Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. Sie erschöpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. Sie zitierte Urteile, Prophezeiungen, Meinungen seiner nächsten Freunde über ihn und hauptsächlich über Marietta. Sogar der unbeträchtliche Ferry Sponeck mußte herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu Erasmus, aus der Sorge um ihn. Er war der Letzte des Geschlechts; sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Sein Vermögen war gering. Sie hatte in den letzten Jahren versucht, es durch Börsenspekulationen zu vermehren; da sie gut beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, war ihr dies gelungen. Aber wenn sie auch Millionen gewonnen hätte, was hätten ihr die gefruchtet; das Glück, das sie für ihn im Auge hatte, war ein höheres. Der in ihr aufgehäufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, mit denen sie Erasmus zu Leibe rückte, eindringliche Schärfe. Mit Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, entwarf sie, durch Haß befeuert, ein Bild von Marietta, das in der Verzerrung noch Züge der Wahrheit hatte und abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie; eitel; seelenlos; durch Lektüre verbildet; im Bestreben, die große Dame zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt herausfordernd; mit zur Schau getragener Freiheit nah daran, für eine Abenteuerin zu gelten; unergründlich egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen gefährlich sinnlich; längst über die erste Jugend hinaus, auch über die zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, sie auf Händen getragen hatte und unglücklich und vereinsamt war, geistig und körperlich ein Krüppel.

Francine war kühn. Sie mußte auf verletzende Vergleichung gefaßt sein. Sie selbst war ja in heikler Situation. Ihr Schicksal als Weib hatte sie von unbehüteten Jahren an andere Wege geführt als die üblichen und gebilligten. Nur durch ihre Zähigkeit und Klugheit hatte sie dann doch Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft behauptet. Dunkles Schicksal, das in einem von ihr selbst nie ganz begriffenen Gegensatz zu ihrem Wesen stand.

Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine Person zielte, pflichtete er ihr bei. Über Marietta schwieg er. Er empfand Francines Zärtlichkeit; ihr Ungestüm belästigte ihn. Sie verlangte Versprechungen, er weigerte sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich, und das Ergebnis von Francines Bemühungen war, daß er zu Marietta auf ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging sie zum Minister. Sie vertraute sich ihm ohne Rückhalt an, und die Art, wie er ihr lauschte, ließ die herzliche Zuneigung für Erasmus erkennen. Er würdigte die Schwierigkeit; ihn zu entfernen, hielt er für notwendig wie sie; der Londoner Posten kam augenblicklich noch nicht in Betracht, dagegen bot sich die Möglichkeit, ihn nach Indien zu schicken; es fand dort eine Jubiläums-Feierlichkeit statt; die englische Regierung und der Vizekönig hatten die Mächte zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden später war Erasmus für die Mission ernannt. Ein Telegramm rief ihn von Eichfurth zurück, zehn Tage darauf lief das Schiff aus dem Triester Hafen. Francine glaubte ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene Monat war Gewinn. Erasmus war dreiunddreißig, Marietta Giese fünfunddreißig; der Zauber mußte binnen kurzem brechen; was die Vernunft nicht erreichte, würde die Zeit bewirken. Wenn es auch noch Kämpfe kostete, Francine war gerüstet. Indes gelang es ihren hartnäckigen Bemühungen, daß man Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe dort beendet war, unmittelbar nach London befahl.

Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten Jahr im diplomatischen Dienst. Der Weg war der herkömmliche und vorgeschriebene gewesen; die Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington, Tokio; und nun London. Er hatte viel gesehen, viel gehört; nach seiner Meinung viel erlebt. Er kannte das Inwendige der politischen Maschinerie. Er hatte gelernt, wie die Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei den markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge. Die repräsentativen Pflichten erfüllte er mit genügender Würde. Verantwortung war ihm aufgebürdet; er wußte um die Last, seine Haltung deutete sie an. Geschlechteralte Zucht machte ihn zum Vorbild für Unsichere. Die Gebärde verriet, daß er in seine Rolle hineingeboren war. Selbstverständliches Tun und Sein, darauf kam es an; das gelegentliche Nachdenken darüber war Verzierung, die man sich in Mußestunden gestattete. In der Führung der Geschäfte von unbedingter Verläßlichkeit, gewissenhaft wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank, war er überall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung und der Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein, von seinem Geist oder seinem Genie zu sprechen, aber seine Ritterlichkeit und Freundestreue hatten schwärmerische Lobredner.

Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn; die Jahre trugen ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen Element keine Trübung, nur über das Äußere und Betriebmäßige war zuweilen ein Schleier von Unmut gebreitet. Aber der Strom floß breit und gefällig dahin. Dem vorwärts- wie dem zurückschauenden Blick boten sich dieselben Bilder: geschmückter Weg, umfriedetes Revier, Fülle der Verlockungen, Menge der Dienenden, erschlossene Welt. In Stunden der Träumerei flammte in seinem sonst trägen Gedächtnis auf, was ihm erworbenes und in Sicherheit gebrachtes Lebensgut war: ein marokkanischer Himmel, rot vor Bläue; prunkvolle Aufzüge, veranstaltet von exotischen Fürsten; feierliche Empfänge; illuminierte Säle; militärische Paraden; Frauen, die um Liebe warben; fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch mitgebracht, das er in wenigen Exemplaren für seine Freunde drucken ließ. Es wurde damals als die feinste Blüte aristokratischer Lebensauffassung und Betrachtungsweise bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv und aus erster Hand, oft ein bißchen einfältig sogar, wie eine Fibel einfältig ist. In der Mischung von Bescheidenheit, Wißbegier und unschuldiger Philosophie drückte sich Ungnads Wesen sehr liebenswürdig aus. Es waren Fahrten darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf Flüssen, in der Nacht, auf Booten mit Lampions behängt, Schauspiele und Wanderungen, Tempel und Gärten; von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein Hauch; hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen von Blumen, Farben von Blumen, Gerüche von Blumen; ein umgewandeltes Sinnliches, ließ es das sinnlich Gebannte seiner Natur erraten, auch wieviel Trägheit in seiner Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem Genießen.

Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des Krieges entfalteten alle Berückungen seiner Welt. Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtum und die Üppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich zur Strahlung verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden Kern, begnadet und Gnaden spendend. Die Künste der Nationen vereinigten sich, der herrschenden Kaste zu huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit gesättigt. Feuer des Übermuts lag in den Gemütern, das Ungewöhnliche war Nahrung für den Gewöhnlichsten, Nüchterne wurden auf lichtverklärte Höhe gehoben und sahen den Horizont wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob alles in atemloser Bestürzung auseinander, und über das rubenshaft glühende Gemälde fiel schwarzer Flor, um es auf immer zu verdecken.

Was darnach kam, war trockne Amtsausübung in vorgeschobenen Bezirken, eroberten Provinzen, umrasselt von Waffenlärm. Man hatte Mühe, den Kopf obenzuhalten. Das Geschrei aus den Lagern hüben und drüben lähmte; der Haß verunreinigte wie Schmutz, der kleben bleibt und sich in die Poren frißt; die Guirlanden waren weggerissen; die Blöße der Leiber stierte einen an; Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau wankte; die kaum merkbare Allmählichkeit, mit der die Existenz ins Enge und Sorgenhafte geriet, war entnervend; und so der beständige wütende Sturm, der die Blätter vom Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General regierte. Man war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen, wie die Partie stand. Die Not der Länder schrie, des eigenen vor allen; man überredete sich zur Demut, suchte Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre, verwob persönliches Geschick willig mit dem Ganzen, hoffte, fürchtete, wartete, Jahr für Jahr, wartete auf Schlimmes und war doch nicht im entferntesten vorbereitet, in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die Zeit dann wirklich machte.

Im August des Jahres 18 wurde er mit dem preußischen Oberst Grimm nach Armenien entsendet, um Bericht über die Zustände zu erstatten, die der feindlichen Propaganda Nahrung gaben. Türkische Offiziere und Beamte begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was vertuscht werden konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein künstliches Schaugepränge vorgeführt, Blendwerk; zuletzt offenbarte sich das Grauen. Auf der Heimreise, man hatte schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus vom Schiff aus an Francine: »Es war schön, als der Katholikos in Echtmiadzin unsere Abordnung empfing. Ich habe nie so herrliche Gobelins gesehen und so prunkvolle goldene Gefäße. Der Katholikos war in Gold und Purpur gehüllt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt war, blendete die Augen durch die Pracht seiner Gewänder. Vor den Bogenfenstern des riesigen Saals sah man die schneebedeckten Gipfel des Taurus, und alle überragte der mächtige Arrarat. Da schauderte es einen; Arrarat; beim bloßen Namen überlief es einen. Aber auf dem Schloßhof unten stand eine tausendköpfige Menge, und von ihr stieg ein eigentümliches winselndes Brausen empor. Erst glaubten wir, die Leute seien zum Gottesdienst gekommen, der dann stattfinden sollte; aber der Katholikos wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst Grimm gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen Sie Ihrem Kaiser, daß sie hungern. Die türkischen Herren hinter uns duckten sich, und ich schaute, während das eigentümliche winselnde Brausen fortdauerte, in den Schnee des Arrarat hinüber. Am nächsten Tag sind wir durch die glühenden Täler zum Meer geritten, an Ruinen vorbei und über Schlachtfelder. Wüste und Weinland grenzen dicht aneinander, manchmal kauert ein mit Fetzen bedeckter Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die Küste kamen, lag der Ozean märchenhaft blau, aber die Luft war verpestet durch zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen, nackt und in Kleidern, viele bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Männer, Weiber und Kinder. Die türkischen Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins Meer getrieben. Ich dachte mir: die grandiose Natur, und der Mensch eine Bestie, die sie schändet. Der Himmel und das Meer in ihrer Schönheit waren Lüge.«

Er hatte sich mit Oberst Grimm während der langen Reise ziemlich angefreundet; der Oberst war ein stiller, vernünftiger Mann; weit trätabler als seine preußischen Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in Budapest von ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen und verludert; stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm den militärischen Gruß zu geben, frech ins Gesicht. Der Oberst sah ihn an, seine Stirn rötete sich, er machte Miene, auf ihn zuzugehen, besann sich plötzlich, senkte vor Erasmus den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller Selbstbeherrschung von etwas Gleichgiltigem.

Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Gedächtnis, während er allein die Reise fortsetzte.