Ich bin irre am Geschlecht der Menschen. Nie hat solcher Kummer die Erde gefüllt; Klage und Anklage erhebt sich maßlos. Schwer ist es, zu wissen, ob sie allesamt Verlorene sind, schwer zu erkennen, ob in allen der Funke erloschen ist, der ihnen als Teil der Göttlichkeit in die Brust gehaucht ward. Ich will eine Probe machen. Geh hinab zu ihnen, du scharfäugiger Spürer, und suche unter den Verstockten den Verstocktesten, unter den Umschlossenen den Umschlossensten. Nicht um den Übeltäter geht es, merke wohl; um den Gleichgiltigen geht es. Den Unscheinbaren, der in der Trägheit verhärtet ist, sollst du suchen in seinem umfriedeten Bezirk; den, dessen Linke nicht weiß, was die Rechte tut. Und wenn du zurückkehrst und sprechen kannst: ich habe ihn erweicht, ich habe ihm die Binde von den Augen gerissen, und er vermag zu sehen, dann soll ihnen noch einmal Gnade gewährt sein und Aufschub des letzten Gerichts.

Der Engel senkte stumm das Haupt, und während ihn gewaltige Posaunenschälle umdröhnten, verließ er in seiner großen Schönheit die erhabene Region, um den Befehl des Herrn zu vollziehen.

In einer Wirtsstube saßen beim trüben Licht mehrere Beamte der Stadt, Notabilitäten in ihrer Art, um einen Tisch. Bis auf einen armselig aussehenden Menschen, der in der Nähe des Ofens kauerte und zu schlafen schien, waren sie die einzigen Gäste. Da sie ihn kannten, auch seiner nicht achteten, brauchten sie sich im Gespräch keinen Zwang aufzuerlegen. Er hieß Jost und war ein Kleinbürger, dem Anschein nach ein Agent oder Vermittler, der an gewissen Abenden kam, um dem Wirt Lieferungsgeschäfte anzutragen.

Die Unterhaltung drehte sich um die Trostlosigkeiten des Alltags. Verärgerung lag jedem im Gemüt, Lebensangst den meisten. Still verhielt sich nur einer, nicht weil er weiser oder zufriedener, sondern weil er bequemer war. Auch dann nahm er nur stummen Anteil, als der trübseligen Gegenwart die glänzende Vergangenheit entgegengehalten wurde, in deren schwachem Widerschein sie sich ihrer Sorgen entledigten. Die Welt, war sie auch zum Erbarmen zugerichtet, einstmals hatte sie ihnen eine festliche Zeit gegeben, und unter diesem Einstmals verstanden sie den Krieg, zumindest seinen Anfang. Da war auch dem Abseitigen unerwartet Macht zugefallen, sofern er nur mit dem allgemeinen Strom geschwommen war, und wie erst, wenn er sich mit seiner Person für das Ziel erklärt hatte. Macht, Bewegung, Wechsel der Geschehnisse; es klang schon jetzt nicht anders als wie es schönfärbende Fibeln den Späteren melden. Auch die sich tätigen Dabeiseins nicht rühmen konnten, ergingen sich breit im Nachgenuß martialischer Erinnerungen. Was Blut und Not und Tod; erlogene Gespenster. Die triumphierende Wahrheit war dort, wo man Ehre gewonnen, wo man sich eingesetzt und gespürt hatte.

Postoffizial Erbegast, als beredtester Schwärmer, sprach davon, wie man Raum gehabt, im Westen, Osten, Süden, überall Raum, Weite, Luft, Landschaft, Freiheit. Raum und Gelegenheit. Quartier in Schlössern, Fahrten ins Unbekannte, neue Städte, neue Menschen, neue Dinge, zwischen Morgen und Abend keine Langeweile. Wenn man da erzählen wollte! Wie es wohltat, sich der Fülle zu erinnern. Er wandte sich lebhaft und herausfordernd an den Schweigsamen, Rechnungsrat Siebold, und ermunterte ihn zur Zustimmung. Mit bloßem Kopfnicken wollte er sich nicht abspeisen lassen. Der Schweigsame ist nicht beliebt, wenn Geister erglühen. Siebold sollte laut bestätigen, da er es doch aus Erfahrung zu tun imstande war, daß man Unvergleichliches gesehen und erlebt habe. Oder sei an ihm die Herrlichkeit spurlos vorübergegangen?

Ungern sah sich Siebold in die Mitte der Aufmerksamkeit versetzt. Er liebte es nicht, sich mit Gewesenem zu beschäftigen. Ihm lag der gestrige Tag schon fern. Unter den fragenden Blicken der Tischgenossen stiegen wohl Bilder aus entlegenen Gehirnschächten empor, aber es gestaltete sich keines. In den Jahren, er zählte die Jahre nicht, waren sie ihm abhanden gekommen, kaum daß er sie noch als eigenen Besitz erkannte. Blasse Farben, schattenhafte Figuren, verhallte Worte. Was berührte einen daran? Man war ein anderer. Jahre! Was ist nicht ein einziges an Gedehntheit! Zudem war er nur vier Monate draußen gewesen; kleiner Fähnrich, freudlos wie tausende. Man hatte ihn darnach in ein Proviantlager geschickt, und als er dort erkrankt, war er auf seinen Platz im Amt zurückgekehrt, wie wenn die Zwischenzeit ein unergiebiger Ferienausflug gewesen wäre.

Es dünkte ihn aber, daß ihn Offizial Erbegast sticheln wollte. Auch die übrigen betrachteten ihn mit ironischen Blicken, als trauten sie ihm besondere Erlebnisse nicht zu und hegten nicht einmal die Erwartung, daß er sich zu solchen bekenne. Das verdroß ihn. Sein bedrohtes Selbstbewußtsein richtete sich wehrhaft auf. Er begriff die Notwendigkeit, den spöttischen Zweiflern Achtung abzuringen und forschte in seinem Gedächtnis. Nicht vergeblich; die verkniffene Miene erhellte sich; ein Vorfall fiel ihm ein, bei dem er handelnd mitgewirkt. Da er sich der Einzelheiten nur ungenau entsann, dauerte es geraume Weile, ehe seine Erzählung in verständlichen Fluß kam. Doch die Zuhörer zeigten Geduld, und so hatte er Muße, der schwerfälligen Erinnerung den Verlauf abzuzwingen.

Die Geschichte war in keiner Weise ungewöhnlich. In einem galizischen Dorf waren sieben Menschen unter dem Verdacht der Spionage eingebracht worden. Die Beschuldigung lautete, sie hätten dem Feind durch das Dachfenster des Gemeindehauses, in welchem sie zusammengepfercht gefunden worden waren, Lichtsignale gegeben. Siebold hatte das Protokoll aufgenommen. Nur einem unter ihnen, einem riesenhaft gewachsenen Burschen, hatte das Verbrechen nachgewiesen werden können; bei den andern sprachen gewichtige Umstände dafür, daß sie die Opfer böswilliger Angeberei waren. Trotzdem hatte der Hauptmann alle Sieben nach einem summarischen Verhör kurzerhand zum Tod verurteilt: drei Juden, ein siebzehnjähriges polnisches Mädchen, einen zwölfjährigen Knaben, einen sechsundsiebzigjährigen Greis, und den Rädelsführer der Bande, eben jenen Riesen.

Ein Tropfen im Meer der Ereignisse; ein paar vernichtete Leben mehr neben den Millionen. Die Welt hatte wohl kaum eine Kunde davon erhalten. Auch jetzt, wo es die Merkmale der Verjährung und der erfahrenen Häufigkeit trug, konnte solches Standgericht kein tieferes Interesse erregen als eines, das aus Höflichkeit dem Erzähler gebührt. Mochte auch der eine oder der andere die Willkür empfinden, die dabei gewaltet und dem in halben Andeutungen Worte verleihen, so wurden die schüchternen Einschiebsel leicht mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit abgetan. Für zarte Gemüter war die Zeit nicht geschaffen; die Moral bürgerlichen Lebens, das humane Gesetz, hatte da keine Giltigkeit mehr, wo man sich täglich seiner Haut wehren mußte. Wer auf seinem Posten stand und der Vorschrift genügte, war entlastet. »Die Gegner haben es genau so gehalten,« wurde gesagt; »weil wir in der Patsche sitzen, spuckt man uns ins Gesicht, und sogar im Lande selbst entblödet man sich nicht, Leuten, die ihre Pflicht erfüllt haben und als Helden gefeiert würden, wenn das Glück bei uns geblieben wäre, soviel wie möglich am Zeug zu flicken.« Jawohl, bemerkte hierzu der Offizial bissig, die Menschen seien eben Schweine und von ihrer schweinischen Natur könne man nichts Besseres erwarten.

Nach diesem Intermezzo nahm Siebold den Faden wieder auf. Da er nun zu sprechen begonnen hatte, wollte er seine Sache auch bis zum Ende führen. Das Wort hatte ihm Hilfe geleistet und Bild um Bild aufgefrischt; er wunderte sich selbst über die wiederbauende Fähigkeit der Erinnerung und gefiel sich in seiner Rolle des Mitrichters über Schicksale. Er verweilte. Er ging in der Schilderung zum Kleinen und Intimen; mit behaglicher Ausführlichkeit beschrieb er die traurige Gegend, das verwahrloste Dorf, die Armut der Menschen, sogar das regnichte Wetter, das geherrscht hatte. Dann erzählte er von der jungen Polin; wie trotzig sie alle angeschaut mit ihren schwarzen Augen; er hatte den Namen gewußt; er hatte ihn vergessen. Er besann sich und fand ihn. Katinka war der Name gewesen. Als wohne dem Namen Leuchtkraft inne, wurde gegenwärtig, wie sie stolz und wild die Antworten verweigert, auch als man ihr den Revolver vor die Stirn gehalten; auch als man ihr versprochen, den Knaben, ihren Bruder, zu schonen. Immer wieder betonte er die teuflische Halsstarrigkeit des Mädchens, schließlich mit Einschaltung eines lasziven Witzes, der, wie billig, belacht wurde. »Glauben Sie, meine Herren, sie hätte die Zähne voneinandergetan? Um keinen Preis. Eher noch die Beine, scheint mir.«