Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugehört und ihn mit funkelnden Augen erst unwillig, dann schalkhaft von oben bis unten gemustert hatte, rief sie aus: »Erasmus, die Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgroßmutter Barbara der Angstschweiß ausbricht.«
Er schaute etwas blöde hin und schüttelte ärgerlich den Kopf. Hierauf sah er das Mädchen an, das auf Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen Unverschämtheit vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam das Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er näherte sich ihr, und Aglaia lachte. Sie verschränkte die Hände im Nacken und straffte sich. Er warf einen hastigen Blick nach der Tür und küßte sie rasch auf den Mund. Sie schloß eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch viel leiser, und lief davon.
Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen erlaubt, durch stille Vereinbarung zugestanden, und man erwartete es sogar. Vor der wich er feig zurück, aber ohne sich zu entziehen und ohne zu verzichten. Die andern waren ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter allen Vieren richtete er Verwirrung an.
Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verführer. Er war voller Gewissen und Rechtschaffenheit. Er verführte durch seine Weise, zu sein, die keine ränkevolle und unternehmende Weise war, noch weniger eine lasterhafte, nur eine biegsame und empfängliche. Er verführte durch Verführbarkeit; weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam wandelten; weil er der ergebenste Zuhörer war und der bereitwilligste Beistimmer; weil er mit der Miene des Kameraden und Freundes halb schüchterne, halb kühne Versprechungen gab, die nichts mehr mit Kameradschaft und Freundschaft gemein hatten; weil er das besaß, was Lix Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen nannte.
Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht geheuer zumut. Er hatte sich zu vieler Vorstellungen zu erwehren; zu vieles mischte sich an Bild und Lockung. Es hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu lösen und dem nächsten sich hinzugeben. Es beschäftigte, die Gebiete abzugrenzen, die Worte zu wägen, die übernommenen Verbindlichkeiten nicht zu verwechseln. Beziehungen knüpften sich ins Unentwirrbare. Eine geflüsterte Frage verstrickte; Tausch von Blicken enthüllte ein Komplott; Lächeln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt, körperliche Nähe voll Heimlichkeit; die Gebärde wurde zur Verräterin; jedes Augenpaar bewachte ein anderes, haßte die Huldigung, den Glanz, den Wetteifer des andern, und er mußte darauf bedacht sein, zu glätten und vor allem, daß in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand.
Sebastiane beugte sich über ihn mit einer gefüllten Fruchtschale; alle konnten zusehen; man war bei Tisch. Unhörbarer Alarm dennoch: mußte sie so dicht an ihn heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter ihrer bloßen Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst, der nach vollkommener Reinheit lechzt. Er wußte nicht, wo er einmal das Wort vernommen: junge Witwenschaft ist ein Bad.
Aglaias Kuß hatte ihn lüstern gemacht. Er träumte von ihren kostbar dünnen Gelenken. Der Ausspruch der Frühentschlossenen wollte ihm nicht aus dem Sinn: ich werde mich niemals verkaufen, ich werde mich verschenken. Und ihre Augen, dünkte ihn, hatten hinzugefügt: heute nacht, wenn du willst.
Mit Polyxene saß er am Kaminfeuer im Salon, und sie las ihm mit sehnsüchtiger Stimme aus einem Buch über Metempsychose vor. Sein Blick hing an ihren Händen, die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt umdrehte, glaubte er die elfenbeinkühlen Finger knisternd an seiner Haut zu spüren. Er erzählte von einer Begegnung und einem Gespräch mit einem Brahmanen in Benares, und sie lauschte mit geneigtem Kopf, während Reflexe des Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und lächelte eigen zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten und was sie sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht.
Mit Pauline ging er am Fluß entlang; plötzlich gewahrten sie im Gebüsch neben dem Weg ein umschlungenes Paar, schamlos, blind und taub. Es war außerordentlich peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte weiter verließ sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand sie abzulenken, und indem er redete, schien ihm, daß sie sich vertrauensvoll an ihn drängte, unbewußt, wie ein junges Tier. Da erschrak er und wurde ängstlich; nahm seine Worte in acht, fühlte sich als Sünder und geriet doch ins Netz.
In einer Stimmung zwischen Selbstvorwürfen und Überschwang setzte er sich in der Nacht hin, um an Marietta zu schreiben. Es wurde nichts daraus. Er fing dreimal an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal, weil er inne wurde, daß er in seinen Eröffnungen zu weit ging; einmal, weil er mit Erstaunen bemerkte, daß er ihr eifersüchtige Vorhaltungen machte und einen Zustand seines Innern schilderte, von dem er erst erfuhr, als er ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und vollständig unzusammenhängende Epistel entstand, die wohl seine Verfassung am getreuesten, aber auch am unerquicklichsten malte. Da ging er unzufrieden zu Bett, und um einschlafen zu können, zählte er von eins bis tausend und in die graue Unendlichkeit weiter.