Erasmus ahnte nichts von den Streitigkeiten, deren Ursache er war und denen er in fühlloser Unschuld täglich neue Nahrung gab. Er überließ sich dem Antrieb und der Stunde, der augenblicklichen Neigung und Verführung, nahm, was ihm entgegengebracht wurde und forschte nicht, was hinter den Wänden vorging und sich hinter den klaren Stirnen verbarg.
Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die über ihr Wesen gebreitet war. Sie hatte den überschmalen Kopf der untergehenden Familien, auch Schultern und Hände waren überschmal. Sie ging, wie die Engländerinnen gehen, mit dem vollaufgesetzten Fuß und etwas rückenden Schenkeln. In den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe, welche sinnliche Unruhe erzeugt; die Nasenflügel witterten beständig wie bei einem äugenden Wild. Sie sprach mit Bitterkeit von ihrem zerstörten Leben und andeutend von den Tröstungen astraler Wissenschaft. Erasmus hörte gewinnend aufmerksam zu; seine spärlichen Einwürfe galten mehr ihrem Blick, ihrem Mund, ihrem Hals, ihrer dunklen Stimme, dem stummen Fieberhaften, verheißend Glühenden ihres Innern als ihrer Rede.
Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die Blasse, mit dem winzigen Haupt und der graziösen Haltung, die so ausgeglichen war; und klug; und ein bißchen trocken und mißtrauisch. Er hatte sie für temperamentlos gehalten, bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen aus dem Dorf zugelaufenen großen Hund, der ihren Buley angefallen und sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit an der Schnauze packte, mit der andern Hand beim Hinterlauf, und als es ihr gelungen war, ihn wegzureißen und zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er führte sie zum Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war schweigsam. Er bedauerte plötzlich seine Flucht vor sechs Jahren, und sie spürte, daß etwas dergleichen in ihm vorging, denn sie lächelte verstohlen in ihrem nachstürmenden Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles weiß und verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als Mutter war sie ihm unnahbarer als ihre Schwestern. Sie hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein vierjähriges; die standen neben ihr wie Wächter; und unerklärlich, um die Kinder beneidete sie Erasmus, als wäre er selbst eine Frau, eine unfruchtbare, im Widerpart zur beglückten, und sie schien ihm höher dadurch und reiner, geborgener jedenfalls und den Begierden entrückter.
Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mit jungen Mädchen gemacht; man kam mit ihnen ermüdend oft auf einen toten Punkt und ließ sich aus Kümmernis der Langeweile, aus Gutmütigkeit oder auch aus Bosheit zu einem törichten und übereilten Wort hinreißen, in dem man dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit, keine Unbefangenheit, kein Maß, nur die plumpeste Zielstrebigkeit und Fallschwere. Warum fiel ihm so häufig der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mußte lachen; was war denn das, ein Nebelhuhn?
Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen. Man hatte ihn vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson. Ein hervorstechender Zug seines Charakters war, daß er einem fremden Willensdiktat gegenüber in die Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte man ihm einen Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum Stumpfsinn davon eingenommen, was nicht hinderte, daß er ihn schließlich unausgeführt ließ; nur mußte er zuerst beschließen, ihn nicht auszuführen, dann war alles im Geleise.
Hier war er unschlüssig; bald gefangen, bald abgestoßen; bald neugierig, bald argwöhnisch. Komtesse Pauline hatte üppig entwickelte Formen, im Gesicht etwas Porzellanhaftes, Augen von fast unpassender Durchsichtigkeit. Sie war bedächtig, meist in sich verloren. Wenn er mit ihr sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare dufteten wie eine frische Weizengarbe. Sie war verspätet; die beklommene Lässigkeit des ersten Erwachens war noch in ihr, oder jetzt erst. Sie ging jede Woche zur Beichte, und in ihrem Zimmer stand ein kleiner Hausaltar, vor dem sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald darüber im Klaren zu sein, daß sie mit ihrem vollen, unenttäuschten jungen Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheit für ihn. Es war zu plan und zu ernsthaft; eh man sich recht besann, war man in der Schlinge. Er legte sich auf die Lauer und spähte auf den belagerten Weg. Vor Überfällen hatte er heillose Angst. Doch ließ er sich dann wieder anlocken und einlullen von dem schwebenden, fragenden, zwingenden Gefühl und flüchtete in der Not etwa zu der schlüpfrigen Eidechse Aglaia.
Deren Siebzehnjährigkeit war wie eine sprudelnde Fontäne, lärmend und erfrischend, ein unhemmbares Quellen. Sie gehörte zu denen, die schon als Kind alles sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin, Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles Böse. Sie sagte Dinge, die einen abgebrühten Lebemann zum Erröten brachten und hegte noch die zärtlichsten Empfindungen für ihre Puppen. Sie war ruhelos, naschhaft, ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte, spielte aus Lebensüberschuß Komödie, hatte bisweilen Gesten und Bewegungen wie die wilden Negerinnen der Tropen, die an Nacktheit gewöhnt sind, weinte und lachte über ein Nichts und war der Despot im Hause. Erasmus ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie verabredet.
An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus im oberen Korridor. Sie sagte zu ihm: »Wenn Sie mit mir kommen, will ich Ihnen etwas zeigen.« Sie hatte von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit gehabt, der den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem übrigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft mit Erasmus verkehrten. Sie führte ihn durch ein paar unbewohnte Räume in den Ahnensaal, dessen Wände von Gemälden bedeckt waren, deutete auf das Bild einer kühnblickenden, reichgeschmückten Dame und sagte: »Das ist meine Ur-Urgroßmutter, der ich ähnlich sehen soll, eine Polin. Es heißt, daß sie mehr als ein Dutzend Liebhaber gehabt hat, und so viele Abenteuer außerdem, daß Ludwig der Fünfzehnte manchmal den russischen Gesandten gefragt haben soll: was gibt es Neues von der Fürstin Barbara Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie den Aufständischen vorangeritten und von der ersten Kugel ins Herz getroffen worden. So muß eine Edeldame leben, und so muß sie sterben, finden Sie nicht?«
Dieses »Edeldame,« wie sie es sagte, hatte Gesang.
Erasmus hielt es für gut, sich in seiner Antwort weise zu beschränken. Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt, als daß es als Ideal aufgestellt werden könnte, zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber anlange; auch gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten ungebührlich zu übertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er beurteilen könne, nicht so expansiv, auch werte man die Frauen nach einem andern Maßstab. Es gehe alles in die Enge, und man werde Mühe haben, man werde froh sein, sich in der Enge zu behaupten.