meeres her Geschützdonner.

»Gut,« sagte Golowin, »man schnallt das eiserne Stirnband wieder um.« Er nahm den Mantel vom Haken und warf ihn über die Schulter. »Ihre Straße ist frei, Maria Jakowlewna,« fügte er mit einer Verbeugung hinzu.

Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr.

»Zwei Worte noch,« sagte er, an der Tür stehen bleibend; »das eine: prägen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren Stern darum, daß unsere Wege sich nie mehr kreuzen.«

»Nein; unsere Wege dürfen sich nie mehr kreuzen,« erwiderte sie.

»Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das Sie den Frieden Ihrer Seele wieder gewinnen können, außer es kommt noch einmal zur Entscheidung zwischen uns. Und das steht dahin.«