Die Gräfin lachte. »Nun, nun,« besänftigte sie den Erregten, »machen Sie keine blutgierige Tigerin aus mir. Zwei Tage, natürlich, weshalb nicht; fassen Sie sich. Zur Desparation ist noch kein Anlaß. Mut, armer Freund.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, doch mit ungewichenem Mißtrauen noch in den Fältchen um die Augen.
An dieses Gespräch schloß sich eines mit Pauline und ein Gang durch den Park mit Aglaia.
Pauline saß lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne es recht zu wollen, trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte noch; er lächelte abwesend und schal. Die Freundlichkeit, mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie hob den Blick zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerknüllte es in der Faust. »Ich denke fortwährend an Gräfin Marietta,« sagte sie; »sie war unbeschreiblich schön, als sie gestern naß und elend im Flur stand. So habe ich mir immer eingebildet, daß Märtyrerinnen aussehen müssen.« Sie stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden, unsteten schuldigen Blick wieder aus. »Darf man sich dem Neid hingeben?« fragte sie; »es ist Todsünde, ich weiß es, aber ich beneide Gräfin Marietta, ich beneide sie über alles Maß, über alle Worte, bis ins Geheimste meiner Seele beneide ich sie.«
»Warum, Pauline?« fragte Erasmus betroffen, »warum beneiden Sie Marietta?«
»Ich weiß es nicht,« flüsterte das junge Mädchen; »ich kann es nicht sagen. Aber wenn ein Wunder geschähe, und ich könnte von jetzt an bis zum Abend Marietta sein, und ich müßte zum Entgelt dafür in der Nacht sterben, nicht eine Sekunde lang würd ich mich besinnen.«
»Wie sonderbar,« sagte Erasmus kopfschüttelnd. Ihm war zumut, als habe sie ihm mit ihren Worten die Glieder an den Leib geschnürt. Sie übte, während er auf sie niederschaute, auf das nordisch gelbe Haar, die samtene Wange, die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, quälende Macht über ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer banalen Ausflucht verließ er sie.
Aglaia kam eben über die Treppe herunter. Sie forderte ihn auf, sie ins Freie zu begleiten. »Ich habe Sie gesucht,« sagte sie.
Im Hörkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus schaute bisweilen zurück und verzögerte den Schritt, als ob er Wichtiges verabsäume, wenn er sich zu weit entfernte.
»Sicher wünschen Sie uns alle miteinander dorthin, wo der Pfeffer wächst,« begann Aglaia mit ihrer rauhen, aber hellen Stimme, »wir sind Ihnen unsagbar lästig, und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man hat ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat ist mißglückt. Povero! Ich möchte Ihnen so gern aus der Patsche helfen, da ich uns schon nicht helfen kann. Wie machen wir denn das?«
»Sie dürfen nicht so sprechen, Aglaia,« bat Erasmus.