Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht mit den beobachtenden Augen sich gegenüber zu haben. Auch die andern fühlten sich gedrückt, und die Unterhaltung floß spärlich, obschon die Gräfin beflissen war, sie in heitern Gang zu bringen. Man hatte auch neue Nachrichten über Plünderungen und Revolten, und was Sponeck von den Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wußte, war ebenfalls nicht dazu angetan, die Fröhlichkeit zu erhöhen. Auch unter den vier Schwestern herrschte gereizte Stimmung; Pauline saß mit gesenkten Lidern und nippte bloß von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen aufeinandergepreßt; Polyxene lächelte bisweilen wehmütig-entsagend; nur Sebastiane schien unberührt, und infolge der über ihre Züge gebreiteten Klarheit und kräftigen Ruhe war sie die schönste. Nach dem schwarzen Kaffee ging Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine Frage: ob es ein Zerwürfnis gegeben hätte?

Er war umwölkt; in einer heißen Spannung. Diese vier wunderbaren Gestalten, in einem verzauberten Ring um ihn, stürzten ihn in süße Verzweiflung. Die ihn rief, der nahte er sich pagenhaft; mit der er Blick in Blick stand, an die vergab er sich. Er hätte alle vier in eine schmelzen mögen und die an sich reißen; und doch gelüstete ihn nach den Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und Dauer und Kunst und Selbstvergessenheit; sublimiert bis ins Traumgleiche, gesteigert bis zum Schmerz. Verhieß Lix eine strömende Passion aus lang verschüttet gewesener Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zärtlichkeit, die auszudenken war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer jungfräulichen Seele, erfüllt von beinahe schauerlichen Ahnungen der Wollust, und Aglaia die hinreißende Bizarrerie einer zugleich spröden und leidenschaftlichen Natur. Vereinigung quälender Geister; und hinter ihnen, über ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die Herrin war, ausgestattet mit heimlicherer und größerer Gewalt des Rufes und der Mahnung, halb Verlorene, halb Verstoßene.

»Wir alle sind sehr unvernünftig,« sagte Sebastiane, ohne auf seine Erkundigung zu antworten. Sie schaute ihn freimütig an und setzte leise hinzu: »Soll uns nicht warnen, was draußen in der Welt vorgeht? Wir benehmen uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.«

Erasmus verfärbte sich und murmelte: »Sie haben vielleicht recht. Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter geht vorüber. Man denkt, man muß alles zusammenraffen, was noch da ist an Glück und Genuß. Das après nous le deluge ist früher ein lustiges Wort gewesen, jetzt hat es einen lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist es ein Verbrechen, so zu denken, Sie haben recht.«

»Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was uns unfähig macht, einander zu helfen,« erwiderte sie mit festem Ton.

»Also muß man sein Blut und Herz zum Schweigen bringen?« fragte er und stand hingebungsvoll dienend vor ihr.

Sie riß eine Azaleenblüte vom Strauch und zerrupfte sie. »Ich glaube, Sie müssen redlich handeln,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen. Er nahm ihre feine weiße Hand und preßte seine Lippen darauf, entzückter als vorher, weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den dämmerigen Gang näherte sich Aglaia; sie sang mit leiser Stimme und ihre Augen blitzten vermessen.

Den Nachmittag über schrieb er Briefe und ließ sich zum Tee entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die Briefe ins Dorf zu tragen, begann es heftig zu regnen; er schickte einen der Diener und blieb in seinem Zimmer. Aus dem untern Stockwerk tönte Klavierspiel, und zwar sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehört. Es mußte Sparre sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war etwas Finsteres um den Namen und um den Mann. Es gab jetzt viele solche, man hatte früher nicht auf sie geachtet, jetzt nötigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach, warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und entsann sich, daß er einstmals in der Mandschurei ein chinesisches Schnitzwerk mit höhnisch-bösen Zügen gesehen, eine Gottheit des Verderbens, alle Tücke verhalten, der Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn Sparre, nun wußte er es, obwohl der Götze abstoßend häßlich gewesen, dieser dagegen hübsch und wohlgestaltet zu heißen war. Aber etwas war gemeinsam.

Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne auf das Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf er mit Lix zusammen. Sie war strahlend in ihrem Kleid aus dunkelgrüner Libertyseide und der Perlenschnur um den Hals. »Schade, daß Sie nicht da waren,« redete sie ihn an, »er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.« Erasmus lachte im Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und erwiderte, er liebe Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre an ihnen vorüber, im Cutaway, nicht im Smoking wie die übrigen Herren, und verbeugte sich zeremoniös.

Auf dem mit schwarz und weißen Platten gepflasterten Flur ging Pauline mit dem Katecheten auf und ab, der zum Abendessen geladen war. Die Gräfin schien unruhig; sie erzählte Erasmus, der Postmeister sei vor einer Stunde dagewesen, um mitzuteilen, daß die Telegraphen- und Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Während sie noch sprach, trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, und sagte, der Nordhimmel sei von starker Brandglut überzogen. Alle eilten an die Fenster des Speisesaals; gesättigter Purpurschein quoll über den Horizont empor.