Mit der pfeifenden Stimme und vom schnellen Gehen atemlos fuhr Jost fort: »Da kenn ich einen, der ist dort angestellt als Wagenrufer. Ein alter Mann. Vor zwei Jahren hatte er noch ein Speditionsgeschäft und eine Villa. Vor zwei Jahren hat er noch in seinem Garten Rosen gezüchtet. Und jetzt ruft er die Wagen, vielleicht für solche, die früher Kratzfüße vor ihm gemacht haben.« Ein asthmatischer Husten unterbrach ihn. »Angst und bang wird einem, Herr Rechnungsrat,« quietschte er dann, »angst und bang. Das Schicksal ist wie ein Wolf. Tückisch schleicht es her und fällt einen an. Hab drei Kinder zu versorgen; acht Jahre das älteste. Ein Mädchen; ein gutes Kind; eine Seele wie Gold. Eveline heißt sie. Poetischer Name, wie? Nun, das ist der einzige Luxus, den sich die Armen leisten können. Ruft man sie, ruft man Eveline, so wird einem gleich ganz wohl. Sie verkauft Schuhbänder auf den Straßen, Schuhbänder aus Papierstoff; billig und schlecht. Vorige Woche komm ich gegen Abend heim, hängt mir das Fünfjährige am Stiegengeländer, außen am Geländer, unter sich den Abgrund, hängt und zappelt und schreit. Noch zehn Sekunden, Herr, und die Muskelchen haben keine Kraft mehr. Was sagen Sie dazu? Freilich, die armen Würmer sind sich selber überlassen. Die Mutter ist tot. Hin und wieder beaufsichtigt sie das Töchterchen vom Tapezierer nebenan. Aber darauf ist nicht mehr lang zu rechnen. Mit seinen vierzehn Jahren ist das Menschlein bereits schwanger. Der Vater ein Saufbold, der Bruder im Zuchthaus, nicht das Stück Brot zum Fressen, kaum ein Hemd auf dem Leibe, und trotzdem juckt sie das Fleisch. Und wenn man über die Stiegen geht, stolpert man über knochenkranke Kinder, und an den Türen steht ausgemergeltes Volk, und oben ist Elend, und unten ist Elend, und in der Mitte ist Elend. Hab ich da nicht recht, kann einem nicht angst und bang werden?«
Siebold räusperte sich. »Es lebt sich schwer heutzutage,« gab er widerwillig zur Antwort. Die Geschwätzigkeit des einfältigen Menschen, die unliebsame Begleitung vor allem, erregten seine Ungeduld, und er suchte nach einem Vorwand, sich loszumachen.
»Das ganze Leben ist ein finsterer Keller,« fing das Männchen mit seiner weinerlichen Stimme wieder an; »wenn ich mir so die Leute betrachte, mit denen ich zu tun habe, da wird mir, ich weiß nicht wie. Reden, reden, reden. Geschäfte; und was für Geschäfte! Wenn zwei beisammen stehn und wispern, so heißt das gewöhnlich, daß einem dritten die Gurgel zugedrückt wird. Ich komme zu ihnen in ihre Häuser; ob fein, ob nicht fein, ganz gleich, es liegt wie Unrat und Spülicht überall. Auf Tischen und Stühlen, in Schränken und Betten, überall Unrat und Spülicht. Ich glaube, irgendein Stern da droben, ein von Gott verfluchter, hat in irgendeiner Nacht all seinen Unrat und Spülicht auf uns heruntergeschüttet. Dem ist nicht beizukommen, nicht mit Wasser, nicht mit Feuer; Unrat und Spülicht, das klebt in alle Ewigkeit. Nun, wirds bald, sag ich, was redet ihr denn? was sinnt ihr? was macht ihr für Grimassen? was grinst und lacht ihr und laßt euch von einem Alten, der Rosen gezüchtet hat, eure Karossen rufen, wo doch das ganze Leben ein finsterer Keller ist? Heda, was werft ihr denn euern Jammer auf einen Haufen, daß man hineinstürzt und drin erstickt? Und ist der Zorn verraucht, so möcht ich mich am liebsten hinschmeißen und heulen, vom Morgen bis zum Abend, nichts als heulen. Zu denken: so ein Kind, eine vierzehnjährige Schwangere. Zu denken! Herrgott! Das halt ich nicht aus. Das raubt mir den Schlaf in der Nacht; ich liege und liege, und auf einmal seh ich dann den Weg nach Golgatha. Den großen, fürchterlichen, schmerzensreichen Weg nach Golgatha.«
Siebold blieb stehen. Er schleuderte den Zigarrenstummel fort und fragte streng: »Zu welchem Zweck erzählen Sie mir eigentlich das alles? Das ist doch der reine Blödsinn, mein Bester.«
Die schroffe Zurechtweisung beschämte den Kleinen sichtlich. »Es ist wahr, Herr Rechnungsrat, es ist lauter Blödsinn,« erwiderte er schüchtern. »Ich bin eben ein blödsinniger Mensch. Das sagen viele. Ich habe selbst am meisten drunter zu leiden. Es geht bei mir bis zu fixen Ideen. Zum Beispiel, Sie werden es kaum für möglich halten, zum Beispiel hab ich heut abend die Wörter gezählt, die in Ihrer Geschichte vorgekommen sind. Sollte man sowas glauben? Achthundertneunundachtzig Wörter, alles in allem, genau gezählt. Hab mich schlafend gestellt und dabei gezählt. Ich höre, versteh auch den Sinn, zugleich arbeitet das Hirn wie eine Additionsmaschine, klapp, klapp. Kann mir nicht helfen, muß zählen. Achthundertneunundachtzig Wörter, ein ganzer Zeitungsartikel. War aber auch sehr spannend, Herr Rechnungsrat; wirklich, mein Kompliment, eine spannende Geschichte. Aber in der Nacht, wenn ich liege und in die Finsternis stiere, dann marschieren die sämtlichen Wörter an meine Bettstatt, stellen sich der Reihe nach auf wie die Zinnsoldaten, und da begreif ich erst die Meinung, da wird mir alles erst klar, und da seh ich dann den Weg nach Golgatha, wie gesagt. Ein schlimmer Zustand. Es ist kein Spaß, wenn man jede Nacht und jede Nacht auf den Weg nach Golgatha geschleppt wird. Ich muß einmal zum Doktor. Ich muß mich einmal untersuchen lassen.«
Siebold überlief es kalt. Die Reden und das Gebaren des lumpenhaften Menschen beunruhigten ihn allgemach. Daß er es mit einem Verrückten zu tun hatte, stand fest. Entschlossen, sich von der unangenehmen Gesellschaft zu befreien, murmelte er bei der nächsten Straßenabzweigung einen mürrischen Gruß und entfernte sich rasch.
Glückliche Organisation befähigte ihn, leicht zu vergessen. Ist ein Mann aus Neigung wie aus Eignung Beamter, so bilden die täglichen Obliegenheiten seine Schutzwache. Berufsgewalt erhöht ihn.
Menschen mußten warten, bis er geruhte, sie zu empfangen und anzuhören. Auch wenn es ihm beliebte, nichts weiter zu sein als launenhaft, lustlos, ungewillt ihre Gesichter zu sehen, sie mußten trotzdem warten. Das machte die Bedeutung des in gewiesenem Bereich absolut regierenden Beamten aus: daß sie warten mußten.
Sie froren im Korridor, und in seinem Büro barst der Ofen vor Hitze. Akten häuften sich mit Inhalt von unbestrittener Tragweite. Sie verrieten dem kundigen Auge wirtschaftliche Schwäche, törichte Bemühung, gesetzesfeindliche Ausflucht, verbrecherische Verschleierung. Sie eröffneten den Blick in die Schlupfwinkel der Existenzen; sie boten die Handhabe, Säumige zu zitieren, daß sie kommen mußten und dastehen wie ertappte Diebe. Aufsässigkeit war vergeblich. Der Akt machte sie zuschanden. Einspruch prallte ab. Der Akt redete. Der Akt beugte sie.
Es drang aber aus dem Vergessenen herauf bisweilen eine quietschende Stimme. Es zeigte sich auch, selbstverständlich nur in der Einbildung, das gelbe Mäntelchen mit den in muffartigen Ärmeln geborgenen Händen. Er schüttelte zu solchen Erscheinungen, die zwei-dreimal während des Tages auftauchten, den Kopf, denn er war es nicht gewöhnt, Dinge zu sehen, die nicht gegenwärtig waren, und eine Stimme zu vernehmen, ohne daß ein Sprechender zu erblicken war. Es war eine Unzuträglichkeit, doch nicht groß zu achten. Immerhin mied er das Stammlokal. Einer neuen Begegnung mit dem aufdringlichen Schwätzer auszuweichen, dünkte ihm ratsam. Es gab andere Zufluchtsstätten. Vor allem war er in diesen Tagen in intimere Beziehung zu Sabine Jäger getreten, und die Abende waren von dem Zusammensein mit ihr beansprucht.