Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden; damals, als das Niemehrgutzumachende mit dem italienischen Sänger passierte, sei sie achtzehn Jahre alt gewesen, der Verführer sechsundvierzig, noch dazu verheiratet und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle Konsequenzen gezogen; nicht bloß in ihre schwierige Lage sich gefügt und dem die Treue bewahrt, der ihre Zukunft vernichtet, sondern auch in den Enttäuschungen, Demütigungen und Kämpfen ihren großen Charakter gestählt. Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht, sich eine neue Position zu schaffen und außerdem noch soviel Kraft erübrigt, ihm, dem jüngeren Bruder, eine tätige und hilfreiche Freundin zu sein. Das müsse man bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der habe keinen Begriff von Unerschrockenheit und Würde.
Ferry Sponeck mußte den Begriff haben, denn er blickte Erasmus zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile: »Ich habe oft darüber nachgedacht, warum es so kommen mußte, bei ihrem Stolz, ihrem Bewußtsein davon, was sie dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu dem Resultat gelangt, daß das, was ihr zum Verhängnis geworden ist, ein Ungnadsches Verhängnis überhaupt ist. In jedem Ungnadschen Leben, habe ich herausgefunden, ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger Moment, wo die Sinnlichkeit ein für allemal über ihn entscheidet. Es fängt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudrücken wovon; zum Beispiel, man geht über eine Brücke und sieht, wie ein Weib sich über das Geländer beugt und sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist irgendein anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen Moment geschieht, beeinflußt und durchdringt das ganze Leben, wie wenn ein bestimmtes Aroma aus einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie wenn ein winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem mit Flüssigkeit gefüllten Becken für immer den Geschmack gibt. Man kommt nicht mehr los. Das Winzige entscheidet. Man kommt von dem Aroma und dem Geschmack nicht mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.«
Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an. Das ging weit über seine Welt. »Jaja,« murmelte er; »schon; natürlich; so was ist schlimm, armer Kerl, sehr schlimm.«
Es gab ein tiefes und gehütetes Geheimnis im Leben der Gräfin Marietta Giese. Es war dieses Geheimnis ebensosehr eine Quelle von Glück und Kraft als von Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es sie mit Zweifeln quälte; aber immer war sie seiner Herr. Die vor der Welt verschwiegene Bürde ist oft Reichtum; Besitz, der vor fremden Augen bewahrt werden muß, oft Pein.
Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wußte es nicht. Sie hatte den Knaben während des Jahres zur Welt gebracht, in welchem Erasmus in Japan war. Ihre Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen worden, das war ihre Freundin Helene von Gravenreuth; in einem Dresdner Sanatorium hatte sie das Kind geboren; auf Schloß Gravenreuth lebte der kleine Wolf in sicherer Hut.
Es war keine Zufallsfrucht. Sie hatte das Kind mit ihrem Willen empfangen. Während sie es getragen, war sie sich völlig klar darüber gewesen, was sie auf sich nahm. Sie mußte es durchsetzen gegen die Welt; es vorbereiten auf ein ungesichertes Schicksal. Hatte sie es doch der Welt abgerungen und vom Schicksal ertrotzt. Solche sind von Anfang an belastet. Erasmus war der Mann nicht, den ein Kind inniger an die Geliebte bindet. Ihr gegenüber war ein Kind seine Furcht und sein Aberglauben stets gewesen. Der Grund davon hätte ihr schmeicheln dürfen, wenn er nicht im dunkleren Teil der Seele Beleidigung geworden wäre. Die Frau in ihr war spät erwacht. Sie mußte etwas haben wider ihn und für sich; und für ihn und wider die Gesellschaft. Sie hatte ein Pfand gebraucht und eine Bestätigung. Es kam nicht darauf an, daß er es erfuhr; vielleicht würde er es niemals erfahren; mit Empfindsamkeiten rechnete sie nicht; zärtliche Rührung war weder ihre noch seine Sache. Ihr diente es. Sie wurde befestigt. Und über Pfand und Bestätigung hinaus war es auch Bild, noch dazu ein schönes, lebendiges. Die Väter waren ihr ohnehin Ziel des Spottes. An Vatergefühle glaubte sie wenig. Und ihm ein Kind präsentieren, das außerhalb der Ehe gezeugt war, das hieß alle patriarchalischen Vorurteile in ihm wachrufen, sie wußte es, und seine ängstlichsten Bedenken gegen die Mutter kehren. Anlaß genug zu schweigen.
Hatte sie doch auch Freiheit und Liebe ertrotzt. Nie durfte er ahnen, daß und wie sehr es Kampf war. Sie hatte sich losgerissen von Fesseln, und die Haut blutete; für ihn mußte es sein, als hätte sie sich einen Kranz vom Haar genommen, der zu welken beginnt. Was sie verachtete, war ihm ehrwürdig; worunter sie seufzte, war ihm von heiliger Bedeutung. Immer sein Zagen, sein Zurückhalten; sein Warnen, sein Nichtbegreifen, wenn sie vorwärts wollte; wieviel List war da nötig; wieviel Geistes- und Herzensgut zerstäubte; wieviel Erklügelung forderte es, ihn so zu führen, daß er zu führen im Wahn blieb. Voneinandergehen: Ungewißheit; Wiederkommen: Hangen und Bangen; Getrenntsein: das Nichts; Zusammensein: Druck seiner Hypochondrie. Leidenschaft lohte auf, schwelte und verglomm. War das noch Leidenschaft, wenn einer so lange mißtraute, bis er wehrlos wurde? und sich dann schemenhaft entzog? Marietta schlug den Funken, wärmte den Freund mit Blick und Atem, prägte sich ihm ein, die Stunde ihm ein, die Liebkosung, das bindende Wort. Alles hing davon ab, daß er nicht vergaß, daß er immer wieder zu ihr fand und sie sich finden ließ, nicht mit zu leichter Mühe, nicht mit zu schwerer. Er: stets im Begriff, einem Joch zu entschlüpfen, dem die Sanktion fehlte, das Gewesene zu leugnen; sie: in Ruhe, in scheinbarer, die Wagschalen sorgsam in der Gleichlage haltend, gespannt, geduldig, heiter, geschmückt, in Hader mit ihrer Kaste, die soziale Tyrannei geistig überwindend, im Gefühl ihr verfallen, und so, mit einer Existenz am Rande der Gesellschaft, am Rand des Möglichen und Anerkannten, in unaufhörlicher Schwebe.
Sie hatte lange gezögert, ob sie ihn rufen solle. Beim Abschied hatten sie einander feierlicher als sonst entsagt. Sie nannte das die Erklärung des Desinteressements. Es war notwendig zu seiner Gewissensentlastung und damit die Pläne, die andere mit ihm vorhatten, nicht seine allenfallsigen Entschließungen hemmen konnten. Ihr blieb nichts übrig, als zu warten. Die Jahre untergruben auch in ihr langsam das Vertrauen zu der Macht, die bisher jedes Hindernis besiegt hatte. Der Spiegel wurde zum Memento. Der Spiegel betrog nicht, noch war er zu betrügen.
Sie ließ früh die Lichter anzünden. Da sie sich seit dem Morgen unpäßlich gefühlt hatte, legte sie sich auf die Chaiselongue und ergab sich dem Vorüberrinnen der Stunden. Den November hatte sie von jeher gehaßt. Sie war überzeugt, daß es der Monat sei, in dem sie sterben würde. Der alte Diener, der aussah wie ein Kalmück, huschte auf dem Teppich hin und her, um den Teetisch zu richten. Das kostbare Geschirr klirrte melodisch. Sie war in ein rosafarbenes Teegewand gekleidet, mit breiten Valencienner Spitzen an den weitoffenen Ärmeln. Die Farbe brachte das Leuchtende ihrer Haut zur Geltung wie auch das tiefe Goldrot der Überfülle ihres Haares.
Die Glocke läutete; nun kam er. Den zaghaft und fast lautlos Eintretenden begrüßte sie mit zartest-unbefangenem Lächeln, entschuldigte sich, daß sie lag, reichte ihm die Hand, die er ergeben an die Lippen führte. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann stammelte er allerlei, um zu rechtfertigen, daß er sich nicht selbst gemeldet. Sie wunderte sich und schnitt die kläglichen Versuche sanft ab. Indes brachte der Kalmück den Tee, und man hatte Beschäftigung. Marietta übernahm die Leitung des Gesprächs. Ihr Instinkt gebot ihr, viel zu sprechen. Sie erzählte ein paar lustige Episoden aus Eichfurth, schilderte ein Diner, bei dem sie gewesen, einen nächtlichen Gang in der erregten Stadt, eine Begegnung mit einem der gestürzten Minister, den Eindruck der Lektüre von Barbusse’ l’enfer, die Verabschiedung einer unverschämt gewordenen Zofe, alles leicht, pointiert, schmiegsam. Sie ließ die Stimme spielen. Sie erfuhr es wie eine Botschaft, daß die Stimme noch ihre sinnliche Magie besaß.