Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Fluß gelangt waren, der dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, setzte er sich auf einen moosigen Stein, legte den Arm um des Knaben Schulter, lächelte verlegen und fing an: »Es ist kein Märchen, was ich dir erzählen will, es ist eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. Am Hof des Vizekönigs, Vizekönig nennt man den Stellvertreter des Königs von England dort, mußt du wissen, am Hof des Vizekönigs also lebte unter vielen andern Fürsten und Radschas ein bengalischer Fürst namens Lal Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut litt, trotzdem er reich und mächtig war, auch schön und klug. Solche Schwermut, weißt du, ist für die Seele und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und krankhafte Schwäche für den Körper; wer davon heimgesucht wird, der hat an nichts in der Welt mehr Freude. So war das mit Lal Sarkar und wurde mit der Zeit immer ärger. Die Ärzte wußten so wenig Rat wie die Freunde; eines Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und sagte, er solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama reisen, dort würde er Heilung finden. Der Dalailama ist der oberste Priester der indischen und chinesischen Welt, so wie der heilige Vater in Rom Herr über die Christenheit ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheißen, rüstete eine Karawane aus und reiste über das hohe Gebirge des Himalaya nach der Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf kehrte er zurück, und zwar als ein ganz anderer Mann, heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die Verwandlung, daß auch am Hof des Vizekönigs, wo ich um diese Zeit eintraf, das größte Erstaunen darüber herrschte. Wenn man sich aber erkundigte, erfuhr man nicht viel mehr, als daß eben Lal Sarkar in Lhasa gewesen sei. Mir ließ es keine Ruhe, und ich wußte es anzustellen, daß ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends in sein Haus eingeladen wurde. Das war nun wirklich wie ein Märchen, weißt du, dieser Palast mit seinen Springbrunnen und vergoldeten Säulen und Bassins mit Fischen und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei ihm, und als wir ins Gespräch gekommen waren, fragte ich ihn nach dem, worüber sich alle Europäer den Kopf zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt, als er wie ein Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und feurig. Ich fragte ihn also und fragte auch, ob ein Fremder wie ich wissen dürfe, wie das vor sich gegangen und was mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewiß dürfe ich es wissen, es sei nichts zu verheimlichen. »Ich habe den Dalailama gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.« – »Das ist alles?« fragte ich, »nur in sein Angesicht geschaut?« – »Ja,« antwortet er, »nur das.« Und als ich verwundert, vielleicht auch ungläubig schwieg, sagte er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon vergessen: »Der Dalailama ist ein Knabe. Zwölf Jahre ungefähr, älter nicht. Er sitzt auf einem Thron und lächelt. Sein Gesicht ist das schönste Menschengesicht auf Erden, so schön, wie man es sich nicht einmal im Traum vorstellen kann. Seine Stirn ist wie ein geschliffener Edelstein und göttliche Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen eine Güte aus, daß es jeden, auch den verhärtetsten Unhold bis ins Herz trifft und er nicht anders kann als auf die Knie sinken. Sein Lächeln genügt, damit aller Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge aufhört. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, ist es, als sei er fünftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, aber man küßt seine Hand und weint. Vor Glück weint man. Er ist ein Knabe, aber er ist mächtiger als Armeen und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Könige und Kaiser der Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn anschaute, wurde ich von meiner Schwermut geheilt.« So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das ist meine Geschichte.«

»Es ist eine herrliche Geschichte!« rief Wolf mit hingerissenem Ausdruck, »die mußt du mir noch öfter erzählen.« In seinem begeisterten Eifer dutzte er Erasmus plötzlich, und dieser ließ es sich gern gefallen.

Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und sagte, Marietta wolle ihn sprechen; sie fühle sich besser, obschon man fürchten müsse, daß es ein trügerisches Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch geäußert, sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei.

Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war Bedauern über den Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. Ein Tag hatte das Werk von zehn Jahren verrichtet. Dämmerschwäche nietete den Leib in die Kissen und Tücher. Heiße Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben. In den Augen war gelbfahles Licht. Um das Haupt zu entlasten, waren die Haare gelöst, und über das weiße Linnen floß die kupfrige Flut, unvergangene Schönheit.

Sie so hingeworfen und zerstört zu erblicken, war schlimm. Schlimmer der Verlust; seine stumme Absage. Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem Innern. Nichts, was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen sein. Erinnerung an Zärtlichkeit war Scham; was ihm dieser Körper geschenkt, was er ihm geraubt: Sünde. Da lag eine gefährdete Kreatur, arm, entschmückt; nicht Weib, nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes, nicht Teil seines Lebens mehr.

Er flüsterte ihren Namen. Sie lächelte und erhob matt die Hand.

Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. Marietta winkte ihm, er setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie sagte: »Hör mich an, Erasmus. Man weiß nicht, was einem zustoßen kann. Ich werde jedenfalls von bösen Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfährst jetzt, was du erfahren mußt. Hast du Wolf gesehen?« Er nickte; er erbleichte. »Wolf ist mein Kind. Wolf ist dein Sohn.«

Regungslos starrte er Marietta an.

Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand auf die seine, die nichts von der Berührung wußte: »Ich habe viel darüber nachgedacht, wie du es aufnehmen wirst. Muß ich erklären, warum ich es vor dir geheimgehalten habe? Prüfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. Es ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, vor dem graute mir immer. Es war gut, daß etwas zwischen uns war, das uns trennte, wenn wir vereint waren und uns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich hätte sonst manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, der für dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, wenn du mir starbst. Du bist mir sehr oft gestorben und ich mußte dasitzen und mein Herz in der Hand halten und auf deine Auferstehung warten.«

Noch immer regungslos, mit geschnürter Kehle, starrte er Marietta an.