Sie berichtete mit wenig Worten, erschöpft schon, wann sie das Kind empfangen, wann und wo sie es geboren, wie sie die Verhehlung bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse Einzelheiten, an die beweisenden Daten, sprach von ihrem Glück, von inneren Kämpfen, von Angst um die Zukunft des Kindes, schwieg, schloß die Augen, wartete auf ein Wort von ihm, aber es kam keines. Er saß regungslos und starrte sie an. Es war eine unbezweifelbare, sogar eine heilige Wahrheit in ihrer Stimme, in ihrem Blick, in ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit nicht, er bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie stand wie mit einem glühenden Schlüssel vor der Pforte des unbekannten finstern Raums, von dem Marietta gesprochen, und fand keinen Einlaß.

»Das Kind ist wohlgeraten,« sagte Marietta leise; »du wirst nicht nur in seinem Äußern viel von dir erkennen. Ich verlange kein Gelöbnis von dir. Dazu war alles zu schwebend zwischen uns. Du mußt ja auch erst mit dir selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. Denke nach, Erasmus. Jetzt geh; ich bin müde.«

Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des Herzens. Angst, Gewissensangst, Frieren des Blutes, bittere Unlust, Gefühl der Einsamkeit, Selbstmißtrauen. Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich er aus. Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. Im Haus wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder Stunde. Doktor Schmidthammer hatte eine Lungenentzündung konstatiert. Während des Soupers herrschte die gedrückteste Stimmung. Die Gräfin saß da wie ohne Maske, alt und ein wenig böse. Selbst Aglaias Miene war ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er fürchtete sich vor den schönen Gesichtern. Er fürchtete sich vor dem Blick heimlichen Einverständnisses, der ihn möglicherweise treffen konnte, vor dem enttäuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, dem mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte Tun, die verspielte Zeit, die verspielten Worte. Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der seekrank ist, nach festem Boden unter den Füßen. Nach Sicherheit, nach Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung durch Umstände und abgenötigten Beschluß, sondern nach der, die von oben kommt und unwiderruflich, unwidersprechlich ist.

Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von der Gesellschaft. Er wollte allein sein. Im untern Flur ging er noch eine Weile auf und ab. Bisweilen blieb er stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den Wänden, Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit war künstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein beunruhigtes Herz. Da kam Frau von Gravenreuth die Treppe herunter; sie führte Wolf an der Hand und redete mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus, während der Knabe weiterging: »Er ist so erregt heute, wollte nichts essen; ich weiß nicht, was ich mit ihm beginnen soll. Ich habe ihm versprochen, noch ein wenig ins Freie mit ihm zu gehen.«

Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mädchengesicht war ein Lächeln, welches ausdrückte: wir kennen uns, wir sind Freunde; dazu Zweifel, Zurückhaltung und ein suchender Blick.

Das unerwartete Gegenüberstehen war Hölle für Erasmus. Er konnte sich nicht entsinnen, je Quälenderes empfunden zu haben. Es ertönte das Wort, das er selbst gesprochen, füllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum: alle Legitimität stammt von Gott. Es schlug ihn in den Nacken; es war ein flammender Pfahl, der ihn schlug. Enthielt es Wahrheit, so gab es nichts daran zu mäkeln; war es Irrtum, so saß man am Wendepunkt und verkrampfte sich ins Arge.

Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in seinem Leben, fremd hervorgetreten aus der Fremdheit, Geschöpf der Leidenschaft, ungewünschtes, ungewußtes, unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand, das hegenswerte, wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung und Nachfolge.

Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel hervorgeschossen und auf Wolf zu. Der Knabe beugte sich nieder, um ihn zu packen; das Tier, in spielgieriger Laune, entwich fauchend, kam zurück, sprang an den Beinen des Knaben empor und drängte den Lachenden gegen die Wand. Ein kleiner Schrei; Sturz eines Gefäßes; ein Klirren; die etruskische Vase, die auf einem Säulenpostament neben der Tür des Musikzimmers gestanden, war heruntergefallen und lag in Trümmern. Aus dem Speisesaal kamen die Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher, flüchtete zur Herrin; die Gräfin kniete mit bedauerndem Gesicht nieder, um die kostbaren Scherben zu sammeln; Wolf war blaß geworden, sein Mund verzog sich zum Weinen, und mit unwillkürlicher Bewegung griff er nach Erasmus Hand. Erasmus, ebenso unwillkürlich, umfaßte die Hand des Knaben mit tröstendem Druck, und die Betrübnis, die sich in seinen Mienen malte, war kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene Vase. Doch blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich zu dem Knaben niederbeugte und eine formelhafte Beschwichtigung flüsterte. Schwere aber lastete nun auf allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor herein Eugen Sparre kam, der am Spätnachmittag fortgegangen war und jetzt zurückkehrte.

Erasmus entriß sich. In seinem Zimmer nahm er eine der theologischen Schriften zur Hand, die er stets mit sich führte. Aber er konnte seinen Geist nicht zur Lektüre sammeln. Es wurde spät, und er saß noch immer mit aufgestütztem Kopf, grauem, umrißlosem Denken nachhängend. Schließlich überwältigte ihn der Schlummer, im Sitzen. Es klopfte an der Tür; er hörte es nicht. Es klopfte abermals; er schrak empor; rief, halb im Traum.

Es war wie Traum, als Sparre eintrat.