Der Morgen war so nüchtern, so glasig; der ganze Tag blieb so; der Sonnenschein so lügnerisch, die Dinge so deutlich, so kalt; der Fuß klebte im Schreiten. Erasmus frühstückte mit Sponeck allein; die Damen schliefen noch. Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt, heute abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station gewesen, um sich nach den Zügen zu erkundigen; er sei außer sich, da er erfahren habe, der Eisenbahnverkehr sei für die Dauer von drei Tagen eingestellt. Furchtsam hielt Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus gerichtet.

»Das ist höchst fatal,« murmelte Erasmus.

»Er wird das Zimmer nicht verlassen,« tröstete Ferry Sponeck; »er wird Unpäßlichkeit vorschützen und die Mahlzeiten oben nehmen.«

»Es ist trotzdem fatal,« beharrte Erasmus.

Nach wenigen Stunden fühlte er sich derart im Hause, als seien Türen offen, die hätten geschlossen und andere geschlossen, die hätten offen sein sollen. Er grübelte darüber nach wie er es anstellen könnte, zu Marietta zu gelangen. Durch alle Wände sickerten Wehelaute aus ihrem Mund.

Die Gräfin begrüßte ihn kühl. Er fand es notwendig, ihr Aufklärungen zu geben. Er wurde beredt. »Sie müssen es verstehen, Gräfin,« sagte er. »Der Mann peitscht mir das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das er spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Spüren Sie es nicht auch? Sehn Sie nicht, daß sich in diesem Gesicht alles Böse zusammengeballt hat, der ganze Jammer, unter dem wir keuchen, die Anmaßung der gottlosen Kreatur, der Zynismus, der unsere Altäre besudelt und den Purpur mit Füßen tritt –?«

»Der? gerade der?« rief die Gräfin, halb belustigt, halb entsetzt; »Sie übertreiben, Erasmus, Sie übertreiben ungeheuerlich.«

»Ich übertreibe so wenig, daß alles, was ich nicht auszudrücken vermag, mir noch zehnmal schrecklicher, noch zehnmal beweiskräftiger erscheint. Wir sind die Opfer dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es steckt mir in den Nerven, und hätten wir mehr Witterung für dergleichen Subjekte, so wäre es nicht so weit mit uns gekommen, daß wir wie Schlachttiere unsern Hals hinhalten müssen. Er ist nicht bloß ein Exponent, er ist eine Inkarnation, glauben Sie mir, und daß er hier in unserer Mitte aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals. Sie müssen es begreifen, daß mir der Gedanke unfaßbar gewesen ist, ihn an das Lager einer Frau treten zu lassen, wenn auch als Arzt, was ändert das? bleibt er nicht Sparre, derselbe Sparre? mit seiner ganzen Wissenschaft Sparre? einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch immer nahe steht. Sie müssen das begreifen.«

»Ich begreife, Erasmus, einigermaßen wenigstens,« antwortete die Gräfin, milder gestimmt; »aber, lieber Freund, begreifen auch Sie: die Situation ist unmöglich. Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die jungen Mädchen, – unmöglich. Auf irgendeine Manier müssen wir aus diesem Wirbel heraus. Irgend etwas muß beschlossen, muß getan werden.«

Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink war nicht mißzuverstehen. »Ich bitte Sie, Gräfin, gönnen Sie mir Zeit,« flehte er; »vierundzwanzig Stunden Zeit, oder zwei Tage vielleicht. Ich bin völlig bouleversiert. Ich bin zu keiner vernünftigen Überlegung fähig.«