Zuerst dünkte ihm, er hätte die Stimme nie gehört. Jetzt erkannte er sie wieder. Der Klang; diese Pausen, diese Einschiebsel, diese Raschheit, diese Belebtheit. Er war zu schwerfällig, im gleichen Tempo mitzugehen; er blieb gewöhnlich im Erwägen und Verstehen um einen Schritt zurück, auch um zwei oder drei; manchmal wartete sie gutmütig, bis er nachgekommen war, manchmal auch nicht, dann ergötzte sie seine Verwirrung und sein galanter Eifer. Es bereitete ihr Genugtuung, ihn völlig ahnungslos zu wissen über die Absichten, die sie verfolgte, ihn raten zu lassen, im Kreis herumzulocken und durch Kapriolen zu beunruhigen. Zuweilen zuckten ihre Lippen in verhaltenem Mutwillen, aber hinter dem Mutwillen war Traurigkeit, und das gab dem Ausdruck Reiz und Wechsel.
Ohne Übergang sagte sie plötzlich: »Es ist keine üble Idee von Francine, dich zu Rienburgs auf Werbung zu schicken. Ich bin ganz einverstanden damit. Der Versuch vor sechs Jahren mit Sebastiane ist ja im Anlauf steckengeblieben, und du hast dir nichts vergeben und nichts verdorben. Wie alle früheren Heiratsprojekte verfehlt waren, so auch dies. Sebastiane wäre nicht die richtige gewesen. Pauline ist vielleicht die richtige.«
Sie sah mit lächelnd-gleitendem Blick an ihm herab, der betreten vor sich hinschaute, und fuhr fort: »Ich kenne ja die Familie gut, wie du weißt. Lix war eine Zeitlang in mich verliebt, war hinter mir her wie mein Schatten, und ich half ihr bei ihrer etwas verstiegenen Korrespondenz. In der unglücklichen Ehe mit Heinrich Lerchenfeld ist sie dann Theosophin geworden, was ein jämmerlicher Trost für eine elegante junge Frau ist. Ich sage, Pauline ist vielleicht die rechte, weil wir ja noch die kleine Aglaia haben, und es wäre immerhin zu bedenken, ob sie nicht vorzuziehen ist. Ich habe neulich mit Georg Ulrich Castellani darüber gesprochen; nur um ihn auszuholen, denn er ist ja gescheit wie der Tag, und weil er viel mit Rienburgs zusammen ist; er wird auch mit dir zugleich dort sein, wie ich dir im Vertrauen mitteilen kann. Leider ist der Altersunterschied zwischen dir und Aglaia etwas zu groß; zweiundzwanzig Jahre, das ist fast unmoralisch. Außerdem ist sie ein Wildfang; du würdest Mühe mit ihr haben. Geht denn das? Kannst du Mühe aufwenden? eine Widerspenstige zähmen? Das ist nichts für dich. Pauline ist die stillere; ein wenig melusinenhaft; das hast du ja gern. Sie gibt Rätsel auf, aber die Rätsel sind leicht zu raten. Sie hält sie freilich für unlösbar; das ist nur eine Chance mehr für dich; es beschäftigt sie. Du brauchst eine Frau, die dich restlos anbetet; ich meine nicht adoriert; adorieren ist zu glatt und zu seicht; nein, geradezu anbetet, in Staunen verloren. Und nicht etwa aus Stupidität, sondern aus Phantasie. Heiratest du eine Person ohne Phantasie, so läufst du Gefahr, daß sie sich und dich nach drei Wochen zu Tode langweilt. Oder sie stellt Ansprüche, und das würde dich deine Nerven kosten. In deine Hintergründe ist schwer zu dringen; es braucht dazu ein bißchen Geist und viel Geduld. Stifte nur keine Verwirrung. Verliebe dich nicht in beide zugleich, oder mach dir nicht selber Opposition, indem du eine gegen die andere ausspielst und dann bei allen zweien verspielst. Sei kühl, aber sträube dich auch nicht gegen eine ehrliche Neigung; halt dein Herz nicht zu fest und laß deine Augen nicht zu gierig sein.«
Erasmus hatte sein spleeniges Lächeln, als er zögernd erwiderte: »Deine Fürsorge ist wirklich bezaubernd, Mariette. Leider ist sie nicht genügend motiviert. Ich leugne nicht, daß die Verbindung mit Rienburgs ihre Vorteile hat, aber du weißt doch, du sagst es selbst, wie wenig ich mich für die Ehe eigne. Leuchtet mir auch das Nützliche und Förderliche ein, wenn es dann ums Ja oder Nein geht, scheint es mir vollkommen töricht, daß ich ja oder nein sagen soll. Warum rücken einem die Leute so nah mit ihrem Verlangen nach dem Ja oder Nein? Es ist lästig, sich entscheiden zu müssen. Ich will mich nicht entscheiden.«
»Du willst dich nicht entscheiden,« wiederholte Marietta leise, mit einem unhörbar bittern Unterton; »das begreife ich. Du willst, daß für dich entschieden wird, und möglichst zu deiner Bequemlichkeit. Du rührst nicht hin; alles soll sein wie Blumen unter Glas. Du kannst aber nicht außerhalb von Ja und Nein leben. Hast du noch nie darüber nachgedacht, was für ein mörderisches Ding das Vielleicht ist, und was für ein unredliches das Nochnicht? Du eignest dich für die Ehe nicht mehr und nicht minder als jeder verwöhnte und egoistische Mann in deinen Jahren. Man darf sich nicht kostbarer fühlen als die Welt einen wertet, sonst wird man gleich ein bißchen lächerlich. Was riskierst du? Höchstens, eine Frau unglücklich zu machen. Fällt das so schwer ins Gewicht? Ist es so verführerisch, als bisweilen eingeladener, bisweilen übergangener, mäßig interessanter Sonderling in einer öden Wohnung zu hausen, mit Köchinnen, die rappelköpfig sind, und Dienern, die einem die Wäsche auftragen und die Zigaretten stehlen? Weshalb die Skrupel? Worauf wartest du?«
Mit einer Betroffenheit, die seinem Gesicht einen kargen und betrübten Ausdruck verlieh, antwortete Erasmus: »Keineswegs konnte ich darauf gefaßt sein, gerade in dir einen so eifrigen Anwalt für meine Verheiratung zu finden. Es ist mir neu –«
Marietta wandte sich ihm mit großem Blick zu. »Ja, siehst du, Lieber,« sagte sie langsam und freundlich, »ich muß nun auch daran denken, mein Leben unter Dach und Fach zu bringen. Für so naiv wirst du mich doch nicht halten, daß ich dir aus reiner Selbstlosigkeit zurede. Als ich ein Kind war, hing zu Hause ein Bild; die Verlassene hieß es. Diese Dame blickt von einem Felsen an der Küste sehnsüchtig aufs Meer hinaus; es standen auch die Worte kummervoll und tränenleer darauf. Ich konnte das Bild nie anschauen, ohne mich über die dumme Gans zu ärgern. Daß ich solche tragische Figur abgebe, wirst du mir doch nicht zumuten. Kummervoll und tränenleer; nein, ich danke. Ich bin für Erledigungen.«
»Ich verstehe nicht,« murmelte Erasmus, »wir sind jedesmal übereingekommen –«
»Laß das, bitte,« unterbrach sie ihn scharf und hob den Kopf ein wenig. Ihre Augen schimmerten wie dunkle Opale.
»Aber wie meinst du das: dein Leben unter Dach und Fach bringen?«