Als der Spruch gefällt war, hatten sich alle, mit Ausnahme der Katinka und des Riesen auf die Knie geworfen. Die Juden vor dem Hauptmann, das Bürschchen vor ihm. Das Bürschchen hatte seine Beine umschlungen und jämmerlich geschluchzt, bis es die Schwester angeschrieen und weggerissen. Der alte Mann hatte ihm fortwährend die Hände geküßt und unverständliche Worte gelallt. In die größte Verzweiflung waren aber die drei Juden geraten. Mit gellenden Anrufungen Gottes hatten sie ihre Unschuld beteuert, sich die Haare gerauft und an den Kaftanen gezerrt. Einer, mit fuchsrotem Bart und käseweißem Gesicht, hatte sich äußerst demütig betragen; als aber der Hauptmann, dem das Unwesen zu lärmend wurde, den Befehl erteilte, die Gesellschaft abzuführen, war es gerade dieser, der die Arme gegen ihn streckte und eine alttestamentarisch-gräuliche Verfluchung ausstieß.
Eine gespenstische Idylle, gerahmt in Selbstzufriedenheit, beschloß die Darstellung: nächtlicher Regensturm; Siebold auf Runde; an den Ästen von sieben Pappeln neben der Chaussee sieben Leichen, schwankend im Wind, unheimliche Kleiderbündel, unheimliche Gerippe, schief, schlapp, verbogen wie die Vogelscheuchen, und in der schwarzen Ebene ein klagend-verklingender Ruf.
Da dem Offizial die Düsterkeit des Gemäldes nichts anzuhaben vermochte, weniger aus Herzenshärte, als weil seine Einbildungskraft, wie übrigens bei alle diesen, das Entscheidende nicht zu fassen vermochte, schreckte er vor der zynischen Erkundigung nicht zurück, ob denn die wilde Katinka ihre vermeldeten Beine nicht hätte nützlich gebrauchen wollen oder können. Im selben Augenblick erhob sich der schlafende Kleinbürger oder Agent Jost mit störendem Geräusch. Er trat an den Tisch der Herren, schüttelte sich raschelnd, feixte verlegen, und während er irgendwelche Laute vor sich hinmummelte, betrachtete er einen um den andern; zuletzt blieben seine Augen, zwei kleine, glitzerige Messingscheibchen wie bei Katzen, auf Siebolds Gesicht haften, mit einem so neugierigen und boshaften Ausdruck, daß es dieser als Belästigung empfand und ihn stirnrunzelnd musterte. Ein Unbehagen blieb.
Doch war seine Haltung aufrecht und seine Stimmung geläutert, als er durch die abendlich finstern Gassen seinem Heim zuwanderte. Ein zurückgedrängtes Stück seiner inneren Person war an dem Abend zu neuem Wertbewußtsein erwacht. Er folgerte daraus, daß dem geistig und sozial entwickelten Menschen Gedankenmitteilung und Gespräch mit Gleichgearteten zu einer Vermehrung des Kräftevorrats verhelfe. Man müsse sich zu erkennen geben, war die Lehre, die er daraus zog; man dürfe sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Zufällig hatte er eine abgebrochene Brücke wieder geschlagen, vernachlässigtes Lebensgut in Sicherheit gebracht; und siehe, er befand sich wohl dabei. Die Färbung der Existenz war intensiver, der Schritt gewichtiger, der Blick bedeutender. Er blieb stehen, sog Luft in die Lunge, nahm eine Zigarre aus dem Behältnis und zündete sie an.
Das Ziel des Weges stand nicht im Einklang mit seiner Gehobenheit. Sechzehn Quadratmeter Raum und vier Betten: das eheliche Schlafgemach. Im Vorgefühl umfing ihn schon die trübe Enge. Die beiden Kinder, die sich von Zeit zu Zeit auf dem Lager wälzten und im Traum redeten. Kleider und Wäsche auf den Stühlen; Schuhe auf dem Boden; die Vorhänge über den Fenstern morsch; oval gerahmte Familienphotographien an den Wänden, deren Tünche zu bröckeln begann; die Decke vom Schlafdunst vieler Nächte geräuchert. Als sicher war anzunehmen, daß die Frau erwachen würde; mit den steifgeflochtenen Zöpfen würde sie sich aufrichten, blaß, vergrämt, verdrossen; würde fragen, wo er gewesen, warum er so spät kam; würde ihn mit ihren häuslichen Miseren quälen: etwa daß sie beim Händler kein Gemüse, beim Kaufmann keinen Zucker bekommen; daß weder Kohle, noch Holz, weder Brot noch Mehl im Hause sei; daß das ältere Töchterchen über Halsschmerzen geklagt und wahrscheinlich Fieber habe. Es wollte ihn bedünken, als gehe dies alles wider die Würde. Man war Beamter mit Machtbefugnissen. Es war ein Zwiespalt zwischen seiner Stellung im öffentlichen und im privaten Leben; unversöhnlicher Konflikt. Der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung genoß Ehren; er wollte es nicht verkennen, noch mißachten. Menschen zitterten vor ihm. Menschenwohl und -wehe war in seine Hand gegeben. Der Gatte, der Vater war zur Geringfügigkeit verdammt, niedergezwungen auf die Straße der Vielen.
Er schob es fort. Es gelüstete ihn nach Aufmunterungen. Neulich hatte er auf demselben Weg ein Mädchen getroffen und war mit ihr gegangen. Ungeachtet ihres niedrigen Gewerbes, das zu verabscheuen er als Mann von makellosem Ruf und geachteter Position verpflichtet war, hatte sie ihm gefallen. Es gibt Heimlichkeiten in der Lebensführung, durch die man nur etwas aufs Spiel setzt, wenn sie aufhören, Heimlichkeiten zu sein, also wenn man unvorsichtig ist, wenn man Spuren hinterläßt, wenn man die Grenze nicht respektiert. Sabine Jäger war ihr Name. Ihre Haare waren gelb wie frisches Holz, eine anziehende Besonderheit; sie hatte Temperament und war verhältnismäßig noch unverdorben. Als sie davon gesprochen hatte, ihn wieder zu treffen, hatte er sich nicht ablehnend verhalten. In selbstbetrügerischer Zerstreutheit lenkte er den Schritt nach der Richtung, wo sie wohnte.
Da drang ein Gruß an sein Ohr. Betroffen drehte er sich um und erkannte den Agenten Jost, der ihm gefolgt war.
Er trug ein gelbes Mäntelchen, das kaum bis zu den Hüften reichte. In die schlottrigen Ärmel hatte er die Hände wie in einen Muff gesteckt. So trippelte er vorüber. Aber plötzlich zögerte er, wartete, bis Siebold herankam und sagte mit einer dünnen, hohen, quietschenden Stimme, es freue ihn, den Herrn Rechnungsrat noch getroffen zu haben; er habe nicht gewußt, daß der Herr Rechnungsrat in dieser Gegend zu Hause sei.
Zwischen Herablassung und Mißlaune brummte Siebold ein paar leere Worte, und jener machte Anstalten, weiterzugehen. Wieder trippelte er, wieder hielt er inne. »Weit ists,« seufzte er, zog die Hände aus dem Ärmelmuff und griff nach dem lächerlich flachen Melonenhut mit ausgefransten Rändern, den ein Windstoß zu entführen drohte; »man läuft sich die Füße wund, Tag für Tag. Ist mir nicht an der Wiege gesungen worden, daß es mir so ergehen soll. Darf ich mich Ihnen anschließen, Herr Rechnungsrat? Nur bis zur Ecke da droben, da ist meine Gasse; hinter der Atlantik-Bar. Schönes Lokal, die Atlantik-Bar, wie? Schöne Leute; immerfort Musik. Wer doch auch einmal lustig sein könnte; ei ja!«
Siebold wußte nicht recht, wie er sich zu benehmen habe. Von dem hergelaufenen, verlotterten Menschen angesprochen zu werden, verletzte sein Standesgefühl. Er kannte ihn kaum. Andererseits waren die Zeiten derart, daß man sich hochmütiger Regungen versehen mußte. Er verbarg seinen Ärger, als Jost mit unterwürfiger Zutraulichkeit an seiner Seite weiterging und hatte eine steif zurückhaltende Miene.