Erasmus erhob sich und wollte zu ihr hin. Sie streckte abwehrend die Arme aus.
Vierundzwanzig Stunden später war Erasmus in entlegener Welt, ein Hinbefohlener, um Glück zu suchen. Die Freude, mit der er aufgenommen wurde, bedrückte ihn, da er das Programm zu spüren glaubte, und er gab sich spröder noch, als ihm zu Sinn war; doch nicht lange. Die arglosen Gespräche schlossen ihn auf, die unbefangene Nähe der heitern Frauen. An viel Gemeinsames konnte angeknüpft werden. Der leichte Zwang zur Geselligkeit überschritt liebenswürdige Formen nicht, der Tag teilte sich natürlich ein, die kleinen Pflichten fielen nicht lästig. Am Abend versammelten sich alle in dem entzückenden Speisesaal im Mariatheresiastil; das Souper hatte festliches Gepräge. Auf der Tafel und auf sechs Konsolen brannten Kerzen in silbernen Kandelabern. Die Gräfin nahm ihre Vorliebe für Kerzenlicht zum Anlaß einer Philippika gegen die Zudringlichkeit moderner Beleuchtung, die delikate Farben wirkungslos und zarthäutige Frauen schlecht aussehend mache. Graf Castellani, mit seiner Meinung stets zu ihren Diensten, stimmte ihr bei, Hofmann, der er war.
Am andern Morgen sagte er zu Erasmus, als sie nach dem Frühstück durch den Park gingen: »Die gute Gräfin denkt, wenn sie fünfundzwanzig Kerzen brennen läßt, hat sie schon achtzehntes Jahrhundert im Hause. Als ob achtzehntes Jahrhundert bloß ein niedlicher Illuminationsscherz wäre. Heute sind alle so. Leere Prätensionen. Eine herzlich angenehme Frau, aber ohne Tournüre. Viel guter Wille; der Zuschnitt pitoyabel.«
Georg Ulrich Castellani war etwas vereinsamt hier. Er machte sich nichts aus Frauen. Als Mitglieder der Gesellschaft und vernunftbegabte Individuen konnte er sie im zureichenden Fall achten, im unzureichenden verbarg er die Geringschätzung hinter seiner ziselierten Artigkeit; als Geschlechtswesen waren sie nicht vorhanden für ihn. Er hatte sich darauf eingerichtet, den ganzen Winter auf dem Gut zu bleiben; er empfand sich, in historischer Weise, durchaus als Emigrant. Er war der nächste Freund des gefallenen Dettingen gewesen; Sebastiane begegnete ihm mit scheuer Verehrung. Es hieß, er benutze die ländliche Muße zur Niederschrift seiner Memoiren, die Hauptbeschäftigung der großen Aristokraten nach dem Herbst des Jahres 18; in ihm war sicherlich Überfülle des Stoffes, da er, obwohl erst sechsundvierzig, in alle bedeutenden Welthändel von Algeciras bis Brest-Litowsk tätig eingegriffen hatte.
Polyxene sagte zur Erasmus: »Man erfährt durch ihn Dinge, die in keinem Buch zu lesen sind. Wenn er spricht, ist er unwiderstehlich; wenn er schweigt, ist etwas Schauerliches um ihn. Er hat die Aura des Verhängnisses.«
Erasmus, belehrungsdurstig, wollte wissen, was das sei, die Aura des Verhängnisses. Sie belehrte ihn gern.
Aglaia wagte es, Georg Ulrich zu verspotten, als sie mit Erasmus über ihn sprach. Sie ahmte nach, wie er schamhaft die langwimprigen Lider senkte, sobald er einen seiner vergifteten Redepfeile abschoß. Sie erzählte, daß er in Paris eines Tages seinen Diener auf die Straße geschickt habe, damit er einen Kommissionär heraufhole; als dieser vor ihm stand, habe er bloß gefragt, wo der nächste Friseurladen sei und ihn nach geschehener Auskunft gnädig entlohnt.
Keine der Frauen ließ Erasmus merken, daß sein Besuch einem Zweck gelte; keine schien davon zu wissen. Infolgedessen gewann er Freiheit und faßte den Zweck selber ins Auge. Nicht so sehr mit dem nüchternen Gedanken, sich zu binden, als vielmehr mit dem schmeichelnden, zu erobern. Aber hier fing schon die Mißlichkeit an. Da vier anmutige und besondere Geschöpfe ihre Lockfäden um ihn spannen, vergaß er, daß mindestens zwei von ihnen seiner Wahl nicht anheimgestellt waren. Aber sein Wunsch im allgemeinen wurde rege. Wohl wußte er, daß das gefährlich war und daß es ihn aus der Bahn des Ersprießlichen lockte; aber er ließ es geschehen, daß das Nützliche zurücktrat gegen das Wohlige, und indem er sich der ihm auferlegten Vorschrift leichtsinnig entschlug, wuchsen Mut und Unternehmungsgeist in ihm. Es war so läßlich betäubend, das alles, so von der Zeit entfernt, in der Mischung von Spiel und Ernst seiner Art gemäß, und es entfalteten sich deshalb auch die anziehendsten Seiten seiner Natur.
Kaum aber wurden die fünf Damen, die ja im Grunde fünf Verschworene waren, seiner Empfänglichkeit inne, so trugen sie Sorge, daß die günstige Entwicklung tunlich gefördert werde. Jedoch sehr heimlich; von einer Unterredung zwischen zweien oder dreien oder im Plenum blieb auf keinem Gesicht eine Spur haften. Sie wußten zu genau, daß eine Unvorsichtigkeit viel verderben konnte. Pauline verhielt sich bei den Beratungen passiv, wurde auch nur hinzugezogen, wenn es sich darum handelte, ihr notwendige Verhaltungsmaßregeln einzuschärfen oder sie wegen begangener Ungeschicklichkeiten zur Rede zu stellen. Aber um ihr behilflich zu sein, mußten sich alle einem gewissen Plan fügen, der darin bestand, Pauline vorzuschieben und sie der Gelegenheiten möglichst wenig zu berauben.
Das klang in der Theorie selbstverständlich und schien ohne weiteres befolgbar. In der Praxis war dabei mit der Gegenpartei zu rechnen. Zum Beispiel fand es Polyxene beschwerlich, daß sie auf die Gesellschaft von Erasmus verzichten solle, sobald Pauline am Horizont sichtbar wurde. Sie sagte, ein wenig beleidigend, sie sei froh, sich mit einem vernünftigen Menschen unterhalten zu können; ihm auszuweichen, wenn er sie suche, dazu erblicke sie keinen Anlaß. Sebastiane wieder erklärte es unter ihrer Würde, daß sie Vorschub leisten solle, wo es doch nicht einmal feststehe, ob eine sympathische Beziehung vorhanden und ob Erasmus gewillt sei, sich mit Pauline soviel zu beschäftigen, wie man annehme. Aber ehe Erasmus gekommen war, hatte sie sich am eifrigsten für den Heiratsplan eingesetzt und der jüngeren Schwester vortreffliche Ratschläge gegeben. Pauline selbst hatte sich am meisten über Aglaia zu beklagen, die sich, wie sie äußerte, in jedes Gespräch dränge, sich mit ihrer agassanten Koketterie lästig mache und es anscheinend nicht ertragen könne, wenn man sie fünf Minuten lang unbeachtet ließ. Aglaia lachte zu den Anschuldigungen und antwortete schnippisch, jeder könne sich sein Vergnügen verschaffen, wo er wolle, und wem sie im Wege sei, der möge ihr den Rang ablaufen, das Aschenbrödel abzugeben, habe sie keine Lust. Die Gräfin beschwichtigte die erregten Gemüter, appellierte an Polyxenes Stolz, an Sebastianes Vernunft, an Aglaias gutes Herz, doch dauerhaft war der Frieden nicht, den sie mit Aufwand vieler Worte stiftete.