Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in Tränen aufgelöst. Die Frau hatte nicht gewagt, ihrem Gatten von dem Brief der Tochter Mitteilung zu machen und ihm deren Verschwinden durch mühevolle Listen verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung zwischen Lukardis und der Mutter, eine Szene, bei der die taubstumme Frau in der erregtesten und flehendsten Weise gestikulierte, während das Mädchen nur den Kopf schüttelte und mit keinem Laut, keiner Gebärde sonst antwortete. Allmählich wurde die Generalin von einer heftigen Sorge um Lukardis ergriffen, die sich in Bestürzung verwandelte, als Lukardis sich beharrlich weigerte, den Staatsrat Kussin zu sehen, der für einige Tage nach Moskau gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht, sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die Verlobung mußte gelöst werden, und beflissener noch als zuvor wich Lukardis den Menschen aus, den Freunden, den Fremden, der Mutter, dem Vater, den Schwestern. Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die Ärzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die Generalin mit ihr nach Paris, später ans bretonische Meer. Eines Nachts überraschte die Mutter sie, wie sie auf den Fliesen der Terrasse ihres Zimmers lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit weitgeöffneten, unbeschreiblich strahlenden Augen in den gestirnten Himmel schaute. Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer grenzenlosen, den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit.

Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, er lebe auf einer Farm im westlichen Kanada. Niemals hat Lukardis seinen Namen erfahren, niemals er den ihren.

Ungnad

Länger als zwölf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen Erasmus Ungnad und Gräfin Marietta Giese, und Georg Ulrich Castellanis boshafte Bemerkung, es sei bald an der Zeit, sie in die Galerie berühmter Liebespaare einzureihen, zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung unter manchen Freunden an, vom Mißfallen anderer zu schweigen. Doch die Freunde hatten so wenig Einfluß darauf wie die Familie, die Rücksicht auf die Karriere so wenig wie der Gedanke an persönliches Behagen. Im Grunde stand man vor einem Rätsel. Erasmus war nichts weniger als ein Toggenburg; Ausharren war sonst seine Stärke nicht; Marietta nichts weniger als ein Käthchen, im Gegenteil, eine Frau von Welt, ein überlegener Charakter.

In gewissen Zeitabständen erfolgte ein Bruch. Beiden schien es jedesmal damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen Auseinandersetzungen, brieflich oder mündlich, verständigten sie sich, daß es für das Wohl des andern wünschenswert und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen und daß es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil diene, wenn es in Frieden und Herzlichkeit geschähe. Sie gaben einander in aller Form frei; zwei Monate darauf war gewöhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus Schwester Francine wußte in solchen Fällen keine triftigere Erklärung, als daß sie Marietta eine dämonische Natur nannte. Drei Jahrhunderte zurück, und sie hätte sie in ihrer Erbitterung öffentlich der Hexerei angeklagt.

Nach seiner Rückkunft aus Japan im Jahre 12 schien die Loslösung nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen vielbeneideten Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, der Minister des Äußern, großer Herr damals, Leuchte der Diplomatie, der er für seinen Teil und für seinen Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich für alle Zeiten, zu einem Triumph unter den europäischen Mächten verholfen hatte, hielt große Stücke auf ihn und war dem gräflich Ungnad’schen Hause außerdem wohlgesinnt. Diese mächtige Hand eröffnete ihm die glänzendsten Aussichten; er war zunächst zu einer hervorragenden Stellung bei der Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten winkte in nicht allzuweiter Ferne. Francine schwamm in Hoffnung und entfaltete alle ihre Kräfte, um eine vorteilhafte Heirat zustande zu bringen. Der Moment war so günstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den Vordergrund gerückt. Das eine betraf eine junge Baroneß Spielberg, die von Seite ihrer Mutter, einer Amerikanerin, enormen Reichtum zu erwarten hatte; das andere die zweitälteste Tochter der Rienburg-Rhedas, Komteß Sebastiane, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, anziehend und, wie Francine erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus unter Graf Rienburg-Rheda Legationssekretär gewesen war, in ihn verliebt. Zudem gehörten die Rienburg-Rhedas zum begütertsten Adel des Landes; sie verfügten über soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Häusern, Schlössern, Wäldern, Wässern, ererbtem und erheiratetem Besitz, in hundertjährigen Traditionen gefestigt wie die Hausmacht der großen Dynasten.

Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus’ Schuld am Mißlingen war nicht zu durchschauen. Im einen Fall hatte er sich nicht entscheiden können, im andern hatte er sich überhaupt nicht vorgewagt, so daß man es wenigstens mit der Familie nicht verdorben hatte und niemand bloßgestellt war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten und ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen in ihr erregt, um sie immer wieder zu enttäuschen, bis sie in einem Zustand hysterischer Überreizung erklärt hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei Rienburg-Rhedas war er eine Woche lang zu Gast auf dem südmährischen Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall den Grafen hin, und er, den Unglücks- und Todesfälle in eine lächerliche Panik versetzten, reiste unverrichteter Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf die Versöhnung mit Marietta.

Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. Es war zu befürchten, daß der Minister seine Hand von ihm abzog. Oft schon war seine Laufbahn durch diese Frau gefährdet gewesen. Francine erinnerte ihn daran, wie sie eines Tages plötzlich in Petersburg erschienen sei und ihm Verdrießlichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf bei der Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm die Worte ins Gedächtnis, die ihm vor drei Jahren seine Tante, die kluge Terese Klingenberg geschrieben: daß ein Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen Preis seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten dürfe; entweder müsse alles so verschleiert sein, daß die Neugierde niemals dahinter kommen könne, oder es müsse eine klare Eindeutigkeit walten, so oder so; nichts sei geeigneter, die Öffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu verstimmen als ostensible Herzenspassionen.