Er hatte erkannt; vom Erkennen war er voll. Er hatte Kräfte in sich geschlürft mit Begierde. Er hatte die Bindungen und Verflechtungen des Menschheitskörpers sehen gelernt wie man die Lagerungen der Muskeln und Adern an einem hautlosen Leib wahrnimmt. Er war vertraut mit dem Fühlen und Denken aller Verlorenen, Irrenden, Geplagten und Duldenden an allen Enden und Ecken der Erde. Er kannte die Lasterhaften, die Mörder, die Diebe, die Hehler, die Geknechteten, die Einfältigen, die Erglühten, die stummen Unverdrossenen. Für ihn zogen sich Fäden von der Küste des indischen Ozeans bis zu den Palästen europäischer Metropolen. Alles war ein einziger, bebender, heißer Leib; alles wie die verschlungenen Zweige eines ungeheuren Baums. Er drückte dergleichen nicht aus, dazu war er nicht imstande, aber es lag in seinem Aug und Wesen.
Er war, vom Osten her, durch den Krieg gegangen, unangefochten, bewillkommt, von schonender Luft und schonenden Händen umgeben, und wo er war, schien er für die andern von jeher gewesen zu sein. Er hatte die Schlachtfelder durchzogen, die Brandstätten, das blutbesudelte Land, hüben und drüben, das zermalmte, seufzende Land. Er war Zeuge geworden von Plünderung und Metzelei, Hunger und Haß, Wahnsinn und Lüge, Bestialität und Verzweiflung. Aber auch von verborgenem Heldentum und dem kleinen Glück der Genügsamen, von Opferdienst und Wundern der Vollbringung. Er wurde nicht müde; er durfte es nicht werden, denn er sah noch kein Ziel.
Was mag das Ziel sein? ging es Mörner durch den Sinn, indes er lauschte und mitlebte; in dem unendlichen Zirkel der Bilder und Vorstellungen dachte er plötzlich an Buddhas Wiese, an die seligen Gefilde der letzten Entäußerung, des letzten Wissens, des letzten Friedens, der letzten Inkarnation, Höhenscheide zwischen irdischer und himmlischer Welt.
Wußte er nicht, wohin er ging, der überaus Seltsame? Darüber war kein Zweifel, daß er sich übernatürliche Fähigkeiten angeeignet hatte, das heißt, von denen aus betrachtet, die noch nicht an die Natur reichen: Er hatte sie erworben, weil sein Einsatz übermenschlich war, das heißt, von denen aus betrachtet, die noch nicht ans Menschliche reichen.
»Ich durfte mir keinen Zweck setzen, so wie ich mich nicht binden durfte,« sagte der Unbekannte; »im Zweck liegt schon das Übel; der Zweck hat die Welt so ins Fieber gebracht. Nein, ich durfte mich niemals binden, sonst hätte ich den Zusammenhang verloren. Ich mußte immer wieder Abschied nehmen, immer wieder brechen, sonst hätte ich mich versäumt und die wichtige Stunde. Die wichtige Stunde ist die nach der Überwindung und dem Entschluß. Da ist die Kraft ohne Maß und Grenzen.«
Die Stimme blieb gleich nüchtern, gleich karg, gleich unbetont; gleich höflich die Haltung, sparsam die Gebärde. Oft spielte ein Lächeln um die Lippen, die ungealtert waren, indes sich andere Teile des Gesichts eigentümlich verwittert zeigten, besonders die Stirn und die Schläfengruben; auch das Haar war an manchen Stellen silbrig angegraut. Das scheue Lächeln schien die Versicherung zu enthalten, daß die Distanz nicht überschritten werden würde, die der Andere vorschrieb. Der unerhobene Ton aber, die zarte, rücksichtsvolle Bemühung um das äußerlich Konventionelle und Gestattete verlieh den Worten eine vollkommene Durchsichtigkeit, und Gestalt um Gestalt, Vorgang um Vorgang entfalteten sich so rein, als lägen Schall und Stimme nicht mehr vermittelnd dazwischen.
»Ich liebe die Dinge,« sagte die höfliche Stimme; »ich liebe sie manchmal bis zur Unvergeßbarkeit; sie sind oft wie Laternen über dem Schicksal des einzelnen Menschen aufgehängt. Ich weiß nicht, ob das eine Schwäche von mir ist, aber ich kann mich dem nicht entziehen. Ich bin mit einem Mann gegangen, in einer kleinen Stadt, und es war Abend. Er hatte Furcht, allein zu gehen, weil die Frau während seiner langen Abwesenheit wieder geheiratet hatte und ihn für tot hielt. Er hatte Furcht, wollte aber zu seinen Kindern, und ich bin mit ihm gegangen. Das Haus lag in einer Gasse gegen den Fluß und hatte ein schiefes Dach. Rechter Hand im Flur war ein Backofen, davor kniete eine Magd, von schwacher Glut beschienen, und schob mit einer Stange die fertigen Brote von den heißen Ziegeln. An der Treppe oben stand das Weib des Mannes; sie ahnte noch nichts und trällerte ein Lied. Zu ihren Füßen spielten zwei Kätzchen. Draußen war es feucht, das Pflaster glänzte, man hörte den Fluß rauschen, und bisweilen ging ein Mensch an dem offenen Tor vorüber, gebückt und eilig. Der Mann neben mir zog in seiner Gemütserregung ein blaues, zerrissenes, wie ein Schachbrett mit Quadraten bedecktes Tuch aus der Manteltasche und trocknete sich die Stirn damit. Das Tuch war mir in dem Augenblick etwas unbeschreiblich Teures; es läßt sich wirklich nicht erklären, warum, aber alles war in ihm drin, der ganze Mensch.«
Er senkte ein paar Sekunden lang den Kopf und fuhr fort: »So ist es mit Schachteln, die bei armen Dienstboten in der Kommode liegen und mit Erinnerungszeichen gefüllt sind; und mit geborstenen Steintreppen an den Toren; und mit Photographien an den Wänden; mit einer Kerze, die nachts irgendwo an einem Fenster brennt, und mit dem Brett, das der Tischler in der Werkstatt hobelt. Mit den Fußspuren im Weg ist es so und mit den Brücken über die Flüsse, aber besonders mit allem, was durch Menschenhände geht und auf Menschen Einfluß hat. Ich habe den Ring am Finger einer gestorbenen Frau gesehen; von wie vielem der wußte! Auf einer Straße, durch die ich ging, lag ein zerrissener Vorhang, den man aus einem ausgeraubten Haus geworfen hatte; wieviel Leben daran klebte! An die Dinge geben sich ja die Menschen hin, sie sperren ihre Seelen in sie hinein; sie sind ihr Besitz; und wenn nicht Besitz, dann das Ziel ihrer Sehnsucht. In einer andern Stadt fand ich in einer kalten Winternacht einen acht- oder neunjährigen Knaben halberfroren auf einer Bank. Ich trug ihn zu einem nahegelegenen Spital, dort wurde er der Lumpen entkleidet, die ihm am Leibe klebten, und es wurde ihm heiße Milch eingeflößt, da er nicht bloß erfroren, sondern auch bis auf die Knochen verhungert war. Nachdem man den Körper notdürftig von Schmutz und Unrat gesäubert hatte, steckte man ihn ins Bett. Er lag bewußtlos, und ich blieb die Nacht über bei ihm, man hatte es mir erlaubt. Als er nun die Augen aufschlug und man ihn fragte, wer er sei und woher er komme, vermochte er nicht zu antworten. Er sah beständig die weißen Kissen an, tastete beständig mit der Hand über das weiße Linnen, das ihn bedeckte, und in seinen Mienen war ein so maßloses Staunen, eine so maßlose freudige Bestürzung, daß man sofort begriff, er war Zeit seines Lebens nie in einem Bett gelegen, und erst recht nicht in einem solchen Bett. Er glaubte allen Ernstes, daß er sich im Jenseits befand, und das einzige, was er sprechen konnte, war: so weiß; so sauber; so weiß; und wieder, andächtig, ungläubig, völlig verzückt: so weiß; Herr Jesus, so weiß.«
Der Unbekannte hielt inne und sann mit abgelöster Heiterkeit im Gesicht vor sich hin. Dann sprach er: »In der nämlichen Stadt fügte es sich, daß ich mich eines brustkranken Mädchens annehmen sollte, das im Laden einer Friseurin bedienstet war. Ein Kind von sechzehn Jahren, ich erinnere mich noch des Namens; Angelika hieß sie. Ihre Herrin hatte sie aus dem Waisenhaus genommen, sie war ein Findling; ein munteres und zärtliches Geschöpf, von allen wohlgelitten und ungemein geschickt in den Verrichtungen, die man sie gelehrt hatte. Die Herrin sah aber bald, daß das Übel rapid wuchs; der Arzt, den sie zu Rate zog, gab ihr wenig Hoffnung und empfahl ihr, das Mädchen schleunig in eine Heilanstalt zu bringen. Sie versuchte es, doch es war umsonst; die Behörden wiesen sie ab, die humanitären Vereine wiesen sie ab, die reichen Leute, bei denen sie Hilfe suchte, wiesen sie gleichfalls ab. Sie war eine robuste Frau, nichts weniger als gefühlsselig, aber sie liebte das Mädchen wie ein eigenes Kind, und die Aussichtslosigkeit, eine Pflegestätte für sie zu finden, erbitterte sie. Angelika indessen ahnte nichts davon, daß ihr Geschick ein so nahes Todesurteil über sie verhängt hatte. Sie lachte und scherzte den ganzen Tag, und besonders war sie darauf versessen, sich zu schmücken. In diesem Punkt war sie geradezu erfinderisch; ihre billigen Gewänder sahen aus wie frisch aus dem Magazin; die kleinen Geschenke, die sie von den Damen erhielt, Bänder, ein Stückchen Stoff, eine silberne Nadel, eine Halskrause, waren Kostbarkeiten für sie, und sie wußte sie anmutig und geschmackvoll zu verwenden. Aber ich will Ihnen erzählen, wie ich dazu kam, mit eigenen Augen zu sehen, wie glühend diese jungen Hände die Dinge umklammerten, die ihr Ausdruck und Abbild des Lebens waren. Es ist eine unbedeutende Begebenheit, im großen Ring betrachtet, aber sie hat mir viel zu denken gegeben. Die Friseurin hatte noch ein zweites Lehrmädchen, und diese war nach und nach eifersüchtig auf die jüngere und hübschere Kollegin geworden. Als nun eines Tages Angelika zu einem gewöhnlichen Kundenbesuch ihr schönstes Kleid angezogen hatte, und mit glücklichem Lächeln vor ihr stand, sagte sie zu ihr; wozu richtest du dich so her und gibst die paar Groschen, die du verdienst, für Plunder aus? Trachte lieber, daß du gesund wirst, damit unsere Frau nicht so viel Scherereien deinetwegen hat; es steht nicht zum besten mit dir, das wissen alle, bloß du nicht; also merk dirs und werde nicht gar so übermütig. Die Worte erschreckten Angelika, und sie fing an zu begreifen, was ihr drohte. Sie büßte ihren Frohsinn nach und nach ein, obwohl ihre kräftige und unbefangene Natur sich immer wieder geltend machte, selbst dann noch, als sie bettlägerig wurde und mit jedem Tag mehr verfiel. Es war mir endlich gelungen, in einem Asyl weit draußen vor der Stadt einen Unterschlupf für sie zu finden, richtiger ausgedrückt, ich hatte einige schwerbewegliche Personen aufgesucht, und diese ihrerseits hatten wieder einigen widerwilligen Funktionären eine Zusage abgerungen, die aus freien Stücken zu geben ihre Pflicht und ihr aufgetragenes Amt gewesen wäre. Kurz, Angelika sollte in Pflege kommen, und ich beeilte mich, es der Frau zu melden. Es war an dem Tage gerade ein blutiger Aufruhr in der Stadt, Soldaten und Arbeiter zogen durch die Straßen; aus vielen Häusern wurde geschossen. Am schlimmsten ging es in dem Viertel zu, wo die Friseurin wohnte; ich konnte mir durch die Massen Volks kaum einen Weg bahnen. Der Laden war geschlossen, ich stieg ins erste Stockwerk hinauf, wo sich die Wohnung befand, doch es war niemand zu sehen. Ich wußte, wo Angelikas Kammer war, ich hatte sie schon einmal besucht und mit ihr gesprochen. Ich klopfte; es blieb still. Ich dachte, das Kind schlafe vielleicht, obgleich dies bei dem wilden Lärm, der von der Straße heraufschallte, sonderbar anzunehmen war. Als ich leise die Tür öffnete, sah ich, daß sie nicht im Bett lag. Sie hatte sich erhoben; im langen weißen Hemd und barfuß stand sie vor dem Spiegel, der in den Schrank eingelassen war; die schwarzen Haare flossen bis zu den Hüften; auf dem Kopf trug sie einen breitrandigen Hut mit zwei grauen Federn; um die Taille, über das Hemd, hatte sie ein blauseidenes Band zur Masche geknüpft, und um den stengelfeinen Hals eine Korallenkette gelegt. Ich trat in das ärmliche Gemach; es bedurfte nur meines Vorsatzes dazu, daß sie mich weder sah noch hörte; außerdem war sie viel zu hingenommen von ihrer Beschäftigung und das Geknall und Geschrei von draußen zu heftig, als daß sie auf mich hätte aufmerksam werden können. Ich setzte mich also in eine dunkle Ecke. Ich konnte ihr Gesicht nur im Spiegel sehen, das totblasse, aber von Begierde, von unbezwinglicher Lebensbegierde über und über bebende Gesicht. Auf dem Tisch neben ihr lagen ihre Schätze, ein Haufen bunter Bänder, ein paar wertlose Broschen und Spangen, ein Nähzeug und eine Schale mit Winterblumen. Auf einem wackligen Stuhl davor standen ein Paar gelbe neue Stiefletten und über der Lehne hingen Blusen, ein Ledergürtel und ein grüner Schal. Das alles betrachtete sie mit fließenden Blicken, bald sich selbst im Spiegel, bald die geliebten Gegenstände. Die Sachen, nennt man es; ja, jeder hat seine Sachen, und mit ihnen schützt er sich und schmückt er sich; sie täuschen ihm Fülle vor, oder Freude; die Habseligkeiten; auch ein merkwürdiges Wort. Sie griff nach Blumen in der Schale und probierte, ob sie zum Blau der Schleife paßten; sie nickte ihrem Spiegelbild zu, vertraut, verträumt, aufmunternd; sie spielte mit ihm und forderte es heraus, sie bog den Kopf zur Seite und gab sich eine graziöse Haltung, und besonderes Vergnügen bereitete ihr das Wippen der grauen Federn. Währenddem wurde der Tumult auf der Straße immer ärger; sie vernahm es nicht. Draußen schlugen sie eine jahrhundertalte Ordnung in Trümmer, sie genoß, was sie als Reichtum empfand. Sie beugte sich zu den Stiefelchen herab und sagte schalkhaft-liebkosend: ihr armen Schuhe, wer wird euch spazieren tragen, wenn ich gestorben bin? Sie richtete sich wieder empor, schaute lange und äußerst gespannt in den Spiegel, seufzte herzlich und sagte leise vor sich hin: ach Gott, nie wird ein Mann bei mir schlafen. Es war Klage, aber voller Unschuld, so daß es beinahe heiter klang und ich mich zu lächeln nicht enthalten konnte. Doch schlich ich mich nach einer Weile hinweg. Mehr durfte ich von dem Geheimnis nicht rauben; ich hatte mir schon zuviel angemaßt. Den Menschen bei sich selbst erlauschen, geht nicht an; man verrät ihn und verrät sich. Alles war Spiegelung gewesen; der wirkliche Spiegel hatte mir Angelikas Gesicht gezeigt der andere ihre Welt, weit zurück bis zu den Ahnen und Urahnen, die sie hinausgestoßen hatten, als Letzte, in ein ungenügendes Stück Leben.«
Die Zeit war ohne Marke; wie lange das Schweigen gedauert hatte, konnte Mörner nicht ermessen, als die höfliche Stimme wieder begann: »Ich möchte Ihnen die verschlossenen Tore aufschließen; bedenk ichs recht, so hab ich zu vielen die Schlüssel. Damit man erfahre, damit man erlebe, muß man vieles gesehen haben, und doch ist Sehen und Erleben zweierlei, und Leiden und Erleben ist zweierlei. Die Tat macht es nicht, und der Wille nicht und die Ergriffenheit nicht. Jedes einzeln kann zu etwas dienen, und doch ist der glockenhafte Widerhall nicht da, der die Sinne löst und zum Schwingen bringt. In der Wissenschaft, glaube ich gehört zu haben, werden jetzt mehr und mehr alle Phänomene der Natur auf die Wellenbewegung zurückgeführt. Meiner Ansicht nach kann man auch die sinnliche Welt in das Gesetz der Wellenbewegung einbeziehen. Es ist vielleicht dieselbe Kraft, nicht einmal wesentlich modifiziert, die das Licht erzeugt und zwischen zwei Menschen Haß oder Liebe hervorbringt; dieselbe, die ein Gestirn aus seiner Bahn reißt und die Katastrophe einer Familie oder eines Volkes bedingt. Wir haben keinen Einblick, wir können es wahrscheinlich nie ergründen, aber wenn der Geist rein ist, glaubt man oft, man kann es ahnen und fassen. Der nämliche Stoff flutet durch sämtliche Seelen, und wenn das Gemüt rein ist, kann man sie ahnen und fassen. Oft ist mir, als wär ich der andere, der mich anschaut; oft, als wär ich in vielen drin und die Unruhe käme von der Zerstückelung. Oft ist mir, als rollte alles Geschehen in seinen Anfang zurück, und was Tod und Untergang scheint, wenn ich die Augen schließe, ist wie neu, wenn ich sie dann aufschlage. Oft ist auch alles wie Wiederkehr, und das macht eigentlich am meisten verzagt; dann wäre ja keine Rettung und kein Hinauf. Ich hörte einmal die Geschichte von einem reichen Patrizier im alten Rom, Valerius Asiaticus; der besaß einen so herrlichen Hügelgarten, daß er den Neid des Kaisers Claudius erweckte, der ihn auf unbewiesene Verleumdungen hin zum Tod verurteilte. Da man ihn die Todesart wählen ließ, entschied er sich für die Verbrennung. An dem dazu bestimmten Tag nahm er seine gewohnten Leibesübungen vor, badete, ging zu Tisch und öffnete sich die Adern. Aber die Liebe zu seinen Pflanzen war so groß, daß er in der letzten Stunde den aufgeschichteten Scheiterhaufen nach einer anderen Stelle schaffen ließ, damit Flammen und Rauch das Laubdach der Bäume nicht beschädigen sollten. Genau das Gleiche, Zug für Zug, hat sich unter der Regierung der letzten Kaiserin in China begeben, und ich habe den Mann gesehen, der das Gleiche erlitt; ich war dabei, als er auf den Holzstoß stieg. Aber das ist vielleicht aus zu grober Materie; Ereignis gegen Ereignis, eins der Schatten vom andern; was besagen sie beide? Die lüsterne Phantasie nascht davon, und es entsteht Irrtum und Dunkel. Man muß immer zum Geringen niedersteigen, dann ist die Falte auf einer Stirn und die Windung in einem Ohr beredt genug, und wo man geht und steht, umdröhnt einen der Lärm des Bluts, der Wünsche, Begierden, Träume und Gedanken in allen wie das Hämmergestampf in einer Maschinenhalle. Ohne Aufhören ist es, ohne Stille; Rad wetzt sich an Rad, Hebel stößt Hebel. Ich bin einmal mit einer Kolonne von Arbeitslosen marschiert, Männern und Frauen; wie es hinter den Schädeln raste! Mir war als sausten Knüttel auf mich herab, und doch waren die Leute ganz stumm. Ich bin einmal auf einem Schiff gewesen, das auf eine Mine stieß; die Passagiere stürzten auf Deck, und die Todesangst in den Gesichtern kann ich nicht vergessen. Sie waren aufgerissen bis in die verborgensten Fasern. Schamlos werden die Menschen da; Zucht fällt ab wie Tünche, das Gehütetste geben sie preis, und nur Mütter und Tiere verlieren sich nicht ganz. Ich bin einmal in Litauen oben mit drei Wucherern in einem Postwagen gefahren. Sie sprachen wenig, und das Wenige mit Vorsicht; aber ihre Augen und ihr Lachen und ihre Gebärden erzählten von zugrundegerichteten Existenzen, von Bitten und Flehen, das an ihrer Unempfindlichkeit abgeprallt war; jeder schleppte ein Netz, worin die Ausgesogenen wehrlos zappelten; und es war, als zeigten sie einander ihre Beute. Ich folgte ihnen heimlich; es ließ mir keine Ruhe, von ihnen viel zu wissen; ich sah Drohbriefe und Pfandscheine und verfallenes Gut und ausgeräumte Stuben, und den Leichtsinn der Opfer, die Verzweiflung von einem, der Wechsel gefälscht und von einem der Geld unterschlagen und von einem, der sein Erbe verschleudert hatte. Die drei Wucherer waren wie Pirschgänger; sie brachten Menschen in Rudeln zu Fall; sie häuften Reichtümer an, ohne sie zu genießen, ohne sich daran zu freuen, ihr einziges Ergötzen war die Qual und Wut des in die Enge getriebenen Menschenwildes; als ich in einer Nachtstunde einen allein in seinem Zimmer sitzen sah, durch das Fenster von der Straße aus konnte ich ihn sehen, da erschrak ich, denn das Gesicht sah aus wie das eines versteinerten, grauenhaft traurigen Affen.«