Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach in Tränen aus. Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte ihn wieder hin. Die Gräfin stürzte in den Flur. Erasmus, weiß wie Papier im Gesicht, wollte ihr nach, blieb aber vor der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging auf und ab und murmelte von Zeit zu Zeit: »nom de Dieu; nom de Dieu,« Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. Sponecks Krawattenschleife hatte sich gelöst, und er bemühte sich mit verstörten Mienen, sie wieder zu binden.
Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben Uhr war eine Bande von zwölf Mann in das Schloß gedrungen und hatte Geld und Lebensmittel verlangt. Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe Geldes und zwei Säcke Mehl abgeliefert, und sie waren bereits im Begriff, weiterzuziehen, als einige von ihnen im Hof mit dem Kutscher in Streit gerieten. Tumult entstand, fünf Minuten später lohten Flammen aus dem Dach des Stallgebäudes. Was sich dann weiter begeben hatte, wie sie mit rasch zusammengerafften Habseligkeiten auf den Bauernwagen gelangt waren, woher der Wagen mit den zwei Pferden mitten im strömenden Regen gekommen und wer ihn gebracht, vermochten die Flüchtlinge nicht zu sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das brennende Schloß hinter sich, davongefahren, so schnell die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein sechzehnjähriger Bauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf die Haut durchnäßt, mit klebenden Gewändern, triefenden Haaren, wie Schiffbrüchige.
Marietta mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Sie fieberte und war keines Wortes mächtig. Man schickte um den Arzt ins Dorf. Der Katechet erbot sich, im Dorf junge Leute aufzubringen, die bereit wären, das Haus zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene und einfache Dame von fünfzig Jahren, hatte auch in dieser Lage ihre Haltung nicht eingebüßt. Als sie umgekleidet war und für Wolfs Nachtlager gesorgt hatte, erstattete sie genaueren Bericht. Sie äußerte Angst um Marietta. Lix und Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. Die Gräfin war beschäftigt, Anweisungen wegen der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und fand Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter vier Augen zu wechseln: »Hatten Sie nicht noch einen Gast, Baronin?« fragte er vorsichtigen Tons; »Marietta sprach davon –« Frau von Gravenreuth antwortete: »Ja, Herr van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern telegraphisch abgerufen worden. Manche haben einen guten Stern.« Sie sah Erasmus forschend an. »Und wer ist der Knabe?« fragte Erasmus weiter. Sie erwiderte: »Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner Geburt in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie war meine beste Freundin. Es ist ein schönes Kind, nicht wahr?« Wieder sah sie ihn mit ihren forschenden, glanzlosen Augen an; »ich hoffe nur, daß diese Eindrücke seine junge Seele nicht verdunkeln,« fügte sie hinzu, »meine wird sich nie mehr von ihnen befreien können.« Erasmus nahm ihre Hand, führte sie an die Lippen und sagte: »Ich empfinde tief mit Ihnen, bis ins Innerste, und das ist kein leeres Wort. Ich kenne die Größe der Katastrophe.«
Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht zurück, der Doktor könne nicht kommen, da er selbst an Grippe schwer erkrankt sei. Gleich darauf erschien Sebastiane und sagte, Gräfin Marietta befinde sich sehr schlecht, das Fieber steige zusehends, auch klage sie über heftige Kopfschmerzen. Die Gräfin sprach zu Helene Gravenreuth: »Ich bin ratlos; der nächste größere Ort ist über eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn ich auch bei solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend jemand schicken könnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt mitten in der Nacht herüberkommt.«
Frau von Gravenreuth antwortete: »Unmöglich kann man sie noch stundenlang ohne ärztliche Hilfe lassen –«
Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. »Wenn ich mir erlauben darf, meine Dienste anzubieten, Frau Gräfin,« sagte er mit seiner verschlossenen Höflichkeit, »so glaube ich, den hiesigen Kollegen ersetzen zu können.«
Die Gräfin machte eine freudige Bewegung und sagte zu Frau von Gravenreuth, die aufatmete und Sparre dankbar anschaute: »Herr Sparre ist ein geistreicher junger Mediziner von der neuesten Schule;« dann zu Sparre: »Es fügt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Güte haben wollen –«
Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum mächtig, auf Ferry Sponeck zugegangen. Er packte ihn am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden Ungestüm in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden Lippen und Augenlidern: »Hör mich an, Ferry. Das mußt du verhindern. Um jeden Preis verhindern, sonst sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da du schon die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, so erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, daß er in Mariettas Zimmer geht, verstehst du? Nicht zu ertragen der Gedanke, daß er sie anrührt, daß er ... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin, sprich mit ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. Als Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem Vorsatz beharrt, sag ihm, daß ich ihn einfach niederknallen werde. Ohne Umstände, verstehst du? Spute dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Daß er über die Geschichte gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. Vielleicht erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf er an ihr Bett. Eher mag sie sterben.«
Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehört. Doch er hatte begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand sah, begriff er die Gefahr. »Beruhige dich, Mumu, es wird gemacht,« sagte er, ging ins Zimmer zurück, bemerkte, daß Sparre sich eben von den Damen entfernte und mit Sebastiane zur Tür schritt. Er folgte ihm. Draußen rief er: »Sparre! auf ein Wort,« und er verschwand mit ihm im dunklen Teil des Flurs. Sebastiane ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre würde nachkommen.
Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl einem der Diener, ihm Mantel und Hut aus seinem Zimmer zu holen, rief den alten Niklas und erklärte ihm, daß er selbst zum Arzt nach Grünau fahren wolle, man möge den Kutschierwagen anspannen lassen. »Herr Graf können nicht allein fahren,« wendete Niklas bestürzt ein, »es ist Mitternacht, die Straße stockfinster und grundlos, außerdem –« Erasmus schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ich fürchte mich nicht,« schnitt er die Rede des Alten ab, »wenn niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, muß ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. Machen Sie nur kein Aufsehen, die Gräfin braucht zunächst nichts zu wissen.«