Wo mag das Feuer wüten? fragte man einander beklommen. Es wurden die Dörfer und Landsitze aufgezählt, die in der Richtung lagen. Erasmus drehte sich hastig um. Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der Katechet. Sebastiane schüttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth liege mehr nach links, dem Wald zu, eher könne es der Elmhof sein, dort befinde sich eine Branntweinbrennerei. Ferry Sponeck erkundigte sich mit gepreßter Stimme, ob das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft stellen könne; die Gräfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und dem Bürgermeister darüber gesprochen; beide seien der Meinung, daß verläßliche Leute kaum aufzutreiben seien, doch sei vorläufig nichts zu fürchten.

Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte, mußten die Fenster geschlossen werden. Die Gräfin zog Erasmus beiseite. Lächelnd, doch mit schnell und scharf prüfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gerücht, welches man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, daß Gräfin Giese gegenwärtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er davon wisse? Ja, er wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, es habe sich so gefügt; der lächelnde Blick der Gräfin verwirrte ihn, er lächelte gleichfalls, jedoch ohne Freiheit und wollte eine hastige Versicherung geben, aber die Gräfin ersparte ihm dies feinfühlend, indem sie ihm freundlich zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann nahm sie seinen Arm, und man ging zu Tisch.

Die allgemeine Laune wurde munterer während des Essens. Die zerstreuten Gespräche verstummten aber nach und nach, und alle hörten Georg Ulrich Castellani zu, der heute seinen glänzenden Tag hatte, wie die Gräfin sagte.

Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft im Rauchzimmer um den Kamin niedergelassen hatte, war Castellani zu einem seiner Lieblingsthemen gelangt, der Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des Fünften.

Er sagte: »Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen wie eine dunkle Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren Vorhang aus Goldbrokat. Es klingt ja ein wenig ridikül, daß einem ein Autokrat aus dem sechzehnten Jahrhundert, längst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll und näher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; aber es ist so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in solchem Ausmaß von der Geschichte nicht mehr wiederholte Verkörperung absoluten Herrschertums. Das sagt sich so: absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es bedeutet pur et simple einen Gipfel der Welt, eine Kulmination der Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der Hand gegeben hat, war genau genommen die, in der der Untergangs- und Auflösungsprozeß Europas begonnen hat. Man ist sich darüber nicht genügend klar. Es ist ja auch kein Wunder, denn was für horrible Karrikatur haben die bestallten und die andern Historienschreiber aus ihm gemacht! Einen boshaften Phlegmatiker; einen reizbaren Kränkling; einen feigen Despoten. In Wirklichkeit war er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann. Natürlicherweise; der absolute Herrscher muß vollkommen einsam sein, anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche Tiefe der Dissimulation! Die Dissimulation entstand bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der menschlichen Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. In seiner Einsamkeit und seiner Höhe erschien ihm alles sehr klein und sehr wandelbar und sehr relativ; Worte, Verträge, Leidenschaften, Miseren, Not und Tod, alles sehr illusorisch. Daher auch seine profunde Menschenverachtung. Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher auch sein Respekt vor der Kunst; denn da trat ihm ein Absolutes entgegen gleich ihm selbst. Wie mysterios er war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort mit langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser erschloß.) Er konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, schon als Kind nicht. Da gibt es eine Anekdote, wie einer der gefangenen Kurfürsten, ich glaube, der Landgraf von Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund die Lippen verzieht, so daß es aussah, als ob er lachte, in Wirklichkeit war ihm ganz anders zumut, und wie dann der Kaiser in seinem brabantischen Deutsch drohend vor sich hinmurmelt: wart, ick will dir lacken lehr. Welche tenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich ging die Sonne nicht unter, und er haßte den Sonnenschein. Ihm war die größte Machtgewalt verliehen, die je ein Sterblicher besaß, und er suchte Zuflucht in einem Kloster strengster Observanz. Auch Gott gegenüber dissimulierte er. Auch Gott war seinem unvergleichlich mysteriosen Geist nur eine Form. Worüber er am meisten grübelte, war die Versuchung Christi. Das quälte ihn, das begriff er nicht. Raum und Zeit waren ihm Gespenster; und das war begründet in den maßlosen Erfüllungen dieses Lebens, die maßlosen Ekel in ihm erregten. So erklärt sich auch sein beständiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; und seine kuriose Liebhaberei für Uhren, die alle, soviel deren auch waren, auf dem Zifferblatt übereinstimmen mußten. Dissimulation. Freilich, sein Vater trug ja als Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die Länder, und damit sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte sie ein Uhrwerk an die Stelle des Herzens. Das mußte Einfluß auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische Umbiegung der Seele von der Majestätisierung in die Mechanisierung, d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild einer neuen Zeit. Ja, die Uhr war vielleicht sein Idol und sein Menetekel. Und doch war er der Bewahrer; Bewahrer des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn hätte die Kirche längst aufgehört zu existieren. Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt, Jahrhunderte lang.«

»Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen und Marterwerkzeugen,« ließ sich eine Stimme vernehmen, in der Klangfarbe so wenig unterschieden von der des Grafen, daß die andern des schneidenden Widerspruchs zuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet gewesen, da er, während Georg Ulrich gesprochen, den Blick unauffällig auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas aus der Reihe gerückt, zwischen Lix und Ferry Sponeck saß, mit einem spöttisch-düstern Lächeln um den Mund. Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte ihn nicht, auch nicht die ängstlich an ihm hängenden Augen Sponecks; kühl fuhr er fort: »Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt um den Preis von hunderttausenden verbrannten Ketzern und hunderttausenden unschuldiger Mädchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; und um den Preis von hunderttausenden erschlagener und gemordeter Inkas und Azteken, und von hunderttausenden durch Alkohol und Syphilis im Namen des Kreuzes vergifteter Indianer;« der Katechet rückte auf seinem Stuhl, die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung gegen Pauline und Aglaia hin, wobei letztere den Kopf aufwarf und Sparre neugierig musterte. Aber der schien es nicht zu bemerken. »Ich will auch gleich sagen,« sprach er weiter, »daß es eine von den Jesuiten erfundene und böswillig verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht hat, die Syphilis sei aus Amerika gekommen. Es geschah wahrscheinlich zur höheren Ehre Gottes. Sie ist aus dem Orient gekommen, lange bevor die frommen Straßenräuber Cortez und Pizarro die blühenden Reiche dort drüben in bluttriefende Wüsteneien verwandelten. Aber wozu das alles,« unterbrach er sich achselzuckend, »Sie, Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich. Ich freilich verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. Im Gegenteil, sie ist mir die Mutter des Übels, der fluchwürdigen Verschleierungen, deren sich die großen Herren bedient haben, um ihre kleinen Zwecke durchzusetzen, des systematischen Volksbetrugs und der politischen Brunnenvergiftung.«

Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als wolle er sich der frostigen Betroffenheit entziehen, die rings um ihn die Gesichter zeigten.

»Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos stichhaltig,« antwortete nach einer Pause Georg Ulrich Castellani mit ausgesuchter Artigkeit, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und eigentümlich triumphierend aussah. »Aber ich wollte ja nicht Zustände und Fakten kritisieren, das steht außer meiner Kompetenz, sondern eine Figur, die meine Fantasie enflammiert, dem Verständnis näher rücken. Daß eine gewisse liberale Phraseologie, oder auch eine radikale, wenn Sie wollen, es läuft im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur gegen diese Figur in Bewegung setzen muß, gebe ich Ihnen gerne zu. Heutzutage liegt das auf der Hand und erfordert auch geringen Mut. Blutbäder sind etwas unendlich Schreckliches; selbstverständlich. Aber sind sie durch die Volksbeglücker verhindert worden? Haben die Robespierre und die Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger Blutschuld auf dem Gewissen als die Dschingischan, die Attila, die Napoleon und Friedrich? Wir wollen hier doch nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es geschieht uns weh genug, daß es unserer Welt an großen Herren fehlt, von großen Männern nicht zu reden. Ein unabwendbarer Prozeß; das Urgestein ist zerrieben; was übrig bleibt, ist Schlamm und Kot. Wohin führen die Ausschweifungen des Gefühls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns hält die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; spielt die Zahl und die Modalität des Sterbens letzten Endes eine Rolle? Dieser Planet ist nun einmal ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergnügen darin finden, die Massengräber zu durchwühlen, so macht es den andern Freude, vor den ehrwürdigen Monumenten ihre Andacht zu verrichten.«

»Ich möchte niemanden in dieser Freude stören,« sagte Sparre trocken.

»In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles sein konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis mehr für die Menschen,« fuhr Castellani fort, »Majestät, gesalbte Majestät, das war die oberste Spitze der Welt, das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der zufällige Repräsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht darf ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines meiner Vorfahren illustrieren; vielleicht kann ich damit unserer Diskussion die Schärfe nehmen, was den Damen nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte fast zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig vergröbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon. Sonderbarerweise schlägt sie ebenfalls in das von Herrn Sparre so verpönte Kapitel der Dissimulation. Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am Hofe Ludwigs des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich, wurde vom König mit einem Auftrag von höchster Importanz zum Kaiser Leopold nach Wien geschickt. Er trifft eines späten Abends ein, kleidet sich um, sendet seinen Jäger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft melden zu lassen und folgt ihm in kürzester Zeit nach. Man teilt ihm mit, daß die Majestät ihn erwartet. Man führt ihn durch halbfinstere Korridore und eine Reihe ganz finsterer Gemächer, vor einer Tür bleibt der Lakai stehen und heißt ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in den er tritt, mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem Tisch, mit dem Rücken angelehnt, die Arme verschränkt, in nachlässiger Haltung und ziemlich verdrossen, steht ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener Kämmerer, in der Meinung überhaupt, es sei die Antichambre, wo er sich befindet, fängt an auf und abzuschreiten, wobei seine Gebärden und sein Mienenspiel schlecht bemeisterte Ungeduld ausdrücken. Der Mann am Tisch mit den verschränkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein Aufundabschreiten nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf, bleibt ernsthaft und vollkommen still. So vergeht eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, endlich wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich etwas brüsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, ob der Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. Da antwortet der Mann ruhig: »Der Kaiser bin ich.« Der Gesandte stürzt wie vom Blitz getroffen auf die Knie nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser muß seine Leute rufen, die ihn laben und wieder zur Besinnung bringen müssen. Das war die Glorie, die Wirkung des Unbeschreiblichen, das Geheimnis.«