Da geschah es, daß er einen Brief mit der Post erhielt; auf dem eingeschlossenen Blatt stand nichts weiter als der Satz: Der Weg nach Golgatha ist lang. Er starrte eine Weile darauf nieder, schien sich zu besinnen, dann zerriß er den Wisch und warf ihn ins Feuer. Verwegene Anrempelung; so ein Bursche müßte festgenommen und bestraft werden.

Zwei Tage später reichte ihm seine Frau eine offene Karte, die der Postbote soeben gebracht hatte, und fragte erstaunt, was es damit für eine Bewandtnis habe. Er las: Die Zinnsoldaten ziehen jede Nacht zur Parade auf.

Er versuchte zu lachen. Die Frau beharrte auf ihrer Frage, da sie ein Geheimnis vermutete, eine chiffrierte Mitteilung. Zornröte stieg in sein Gesicht. Er antwortete, er kenne den Schreiber; es sei ein Wahnsinniger, aber von der harmlosen Art, der sich einen albernen Scherz mit ihm erlaube; er werde dem Narren das Handwerk legen.

Am selben Nachmittag gewahrte er auf dem Heimweg vom Amt Jost in seinem gelben Mäntelchen vor einer Branntweinbudike. Er zog sogleich den Melonenhut und grüßte devot. Siebold schaute geradeaus, ohne den Gruß zu erwidern. Doch bemerkte er, daß ihm Jost folgte. Unwillkürlich beschleunigte er seinen Schritt. Das Zwergentrippeln näherte sich trotzdem. Erregung packte ihn, deren er sich schämte. Jäh blieb er stehen.

»Schlechtes Wetter, Herr Rechnungsrat,« sagte Jost kleinlaut; »wenn es schon im November so ist, wie soll man da durch den Winter kommen? Hab bereits alles, was beweglich ist, ins Pfandhaus getragen.«

»Ich empfehle Ihnen, sich zu trollen, sonst laß’ ich Sie auf der Stelle verhaften,« knirschte Siebold erbittert; »verschonen Sie mich, in des Teufels Namen, mit Ihren unverschämten Vertraulichkeiten.«

Aber als er darauf den Kleinen anschaute, erblaßte er. Jost hatte die Augen auf ihn gerichtet, die zwei Messingplättchen hinter zuckenden Lidern, und in diesen Augen war etwas, was er noch an keinem Menschen wahrgenommen: eine unfaßbare, geradezu unsinnige Qual verbunden mit einer ebenso unfaßbaren, ebenso unsinnigen Bosheit. Vielleicht kam es ihm nur wie Bosheit vor; jedenfalls fuhr ihm ein befremdlicher Schrecken in die Glieder. Schwerfällig ging er weiter, verwundert, in hemmendem Nebel, in heimlicher, hemmender Sorge, die wie eine nachschleifende Kette klirrte.

Es wurde so, daß er von dem Tage an keinen Gang durch die Straßen tun konnte, ohne daß er den Gelbmantel nicht mindestens einmal erblickte. Zwar redete ihn Jost nicht mehr an; aber daß er in der großen Stadt, unter Tausenden von Menschen jederzeit darauf gefaßt sein mußte, gerade diesem zu begegnen, immer wieder diesem, brachte ihn nach und nach aus dem Gleichgewicht.

In schäbigem Aufzug, schlotterig trippelnd, die Hände in den Mantelärmeln, mumienhaft eingeschrumpft, in bekümmerter Eile oder auch in gleich bekümmerter Gedankenversponnenheit tauchte er unerwartet an einer Ecke auf; unter den Bäumen einer Allee; in der Mitte einer Straße. Bald stand er vor einer Ladenauslage und betrachtete mit blöden Mienen die Waren, den Melonenhut in die Augen gedrückt; bald kauerte er auf dem Prellstein vor einem Torweg. Manchmal marschierte er auf dem gegenüberliegenden Gehsteig in der nämlichen Richtung, überschritt die Straße und verschwand plötzlich; manchmal schoß er unmittelbar auf Siebold zu und wich erst in der letzten Sekunde zur Seite. Stets hatte er den Kopf gesenkt und die Augen niedergeschlagen: bescheiden, verängstigt, gehetzt; und eingehüllt in jene unfaßbare und unsinnige Qual und Bosheit.

Eines Morgens, als Siebold seine Wohnung verließ, die in einem Hintertrakt gelegen war, und durch den mit einem Gärtchen verzierten Hof schritt, gewahrte er ihn am Flurfenster im zweiten Stock des vorderen Hauses. Er hatte beide Ellbogen auf das Sims gestützt, das Fenster war offen, den Kopf hielt er zwischen den Händen, der Melonenhut saß diesmal ganz im Nacken, so daß das sorgfältig gescheitelte und ölig verklebte Grauhaar sichtbar wurde, und in dieser Haltung starrte er regungslos in die Luft. In Siebold kochte berserkerhafter Ingrimm auf; er rief den Hauspfleger; unartikuliert redend, deutete er mit dem Schirm in die Höhe, brachte endlich die Frage hervor, was das Individuum da oben zu suchen habe, und während der Hausmeister hinaufging, wartete er wutbebend an der Stiege. Alsbald schlich Jost an ihm vorbei, vom schimpfenden Hauswart verfolgt, gedrückt, still und hastig. Siebold eilte ihm nach, wurde eines Polizisten ansichtig, trat auf ihn zu, nannte seinen Namen und Titel, wies, abermals mit dem Schirm, auf den sich entfernenden Gelbmantel, sagte zu dem Schutzmann, er möge ein Auge auf den Strolch haben, es sei vermutlich ein Einschleicher, er selbst beobachte ihn schon lange und habe Grund, ihn für ein gemeingefährliches Subjekt zu halten. Der Schutzmann, über seine schäumende Gereiztheit erstaunt, versprach, den Verdächtigen zu stellen, falls er sich wieder in der Gegend zeige.