Ferry Sponeck nickte andächtig. Erasmus erhob sich lässig auf den langen Beinen und wiederholte mit einer Art Verbohrtheit: »Damit steh und fall ich, daß alle Legitimität von Gott stammt.«
Als ihm Francine von der Einladung der Gräfin Rienburg-Rheda berichtete, erklärte sich Erasmus zu ihrer Freude bereit, sie anzunehmen. Er wußte, worum es sich handelte; er wußte, daß Francine nur auf das eine Ziel hindrängte, und er enttäuschte sie nicht einmal durch ein Kopfschütteln oder das obstinate Lächeln, das er bei solchen Gelegenheiten hatte. Die Stadt machte ihn elend, er sehnte sich nach Stille und Landschaft. »Ist es aus zwischen dir und Marietta?« fragte Francine halb drohend, halb ängstlich. Er antwortete: »Es ist schon lange aus.« Darauf Francine, entzückt: »Seht ihr euch gar nicht mehr?« Er, kühl und gezwungen: »Ach ja, wir sehen uns, aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im Juni getroffen.« Francine verbreitete sich nun ausführlich über den Charakter der Komteß Pauline, und daß eine Ehe zwischen ihr und Erasmus der Gipfel des Wünschbaren sei. Er hörte still zu und sagte dann: »Es ist möglich, daß du recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.« Francine nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und nötigte ihn, an die Gräfin zu telegraphieren, daß er an dem und dem Tag kommen würde.
Um gefällig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen ihm die Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte er gewissenhaft. Man würde unbekannte Leute treffen; er stellte sich solche der abstoßendsten Art vor; geschwätzige Personen, zudringliche Personen. Verpflichtungen würden entstehen; diesen oder jenen würde man verletzen und sich wieder um ihn bemühen müssen; Zwang würde ausgeübt werden; Lärm würde sein; irgendeiner würde da sein, der Türen warf oder des morgens um fünf Uhr nach der Scheibe schoß, oder mit unendlichem Gerede einen Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer zu packen, Nachrichten zu dirigieren; das alles häufte sich zu einem Gebirge, und er verschob den Termin. Francine ereiferte sich, er wich zurück. Er sagte, man bedürfe seiner im Amt. Sie erwiderte, man bedürfe seiner mit nichten; bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er sich fernhalte. Er gab es ermüdet zu, bat aber für die Reise um eine Woche Frist. Sie feilschte um zwei Tage und verlangte, daß er am Sonntag reise. Er willigte ein. Am Samstag abend erhielt er eine Karte von Marietta, die ihn ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er erschrak. Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz verschollen heimlich damit gerechnet. Daß es eintraf, war Erschütterung. Er erklärte Francine, daß eine wichtige ministerielle Sitzung ihn verhindere, früher als Mittwoch zu reisen. Francine starrte ihn sprachlos an. Aber da er ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt nicht weiter hinauszuschieben, mußte sie sich zufrieden geben.
Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs, Erasmus unter denen, die hinten standen, denn vermöge seiner Länge konnte er über die Köpfe schauen.
In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorstädten herein, ein schwarzer, breiter, klebrig fließender, stummer Menschenstrom. Sie kamen zur Verkündigung der Republik. Die Straße war ausgefüllt bis an die Häusermauern. Aus der nachmittägig-nebligen Ferne, die wie bodenlose Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte sich schattenhaft in Leiber und Gesichter, schwoll durch Zufluß aus Nebengassen, wälzte sich drohend ruhig vorüber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus, Schritt für Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der vor dem großen Platz die Straße verengerte, und der die gestauten Massen langsam verschlang. Eine Stunde verging, und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser Tiefe glich, wälzte sich das Ungeheure her, das nicht eine Summe zählbarer Einzelner war, sondern ein Element für sich, zu einem Willen verschmolzen, kroch und wogte vorüber, spürbar-, sichtbar-wirklich, fortbewegt durch einen gewaltigen und äußerst zu fürchtenden Trieb, bis es der dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen ähnlich, gierig schluckte.
Die Herren rührten sich nicht. Mattes Erstaunen würgte ihre Kehlen. Einer sagte vor sich hin: »Das ist das Ende.«
Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem Freunde Ferry Sponeck in dessen Wohnung. Sie vermieden es, über das Gesehene zu sprechen. Sie erstickten es in sich. Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts zu tun; sie stießen es wieder weg und gruben es zu.
Sie aßen schweigend und lauschten auf Geräusche von der Straße. Aber diese Straße der alten Paläste war still; sie lag noch in einem vergangenen Jahrhundert und träumte. Sie war wie von einem verstaubten Seiden-Gespinnst überzogen.
Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls für ein paar Wochen nach Rienburg gehen; die Gräfin habe ihn mehrmals aufgefordert, übrigens sei er ja als Vetter der Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte und schien seinen Entschluß zu billigen. Ihn freue es nicht besonders, daß er hin solle, sagte er dann, aber Francine lasse ihm keine Ruhe, und so habe er nachgegeben. Gegen Francine aufzukommen, sei schwer, nicht bloß wegen ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem, sondern auch, weil man sie schonen müsse.
Er hielt inne, um zu ergründen, ob Ferry Sponeck ihn richtig verstehe. In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe, wenn du willst, ich bin vernagelt, wenn du willst. In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das war genau, was Erasmus wünschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute hielten. Er wollte sich das Verworrene und Traurige in Francines Leben zurechtlegen; er hatte es mit Worten noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuhörer, und zwar einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry zu erkennen gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort: