»Sehr einfach: ich will heiraten; ich auch.«

Erasmus staunte starr, mit eckig emporgezogenen Brauen. »Heiraten? Du? Wen denn, um Gotteswillen?«

Die Anrufung Gottes und die zwei bestürzten Zirkumflexe auf seiner Stirn brachten Marietta zum Lachen. Er zuckte zusammen. Er liebte dieses Lachen an ihr, das den Mund einer aufgeschnittenen Frucht ähnlich machte und sie zwanzigjährig erscheinen ließ. Es enthielt Erinnerung an Reiz und Liebkosung, Halbvergessenes, Halbentschwundenes, Unvergeßbares, heimlichstes Wunder des Geschlechts. Innere Unruhe zwang ihn äußerlich zur Unbeweglichkeit; er schaute sie an wie eine Frau, der man zum erstenmal begegnet, von der man aber berückende Wissenschaft hat.

Es war ein vollendeter, trivialer kleiner Roman. Das Triviale daran bot die Gewähr; von den Finessen war sie satt. Als sie im Sommer mit Helene Gravenreuth in Bern gewesen, habe sie einen jungen Holländer kennengelernt, reich, luxuriös, durch und durch lebendig, mit exzellenten Manieren, und dieser Holländer nun, den Namen bitte sie vorläufig verschweigen zu dürfen, habe sich mit äußerster Entschlossenheit in sie verliebt. Sie sei ihm nicht gerade entgegengekommen, habe ihn aber auch nicht entmutigt, und als sie mit Helene nach Pontresina gefahren, sei er eines Tages dort erschienen, man habe gemeinsame Ausflüge gemacht, Bridgepartien arrangiert, und so weiter, wie es eben zu gehen pflege. Dann sei man abgereist, er habe ihr geschrieben, an Helene geschrieben, immer stürmischer, immer offener, und jetzt habe ihn Helene nach Gravenreuth zu Gast gebeten, nachdem sie vorher bei ihr angefragt, ob sie gleichfalls kommen wolle. Er sei wahrscheinlich schon dort; sie werde übermorgen von Eichfurth aus hinfahren. Da Gravenreuth und Rienburg nicht viel mehr als zwei Wegstunden auseinander lägen, sei es eine reizende Fügung, meinte sie zum Schluß ihres Berichts, daß sie sich über den Fortgang der beiderseitigen Verlobungs- und Versorgungsaktionen jeden Tag kameradschaftlich aussprechen könnten, wenn sie Lust dazu verspüren sollten.

Ja, es sei merkwürdig, gab Erasmus zu. Dann schwieg er. Marietta schwieg ebenfalls. Sie ließ ihre Fußspitze kreisen, und Erasmus sah dem Spiel des Fußes zu. Sie blickte an die Decke, und ihre vollen, leidenschaftlich gewölbten Lippen öffneten sich zu einem schimmernden Spalt. Auf einmal sprang sie auf und ging im Zimmer umher. Ging ohne Hast, wie nach einem vorgefaßten Rhythmus, und ihre Gestalt hob sich wiegend ab von überlegt gestimmtem Hintergrund. Mit lässiger Hand berührte sie bald eine Vase, bald ein Stück Stoff, ohne die Hand zu heben, im Gleiten nur.

Er kannte genau die Art, wie sie beim Gehen den Fuß aufsetzte, bewußt, ihn leicht und kräftig aufzusetzen, so daß die Gelenke entlastet wurden und die Hüfte nur unmerklich zitterte. Der straff gehaltene Oberkörper folgte der Bewegung nur insoweit, als er dadurch nichts an Maß, aber auch nichts an Freiheit verlor. Es war ein bedachtes und gefeiltes Schreiten. Sie schritt, als schmecke ihr das Gehen, als trüge sie sich in eigentümlicher Weise selber. Jede Veränderung einer Linie an ihrem Körper umschloß den Keim zu einer Gebärde, die er kannte und die ihm vertraut war seit vielen Jahren. Viele seiner Stunden kamen wieder, während sie so ging und schöne Gegenstände an rührte, viele seiner Gedanken, Wunsch und Erfüllung.

»Und du? Du liebst ihn?« fragte er scheu.

»Bah, Liebe,« antwortete sie; »es geht nicht um Liebe. Es geht um Halt, es geht um Dauer. Ich bin manchmal müde, weißt du. Es ist so gut, bei einem zu ruhen. Davon zu träumen, ist schon gut. Wir sind alle ein wenig an die letzten Barrièren gehetzt, nicht bloß ich und du. Aufatmen, ausatmen, o!« Sie blieb stehn und schaute zu einem Bild an der Wand empor, ohne es zu sehen. »Was ich tue, ist mir klar,« fuhr sie mit tiefsonorer Stimme fort, in der sich Blut und Natur verriet; »wenn man mit meinen Erfahrungen eine neue Ehe schließt, gibt es keine Illusionen mehr. Mit achtzehn Jahren ist es ein Sprung in die Finsternis; ich habe ihn getan. Kommt man mit halbwegs heilen Gliedern davon, so hat man höchstens gelernt, daß man einen langen Löffel haben muß, um mit dem Teufel eine Mahlzeit zu halten, aber das Abenteuer lockt, und der süße Tag verspricht. Wir sind leichtgläubige Geschöpfe. Heute ... ich will froh sein, wenn der, dem ich mich überlasse, mir mit der Achtung begegnet, die eine anständig erworbene Invalidität verdient.«

Erasmus sagte: »Wir haben manches zusammen erlebt, in langer Zeit, und daß es zu Ende sein soll, kann ich mir nicht vorstellen.«

»Sonderbar, daß du mir nie und durch nichts fremder wirst, aber auch nie und durch nichts vertrauter,« sagte Marietta, indem sie sich auf den Rundstuhl vor dem Flügel setzte und den Deckel öffnete; »du warst eigentlich immer der, der kommt und der, der geht; nie der, der bleibt. Du kannst nicht Aug in Auge sein. Du fürchtest den Blick, der dich fordert. Warum nur?« Sie schlug ein paar Akkorde an, sehr leise, und sprach weiter: »Wir haben manches zusammen erlebt, gewiß; doch nicht so zusammen, wie du glaubst,« sie neigte das Haupt tiefer; »oft in unsern schönsten Zeiten, und es waren schöne Zeiten, ich will nicht undankbar sein, hatte ich das Gefühl: du hast ihn sich selber gestohlen, und er trägt dir den Diebstahl nach. Ja, er hadert, sagte ich mir, er sammelt Ressentiments, und eines Tags wird er mit der großen Liste kommen und abrechnen. Da ists doch vielleicht besser, vorher ein Ende zu machen; meinst du nicht?«