Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und Erasmus traten auf den Hof und ins Stallgebäude. Man weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut war, die Pferde dem Unwetter preisgeben zu müssen. Ein junger Stallbursche, von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, war willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten die beiden flinken Tiere vor dem leichten Wagen über die Chaussee, in eine Finsternis hinein, die ein schwarzer Schwamm war. Im Norden stand noch immer Brandröte.
Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze umgeschlagen, die ihm der Kutscher gegeben. Bäume flogen vorüber, Telegraphenstangen, Häuser, Brücken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; die Hufe der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus ins Nasse. Über ihre nickenden schwarzen Köpfe hinaus starrte Erasmus auf die von den Wagenlaternen schwach beleuchtete Straße und in den matten Lichtkegel, durch den der Regen in glitzernden Strähnen fuhr. Bei jeder Weggabelung zog er die Zügel an und wechselte ein Wort mit seinem Begleiter, der schlaftrunken döste.
Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, fiebergequält in den Kissen; der vertraute Körper litt; Lix und Sebastiane huschten bisweilen lautlos durch das Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hämisch-aufmerksames Gesicht; Inbegriff des Hassenswerten. Woher dieser Haß, der seinem Gemüt sonst unbekannt war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll in die Nacht hinausträumen; und Aglaia mit wissend und trotzig funkelnden Augen ihn messen; und wieder Marietta, von Schmerzen bedrängt, sterbend vielleicht; und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles gerann zu Nebel. Wie müde man wurde. Schön und schlank war der Knabe ...
Die ersten Häuser der kleinen Landstadt tauchten auf.
Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer zurück. Marietta phantasierte. Man hatte sie in feuchte Tücher gewickelt. Sparres unerklärliche Weigerung, die Behandlung zu übernehmen, gleich nachdem er sich dazu angeboten, hatte auf alle wie neues häßliches Unheil gewirkt. Er hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen und durch Ferry Sponeck die Absage geschickt. Ferry Sponeck beschwichtigte die entrüstete Gräfin, so gut er konnte; schließlich gab er sein Wort, daß Sparre ohne Schuld sei; es hätten sich Umstände ereignet, durch die er gezwungen worden sei, zu verzichten. Die Gräfin erwiderte unwillig, sie verstehe keine Silbe. Da sagte Georg Ulrich Castellani malitiös: »Unser Freund Erasmus hat seine bête noire entdeckt, das wird es wohl sein.«
Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rückte nur langsam ins Licht und völlig offenbar wurde er erst, als sich herausstellte, daß Erasmus heimlich und trotz Sturm und Unsicherheit der Wege nach Grünau gefahren sei, um den Arzt zu holen.
Graf Castellani sagte: »Mir fällt da die Geschichte von einem Marquis de Surêsne ein, der den größten Widerwillen gegen Jakobiner und Sansculotten hegte, obwohl er nie im Leben einen dieser Leute gesehen hatte. Eines Tages wurde er in der Nähe seines Schlosses in der Normandie von Räubern angefallen; auf sein Geschrei kam ihm ein des Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete ihn mit fabelhafter Bravour. Der Marquis erschöpfte sich in Danksagungen, als es sich aber später erwies, daß sein Lebensretter einer der Führer der von ihm so sehr verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hängte sich auf; denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem erklärten Feind des Menschengeschlechts verdanken. Es ist absurd, gewiß, aber es hat Charakter. Ich liebe solche Absurditäten; ich sammle sie, wie andre Leute Münzen oder Stockgriffe sammeln.«
Jedoch die Gräfin war sichtlich verstimmt.
Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor Schmidthammer für den Rest der Nacht am Krankenbett. Erasmus vermochte einige Stunden zu schlafen. Als er sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die Fenster öffnete, wunderte er sich über den wolkenlosen Himmel und die wasserhelle Bläue der Luft.
Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverändert hoch, aber die Kranke liege jetzt still, mit starren Augen, wie bewußtlos. Frau von Gravenreuth sei bei ihr.