Der Unbekannte bedeckte hastig die Augen mit der Hand und lächelte enigmatisch. »Um ihn war ein Geruch von Schicksalen wie von Miasmen,« fuhr er fort; »doch ein jedes Schicksal hat seinen bestimmten Geruch, seine bestimmte Schwere, seine Flugkraft, seine Intensität, seine angeborene Gewalt. Es wächst oder welkt wie die Pflanze; es zieht anderes Schicksal an oder stößt es ab, je nachdem. Es ist über den Menschen, eine Weile oder ein Jahrtausend, je nachdem, dann in den Menschen. Sie verhalten sich zu ihm wie mehr oder minder elektrische Körper zum Blitz. Das Unausdenkbare, sobald es ausgedacht werden kann, geschieht es schon oder ist geschehen; aber der es erleiden muß, dem ist es Rätsel und Grauen. Ich war in Böhmen auf einem Gut, dessen Besitzer seit kurzem geistesgestört war, und zwar aus folgender Ursache. Es war ein reicher Edelmann, ohne Familie und ohne Freunde, ein menschenscheuer Sonderling. Die einzige Person, der er vertraute, war sein Diener, mit dem er fünfundzwanzig Jahre auf dem Schloß gehaust hatte, der für seine Bedürfnisse sorgte, seine Launen kannte und ihm in allem demütig ergeben war. Eines Tages wurde der alte Baron von Todesahnungen geplagt; vielleicht ängstigte ihn die völlige Einsamkeit zum erstenmal; er rief den Diener zu sich in die Stube und sagte ihm, daß er wahrscheinlich bald sterben müsse, und daß er, um ihn für seine Treue und Anhänglichkeit zu belohnen, sich entschlossen habe, ihm den großen Meierhof zu schenken, der an den Schloßpark grenzte. Er möge für den nächsten Morgen den Notar bestellen, damit die Schenkung rechtsgültig festgelegt werde. Der Diener starrte eine Weile stumpf vor sich hin. Während des ganzen Vierteljahrhunderts nämlich, das er mit seinem Herrn verbracht, hatte er nie eine Gemütsbewegung an ihm bemerkt, nie eine Gabe von ihm empfangen, nie ein mildes Wort von ihm gehört. Er fängt an zu stottern; er verfärbt sich, plötzlich stürzt er vor dem Baron auf die Knie, schluchzt vor Zerknirschung und sagt, er sei der Gnade des Herrn unwürdig; er müsse sich eines gräßlichen Vorhabens anklagen, das er dreimal in Tat umsetzen gewollt; dreimal habe er den Plan gefaßt, den Herrn umzubringen; dreimal sei er des Nachts unter dem Bett des Herrn gelegen, um ihn im Schlaf zu erwürgen; dreimal habe ihn ein Zufall daran gehindert: einmal der Hahnenschrei; einmal das Schlagen der Pendeluhr; das letztemal, in voriger Nacht erst, das Trompetensignal einer durch die Dorfstraße ziehenden Militärabteilung. Der Baron wußte nichts zu antworten. Er hieß den Diener gehen. Er verabschiedete ihn noch an demselben Tag. Das nachträgliche Entsetzen über die dreimalige nicht gewußte Gefahr, unter Mörderhand zu enden, umnachtete seinen Geist.«

Der Unbekannte hatte einen Ausdruck in den Augen, als schaue er in ein Gewühl, das fern und tief unten war. »Aber ist das nicht auch zu grob, zu tatsächlich, zu zufällig?« fragte er gedankenvoll; »ich greife es heraus, weil es sich herausdrängt. Ich bin zu erfüllt davon. Es haftet auch an der Haut. Und immer ist es aneinandergereiht wie die Käfer auf einem Pappendeckel. Man will beweisen, was man spricht. Ich sehe immer das Exempel. Ich sehe so viele, die ihren Mörder neben sich haben; sie füttern ihn förmlich auf und drücken ihm die Waffe in die Hand. Oft ist es ihr eigener Schatten, der sie mordet, oft ihr Bild in einem Bruder, einer Geliebten, einem Freund. Keiner weiß etwas vom Bruder, von der Geliebten, vom Freund, und es ist wunderlich amüsant, zu erfahren, was er zu wissen vorgibt. Mißverständnisse geben ihnen den stärksten Halt. Es ist überhaupt wunderlich amüsant alles, finden Sie nicht? Immer sehen, immer hören, jede Stunde ausschöpfen, jedes Herz aushorchen! Was hätte ich drum gegeben, wenn ich jenen Diener noch auf dem Gut getroffen hätte! Die fünfundzwanzig Jahre Gehorsam in Schweigen und Haß, was muß da in seinem Gesicht zu lesen gewesen sein! Ich habe ihn lange Zeit gesucht; leider umsonst.«

Er beugte sich vor; die schöngeformten Hände machten eine zaghafte Geste. »Diener! daß es solche gibt!« fuhr er fort; »daß es Knechte gibt, und Türsteher; solche, die Kohlensäcke auf dem Rücken tragen; Schiffszieher; solche, die in Schwefelgruben steigen; solche, die Kloaken säubern; solche, die Bleidämpfe einatmen. Jeder mit seinem ganz besondern Sinn. Einer hat nicht dieselben Finger wie der andere; in zweien sind nicht zwei gleiche Gedanken, und jeder läßt sich die Last aufbürden und schleppt und schleppt. Warum nur? Man kann nicht fertig werden, darüber nachzudenken. Millionen Sklaven keuchen unter der Kette; tausend rebellieren und reißen sich los, und schon zwängen sich tausend neue an ihre Stelle. So mutlos und wundgerieben ist aber keiner, daß er nicht ein Weib bei sich hätte und Kinder mit ihr zeugte, die auch wieder an die Kette geschmiedet werden. Da schwillt das Leiden immer höher. In manchen Ländern steht es bereits so, daß die Kinder mit einem alten finstern Herzen auf die Welt kommen. Ich habe mich davon überzeugt. Ich habe folgendes erlebt. Man geht nichts ahnend hin, und aus dem Erdboden heraus strecken sich einem Kinderarme entgegen, lauter magere Kinderarme wie ein Feld von Strohhalmen; die Fäustchen sind krampfhaft geschlossen, die zarten Gelenke sind rhachitisch. Es ist äußerst merkwürdig: man kann meilenweit wandern, zwischen Fabrikschloten und flammenden Essen, und sie strecken sich einem unabsehbar entgegen, lauter magere Kinderarme, wie Strohhalme, oder wie kleine geschälte Zweige. Manche brechen, manche wachsen, jedenfalls sind es zahllose, und sie versperren einem den Weg. Was sagen Sie dazu? Meinen Sie nicht, daß Ihre Ansicht, die Zeit sei Ihnen entgegen, doch falsch ist? Ist sie nicht geradezu für Sie? Geradezu wie für Sie gemacht? Ist sie nicht wie ein verdorrter Acker, der Bewässerung verlangt, Licht und Wärme? Denken Sie nur an die zahllosen Kinderarme. Sie können sich niederbeugen, die zusammengekrampften Fäustchen öffnen, die frierenden Hände ergreifen. Ich fürchte, das klingt sentimental, aber ich halte es Ihnen als Notwendigkeit vor. Es ist, als schaute man in ein vergiftetes Bassin, wo viele kleine Fische vor dem Krepieren noch ein bißchen zucken. Das einzige Mittel, sie zu retten, ist, neue Quellen und Zuflüsse hineinleiten. Sie sagen, das Werk lasse sich nicht schaffen, weil die Geister und Seelen zerstört sind. Zum Teil ist das ja richtig. Aber war die Auslese der Brauchbaren nicht immer sehr gering? Steht und fällt nicht jedes Werk mit dem einen Hirn, in dem es geboren wird? Und brauchen Sie denn die Menschen? Genügt nicht das Schauspiel von Aufstieg und Sturz, das sie Ihnen bieten? Ist denn der große Lebensteppich zerfetzt oder verbrannt? Sind seine Farben verblaßt? Ist er minder bunt gewirkt als vor zehn, vor hundert, vor tausend Jahren?«

Der Unbekannte schien in einiger Erregung. Der Ton seiner Fragen war dringlich; er hatte die Hände ausgestreckt und sich noch weiter vorgebeugt. »Es scheint mir nicht. Sehen Sie doch hin. Die Paare treten zum Tanz an, der Wein wird ausgeschenkt, die Musik spielt. Es ist ein Haus mit vielen Stockwerken; in dem einen ist Fröhlichkeit, im andern Traurigkeit. Es ist eine Zauberhöhle mit schimmerndem Gestein. Man braucht nicht einmal Aladdins Wunderlampe; die dienenden Geister gehorchen dem, der den Weg gefunden hat. Wozu Gericht? Wozu Verdammung? Nicht einmal urteilen darf man. Zerstörte Geister und Seelen, was heißt das? Ist das eigene Auge und die eigene Seele unzerstört, so ist die Welt unzerstört. Gäbe es eine Hölle wirklich und wären alle ihre Verdammten losgelassen, um aus purer Raserei die Welt zu vernichten, und es fände sich nur ein einziger unter ihnen, der beim Ruf der Erlösung sehnsüchtig stutzt, so würde es sich verlohnen, sie von neuem aufzubauen. Das ist meine Ansicht. Schlagen Sie die Augen empor! Fassen Sie doch, wie ein Kind es tut, das Ungeheure, das Süße, das Schmerzliche, das Blühende, den ungeheuren, überflutenden Reichtum. Freilich ist eines not, wie es auch geschrieben steht. Es steht geschrieben: Von der Neigung zu geliebten Personen mußt du so frei sein, daß du, soviel dich anbelangt, ohne alle menschliche Verbindung zu sein wünschest; umso näher kommt der Mensch Gott, je weiter er sich von allem irdischen Trost entfernt. Aber das ist eine harte Aufgabe. Geöffnet sein und im ehernen Panzer; leicht sein und schwer beladen; den Baum hegen, der die seltenen Früchte trägt, und sie nicht für sich pflücken dürfen. Trotzdem ist es köstlich, zu wandeln und die Luft der Erde zu atmen, wenn man die Botschaft versteht, die einem geworden ist.«

Mörner wollte die Hand des Unbekannten ergreifen, doch der Stuhl, auf dem er gesessen, war leer. Seine Brust hob sich mit einer Sturmwelle, er wußte nicht, ob in freudigem, ob in wehem Gefühl. Fragen quollen ihm auf die Lippen, die er an sich selbst richtete, aus einer Morgendämmerung des Herzens heraus: wo gräbst du? wo wächst du? wo wirkst du? wo ist dein Feld? wo ist dein Weg? Aber ehe er sie bedenken konnte, waren sie von einer geisterhaft-entfernten Stimme beantwortet, und er glaubte einen Arm zu gewahren, der ihm eine goldhäutige, strahlende Frucht zeigte. Der Tag rauschte über das Firmament, und er begrüßte ihn. Er war an der Wende angelangt, wo der Ausgleich ist zwischen Finsterem und Hellem, über welchen der Bogen sich wölbt, an den die Sternbilder geheftet sind, Inbegriff allen Schicksals.

Adam Urbas

Unter den Aufzeichnungen des kürzlich verstorbenen Reichsgerichtspräsidenten Diesterweg, eines scharfsinnigen und geistreichen Kriminalisten vom Schlage des großen Anselm Feuerbach, befand sich auch die folgende.