Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man wußte nicht, wie man sich seiner erwehren sollte. Man befand sich auf einer gewissen Höhe, unangreifbar, unerreichbar. Man genoß verbrieften Schutz von altersher. Die Sicherungen waren bewährt und tragfähig gewesen bis jetzt. Man war gewohnt, viel Raum um sich zu haben. Raum feite, Raum trennte. Die andern, die Leute, bewegten sich weit draußen. War doch schon ihr respektvolles Aufmerken bisweilen lästig. Man konnte unbeschränkt verfügen: über bezahlte Menschen, über die Stunden, über die Dinge. Die Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die Hand, die unter ihnen wählte. Und das Gesetz, das durch die stummen Jahrhunderte geheiligt war, schrieb das Maß vor.
Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte wurden angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz erstreckten, auf unentbehrliche Schattierungen, auf ehrwürdigste Institutionen, auf auserlesene Formen, auf Auserlesenheit überhaupt, unleugbare, weil durch das Blut bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die Würde. Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war so hämisch, so erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln herum, ein feiges Gespenst.
Man saß aufrecht und hielt sich bereit.
Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt. Es handelte sich wieder um eine Rienburg-Rheda, um die dritte Tochter, die inzwischen herangewachsene zwanzigjährige Pauline. Es waren im ganzen vier Schwestern. Die älteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr früh mit dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie lebte seit einigen Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei der Mutter, unbekannt aus welcher Ursache. Es hieß, eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er in der Trunkenheit zwei Tänzerinnen in die Wohnung mitgebracht hatte. Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod einen Grafen Dettingen geehelicht, Husarenrittmeister, der bei Luck gefallen war. Sie war Mutter von zwei Kindern geworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline und Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt.
Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen sorgfältig vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren hin- und hergereist, um die Stimmung auszukundschaften, unverpflichtende Anfragen waren gestellt, Briefe waren geschrieben worden, deren Taktik an Musterstücken verflossener Kabinettsdiplomatie geschult war, und allmählich entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit. Ehe noch Erasmus aus Konstantinopel zurückgekehrt war, hatte sie schon die Einladung der Gräfin Rienburg für ihn in Händen. Von Tag zu Tag unruhiger wartete sie auf seine Antwort, denn es verkündigten sich verhängnisvolle Ereignisse, und der politische Himmel war schwarz verhängt wie ein Sarkophag.
An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt, erfuhr sie, daß Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen sei. Das konnte nichts anderes bedeuten, als daß sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls erwartete. Ohne langes Besinnen verfaßte sie eine ungestüme Epistel, in welcher sie Marietta auseinandersetzte, daß Erasmus’ Zukunft auf dem Spiel stehe; daß er zu lange schon seine besten Kräfte und besten Jahre damit vergeude, die Ketten abzuschütteln, die sie um ihn geschlungen; daß er allmählich in das Alter trete, in dem man aufhöre, für die Frauen mitzuzählen; daß er jetzt im Begriff sei, eine glänzende Verbindung einzugehen, und daß die Familie, um kein Mittel unversucht zu lassen, sich an ihre Einsicht und oft bewiesene Geistesstärke wende, die ihr zweifellos den Weg aus dem Dilemma zeigen würden.
Zum Glück las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte, ihrer Cousine Nora Klingenberg vor, die ihr solchen Schritt entschieden widerriet. »Soll denn das alte Spiel wieder von vorne beginnen?« rief Francine erregt aus; »Bruch, Versöhnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig zu meiden und gerührtes in die Arme-Sinken. Es ist nicht länger zu ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen, man wird zum Gelächter der Welt.« Nora Klingenberg hielt der Entrüsteten vor, daß sie mit ihren Vergewaltigungsmethoden das Übel verschlimmere; da käme Erasmus erst recht aus dem Schwanken und Zaudern nicht heraus. Je verführerischer man ihm den Köder bereite, je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das Zugreifen; je mehr man ihn überrede, je stütziger werde er. Sie solle es listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie erbot sich, zu Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen, als Frau zur Frau. Dadurch erwachse vielleicht Verständigung. Francine umarmte sie und sagte, sie sei ein Engel. »Laß dir nicht von ihr imponieren,« warnte sie; »vergiß nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout bei Castellanis über den Mund gefahren ist, als darüber debattiert wurde, ob die Lehndorffs oder die Klingenbergs älter seien. Ich versichere dir, ihr Großvater Johann Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er Statthalter gewesen ist; und die Zinsen müssen hoch gewesen sein, Georg Ulrich behauptet, nie unter zwölf Perzent.«
Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen von dem Besuch zurück. Sie berichtete, Marietta sei kühl gewesen, spöttisch, glatt, ausweichend, habe sie beständig abzulenken gewußt; habe sie einmal, als sie sich einen Anlauf genommen, sonderbar lächelnd angeblickt, und nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im Grunde nichts geredet. Sie mache mit einem, was sie wolle, es sei nicht gegen sie aufzukommen; wenn man noch beim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon, und jeder Satz habe zehn Facetten. Im übrigen sei sie hübsch wie nur je; als seien fünfzehn Jahre spurlos an ihr vorübergegangen; bestrickend und anmutig, das reine Wunder.
Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend fing sie an zu schimpfen wie ein Marktweib. Drohte, höhnte; stieß Gegenstände aus dem Weg; schwor, daß sie die gefährliche Komödiantin vernichten wolle, vergoß Tränen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich vergebliche Mühe, sie zu besänftigen.
Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus ältesten Freunden. Er war in jeder Beziehung steckengeblieben, sowohl was seine Laufbahn als auch was seine Entwicklung betraf. Trotzdem vielfache Einflüsse für ihn gewirkt hatten, war er in einem der für unfähige Hochtories vorbehaltenen Präsidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging auf keine Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande, orthographisch richtig zu schreiben. Erasmus erlaubte sich kein Urteil darüber, ob er wirklich so dumm war, wie alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner vollkommenen Diskretion.