Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange sie in den Zimmern bleiben wollten; es war nicht gebräuchlich, sie länger als eine Nacht zu benutzen. Anastasias Plan war gewesen, daß sie sich über Mittag einschließen und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie wünschten auch die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck sollten sie dem Diener und dem Stubenmädchen ein Goldstück geben. Aber man brauchte frisches Wasser für die Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung. Es mußte auffallen, wenn sie zu früh läuteten, und wie sollten sie das Verweilen über den ganzen Tag rechtfertigen? Nadinsky war mit offenen Augen wortlos dagelegen, jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er bat sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei Goldstücke seien zu wenig, meinte er, man müsse fünfzig Rubel geben; Lukardis erwiderte, das verschwenderische Übermaß werde Verdacht erregen, und man müsse gewärtigen, daß der Eigentümer käme, um zu spionieren. Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war ihr Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches gewesen. Sie verhandelten beide mit äußerster Kälte, doch ihre Stimmen klangen erstickt. Eine Bemerkung Lukardis über das gemeine Gesicht des Aufwärters veranlaßte Nadinsky, ihr, spöttischer als er beabsichtigte, zu entgegnen, sie habe gewiß allzu behütet gelebt, wie in Wolle, und von denen, die da unten hausten, in Schmutz und bösem Wetter, könne keiner ihr Gefallen finden. Es war ein Empörungsversuch gegen das Joch der Dankbarkeit, das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sich herauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Zügen wechseln zu lassen. Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab ihm recht, und er war entwaffnet. Ihre Sanftmut rührte ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur Grausamkeit an. Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie für achtundvierzig Stunden als Gefährtin an seine Seite gezwungen hatte, er fand sich schuldig an der Erniedrigung, unter der sie litt und zürnte ihr deshalb. Ihm war, als hätte sie, ehe sie ihn getroffen, nur weiße Gewänder getragen und von ihren schönen Lippen hallten nur leere Worte nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verwöhnten Klasse. Jetzt erst wurde er zum wahren Rebellen, jetzt, in ihrer Nähe; seine Verborgenheit und seine Flucht kamen ihm schimpflich vor, und er hielt es für wahrscheinlich, daß ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum sagte er plötzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen; er wolle sich zeigen, es läge ihm nichts daran, ja es sei seine Pflicht, das Los so vieler Gerichteter zu teilen, die mehr erreicht und mehr gewagt hätten als er. Wem könne er noch nützen, nachdem er über die Grenze geflohen? Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner unglücklichen Schwester nicht.
Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine Gründe konnte sie nennen, nur mädchenhafte Argumente finden. Aber als er verstockt blieb, nahm sie einen gebieterischen Ton an und sah aus wie eine junge Königin. Plötzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte gehört. Sie hob den Zeigefinger der rechten Hand und preßte ihn auf ihren Mund. An der Tür stand jemand und lauschte. Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und Nadinsky senkte den Kopf. Da entschloß sich Lukardis zu dem, was nötig war. Sie schritt auf den Zehen zur Tür, schob den Riegel auf, eilte dann gegen das Bett zurück, schlüpfte schnell unter die Decke neben Nadinsky, zog die Decke bis an ihren Hals, griff nach dem Knopf der elektrischen Klingel, der an einer langen Schnur zu ihren Häuptern herabhing und läutete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der Tür klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der Tür stehenbleibend, mit nornenhafter Düsterkeit Nadinskys Befehl, frisches Wasser zu bringen und den Kellner zu rufen, damit man das Frühstück bestellen könne. Sie holte zwei Krüge voll frischen Wassers und dann kam der Aufwärter. Sein lauernder Blick durchmaß den Raum und auch den andern, soweit er ihn erspähen konnte, und es war Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit denen sie im Bett lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen geeignet war. Sie schloß die Augen, denn diesen Menschen zu sehen war ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die Fünfzigrubelnote wieder genommen und gab sie jenem. »Zwanzig sind für das Mädchen, dreißig für dich,« sagte er in einem bemeistert lässigen Ton, »wir wollen noch bis morgen früh bleiben, wenn es geht.« Der Aufwärter verbeugte sich fast bis zur Erde; ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet. Auch die Magd, die Kohlen in den Ofen warf, kam herzu und wollte Nadinsky die Hand küssen. Er wehrte sie ab. »Wenn es den Herrschaften gefällt, ist sicher nichts einzuwenden,« sagte der Kellner mit einer katzenhaften Gebärde und blinzelte. Nadinsky verlangte ein Frühstück. Es dauerte eine Viertelstunde, bis der Tee mit allem Zubehör gebracht wurde. Indessen lag Lukardis wie auf glühendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas, das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gefühl, aus Kummer und Furcht gemischt, und ihr Antlitz überzog sich mit tödlicher Blässe. Nadinsky rührte sich nicht, ihre Empfindung teilte sich ihm mit, er begriff ihre Qual und vermied es, die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufwärter hatte den Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und entfernte sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte Lukardis die Decke weg und erhob sich wie vor Feuer flüchtend. Sie verriegelte die Tür und öffnete ein Fenster. Ihr Haar hatte sich gelöst, sie ließ es ruhig hängen, denn es bedeckte ihre entblößten Schultern. Eine Stunde früher hätte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen mögen, doch seit sie neben ihm gelegen, hüllenlos trotz aller Hüllen, preisgegeben ohne Maß, empörten Blutes, seiner Gnade völlig überwiesen, war es nicht mehr von Belang, daß die Haare von ihrem Haupt herabhingen.
Als das Zimmer von frischer Luft erfüllt war, schloß sie das Fenster und sagte zu Nadinsky, es sei notwendig, den Verband zu wechseln. Schweigend entledigte er sich des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis unkundiges Auge konnte es feststellen, daß die Heilung der Wunde beträchtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein Fieber mehr. Lukardis war schon gewandter als gestern im Legen und Knüpfen der Binde, und nachdem sie die Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und Brot. Er wünschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte. Sie selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie dem Körper wegen seines Hungers. Im Hause war es sonderbar still. Auf der Straße rollten Wagen und schrien Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis begab sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus, um kein Geräusch zu machen und ging stundenlang auf und ab, wobei sie in beiden Händen Strähnen ihres Haares hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann. Manchmal betrachtete sie die Bilder an den Wänden, ohne sie wirklich zu sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan zwischen ihren Knien hielt. Neben der Tür hing ein anderes: ein deutscher Student mit einem Ränzel auf dem Rücken schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen Fenster ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen schaut. In den großen Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegenüberliegenden Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer endlosen Folge von Räumen; in allen Räumen war die Leda in ihrer häßlich fetten Nacktheit und der sentimentale Student und viele, viele Male das Bett mit dem schlummernden Nadinsky und darüber ein Bild des Kaisers Nikolaus, viele Male bis in dämmernde Ferne. Oft stand sie auch am Fenster und sah die Wagen und die Kinder, den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter trüben Fensterscheiben und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male wiederholte bis in dämmernde Ferne. Wo war die Welt hingeschwunden? Wo war alles, was sie geliebt, mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie selbst, Lukardis, die in einem zierlichen Mädchenboudoir gelebt? Wo Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte und immer lächelte? Und wo war das glänzende Moskau mit den verlockenden Auslagen seiner Läden, den freundlichen Bekannten, die man überall traf, den eleganten Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt hingeschwunden? Sie sah nur den Mann, der in den vielen Räumen vieler Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich, in vielen Spiegeln die Wunde auf der weißen Haut, und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert folgen mußte.
Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch lange, wie lange, konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky erwachte. Er setzte sich aufrecht, und sie näherte sich ihm zögernd. Mit unerwarteter Entschiedenheit sagte er, sie müsse gehen, wenn die Dunkelheit eingebrochen sei, er fühle sich jetzt kräftig genug, um allein zu bleiben und werde dem Kellner zu verstehen geben, daß sie in der Nacht zurückkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand mehr darum kümmern. Lukardis schüttelte den Kopf. Sie antwortete, es geschehe ebensowohl um ihret-, als um seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde sei erst im Beginn des Vernarbens und müsse mindestens noch zweimal gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging und ihn darnach ein Unglück traf, würde sie nie wieder schuldlos atmen können. Nadinsky schaute forschend in ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so daß sie ihm die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide. Es war wie eine beglückende, aber unheilvolle Verwandlung, die jeder in des andern Augen erlitt. Da trat Lukardis klopfenden Herzens vor einen der Spiegel und steckte ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten dabei. Wenn er ihr jetzt befohlen hätte, zu gehen, hätte sie wahrscheinlich keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing er an, zu klagen, daß er nicht den ehrlichen Tod im Kampf gestorben; was wolle er in den fremden Ländern, ewig wandernd, ewig den nagenden Gram um die gequälten Brüder in der Seele und mit der Sorge um das bloße Leben? Denn er sei nicht reich, habe viele Schulden und das mütterliche Gut sei in Gläubigerhänden. Durch so viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis still vor dem Spiegel stehen und schaute ihr übernächtiges Gesicht an. Er fuhr fort und schmähte seine Tat; er habe nicht gewußt, was er auf sich genommen, es sei ein Trieb gewesen, kein Entschluß; so seien Helden nicht beschaffen, daß sie sich dem Ungefähr auslieferten, um zermalmt zu werden. Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihm in diese Kloake der großen Stadt geflohen, habe sie in klarer Erkenntnis gehandelt oder nicht vielmehr sich hinreißen lassen durch ein Gefühl, dem Mitleid nachgegeben, dem Reiz des Absonderlichen, der Verführung einer schwärmerischen Freundin? Sei sie nicht erschüttert und durchwühlt, von medusischen Visionen aller Kraft beraubt? »So sind wir alle,« rief er zum Schluß und warf sich in die Kissen zurück, »Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler der Phantasie, Opfer des Augenblicks, Getäuschte unserer Taten.«
Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines Bettes. Ruhig und fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr Auge leugnete seine Worte, im Ausdruck ihrer Züge war eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die göttliche Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines Herzens zu Hilfe käme. Ein Strahl von Glück flog über Nadinskys Stirne, und sein zweifelsüchtiger Geist beugte sich beschämt. Unbeirrbare Zuversicht strömte von ihr aus und trug ihn über Stunde und Raum hinweg. Es dunkelte und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu sprechen. Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die Komödie wieder spielen mußten, die das Haus forderte, machte Lukardis Licht, zog die Gardinen zu und ging ins zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte. Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht in die Ärmel seines Rocks zu schlüpfen imstande war. Wie am Abend vorher wurde das Diner serviert; wie am Abend vorher bediente der Aufwärter in silberbetreßter Livree, noch demütiger, noch abgeschmackter lächelnd, noch wachsamer hinter seiner heimtückischen Grimasse. Unlustig aßen sie und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre Hände waren bewegt, lautlos gehorsame Geister huschten sie hin und her, den Augen des Spions Harmlosigkeit vorlügend. Lukardis spielte ihren Part heute schlecht; ihr Lachen klang gekünstelter, ihr Getändel weniger glaubhaft. Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer Pause, wo sie allein waren, zuflüsterte, sie wollten streiten. Er erfand den Namen einer Gräfin und behauptete, das Perlenkollier, das die Gräfin Schuilow beim letzten Jour der Fürstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen. Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene an und beharrte auf seiner Meinung. Eine glühende Röte überzog Lukardis Wangen, denn diese Heuchelei innerhalb der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle Furcht vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte den Sekt in die Gläser, und seine Miene zeigte ein albernes Bedauern, als sei er nur an täubchenhaftes Girren gewöhnt. Zum Schluß erhob sich Nadinsky unmutig und herrschte den Kellner an, er möge abräumen. Lukardis bittender Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue er sein Ungestüm und schritt mit ausgestreckten Händen auf sie zu. Der Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls auf und schmiegte nun den Kopf an seine Schulter, aber nur, um ihm zuzuraunen, er dürfe nicht vergessen, für den nächsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag, der Wagen sollte um die sechste Morgenstunde am Tor sein. Der Mensch verbeugte sich schweigend und wollte gehen.
Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. Ein zweiter, ein dritter Schrei folgte. Lukardis faltete erschrocken die Hände, und Nadinsky blickte unruhig zur Tür. Der Kellner hatte die Tür geöffnet; er trug eine metallne Platte und hielt die Tür offen. Ein halbnacktes Frauenzimmer stürzte vorüber. »Die Tür schließen,« hauchte Lukardis wie entseelt. Da krachte ein Schuß. Das schauerliche Brüllen eines Mannes erfüllte das ganze Haus. Nadinsky schob den Aufwärter über die Schwelle und schlug die Tür zu. Ein paar Minuten lang blieb es still, dann gings treppauf, treppab in schnellen, bestürzten Schritten. Stimmen murmelten, eine befehlende Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von oben. Darnach kam ein so herzzerreißendes Schluchzen, daß Lukardis händeringend zur Ottomane lief und sich, das Gesicht vergrabend, darauf niederwarf. Auch auf der Straße schien es nun lebendig zu werden. Es wurde ans Tor gepoltert. Man hörte deutlich die Stimme eines Polizisten. Im Flur tönten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen würde. Der Diener kam herein; mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Nadinsky und sagte: »Ich bitte Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die Dame, sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur passiert. Eure Exzellenz werden nicht mehr gestört werden.« Darauf verschwand er. Nadinsky trat zu Lukardis, setzte sich neben sie und streichelte mit bebenden Händen ihr Haar. Zusammenschauernd bei seiner Berührung, erhob sie den Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von ihr und war des Lebens überdrüssig. Sturm rüttelte an den Fenstern und plötzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder das Klavier, derselbe Walzer wie gestern mit derselben zahnlückigen Melodie. Aber lag nur ein Tag dazwischen? nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und Stimmungen des Daseins vorübergetragen, Lust und Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung und Enttäuschung, Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies schon das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eine unendliche, geheimnisvolle Nacht? Nadinsky war es zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er die Barrikade erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen getreten sei, als ob die frühere Existenz mit allen ihren Beziehungen von ihm losgelöst sei und als ob er in dieses Haus gekommen wäre, um sein eigentliches Schicksal auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft geschieden, ja ohne Brücken dahin und dorthin.
Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer Weile kam Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur im Speisezimmer brannten die Lampen. In den Spiegeln dehnten sich die Räume grau und unbestimmt. Lukardis sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch voll, und nachdem Nadinsky sich entblößt, wusch sie die Wunde. Während sie aus ihrer Handtasche das frische Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und als Nadinsky verbunden war, bat er, sie möge ihm vorlesen. Sie setzte sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren Lermontows Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie gelesen, da fielen ihre Arme schlaff nieder, der Kopf sank zur Seite und der Schlaf überwältigte sie. So ohne Widerstand und Übergang entschlummern Kinder; Nadinsky hütete sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen an ihrem Antlitz, und es war ihm, als müsse sein eigenes Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks teilnehmen, welchem ihre Züge unterworfen waren. Wunderbarer Friede kam in sein Gemüt. Er streckte die Glieder und atmete wie in der Luft eines Gartens. Nun regten sich ihre Lippen. Sie flüsterte, sie lächelte zärtlich, die Hände ballten sich und das Buch fiel von ihrem Schoß auf den Teppich. Sie erschrak, öffnete die Augen, ein entsetzter Blick flog durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie weiter. Doch nun schien die Gewalt des Schlafes immer größer zu werden, der Oberkörper verlor das Gleichgewicht, sie wäre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht in seinen Armen aufgefangen hätte; er umschlang ihre Schultern und legte die Schläferin vorsichtig quer über sein Bett. Ihre Beine blieben auf dem Sessel liegen, ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme waren über dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich in starken Rhythmen. Allmählich fühlte sich Nadinsky beschwert, das Blut in den Schenkeln stockte und er hatte Mühe, so regungslos zu bleiben wie am Anfang. Er ließ sich langsam auf die Kissen zurückfallen, schob die Hände unter die Decke und unter den Rücken des Mädchens und versuchte, die Schlummernde auf diese Art zu stützen. So gelang es ihm, sich Erleichterung zu schaffen; einmal trugen die Arme, einmal die Schenkel und Knie die Last. Dabei empfand er eine glühende Freudigkeit, nicht nur, weil er ihr die Sorgfalt und Mühe vergelten konnte, sondern auch, weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als Kreatur, so unbedingt in seiner Hut. Oftmals betrachtete er sie, gedankenvoll entzückt, und ihr Leben, ihr Schlaf, ihr unbewußtes Dasein, die Gliederung des Menschenkörpers, an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen das Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglückendes Gefühl der wiedergewonnenen Herzenskraft.
Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel einer auf der Straße vorübermarschierenden Militärpatrouille sie erweckte. Nadinsky hatte sich eben zum Sitzen aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem sich eine dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen heiter strahlen zu wollen, dann hüllten sie sich in Schleier der Scham; sie stieß einen hellen, kleinen Schrei aus, sprang empor, und ihr Gesicht war wie mit Blut übergossen. Sie drückte die Hände gegen die Brust und sah stumm vor sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgültige Worte ab, erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. Sie antwortete zerstreut, und ihre Miene war bald scheu und ängstlich, bald dankbar und heimlich fragend. Zum letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde Nadinskys, und während sie es tat, hatte sie Mühe, ihre Fassung zu bewahren; die Welt draußen erschien ihr wie der aufgesperrte Rachen eines Tieres. Die Uhr zeigte ein Viertel vor sechs, sie mußten ihre Vorbereitungen treffen. Nadinsky war immer stiller und stiller geworden; als er angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr blaß. Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, ihm gegenüber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel an und die Handtasche stand zu ihren Füßen. So warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken, bis es Zeit war, daß sie gehen konnten.
Endlich vernahmen sie von der Straße her das Knattern von Wagenrädern, und bald darauf klopfte es an die Tür. Der Kellner trat ein, diesmal ohne Livree; er trug einen verschmierten Schlafrock, die Haare hingen ihm in öligen Bündeln über die Stirn und sein Gesicht war mürrisch und böse. Er präsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, gab auch gleich das Fahrgeld für den Kutscher, dann gingen sie hinab. Zwei Eimer voll Kehricht standen am Fuß der Treppe, und auf der Torschwelle lag ein schwarzer Hund, der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den langen Weg.
In einem der inneren Räume des Bahnhofs stand Anastasia Karlowna an einer Säule. Sie begrüßte die beiden und fragte nach Nadinskys Befinden. Dann übergab sie ihm den Paß und einen Koffer, der die notwendigen Gegenstände für die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, und Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus, schritt auf Lukardis zu und reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare Schwäche im Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere Hand, die linke mit seiner linken, und die vier Hände lagen beieinander wie Glieder einer geschmiedeten Kette. So verharrten sie einen Augenblick und erschienen sich selbst als Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem Gang zum Waggon zurück und klomm die Treppe hinauf. Er trat ans Fenster, in dessen schwarzer Umrahmung und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein kreideweißer Fleck. Nun ertönte die Pfeife, und langsam rollte der Zug aus der Halle.