Siebold glaubte, sich Ruhe verschafft zu haben. Zwar blieb eine ahnungsvolle Verwirrung in seinem Innern bestehen, eine gewisse Zerstreutheit und Erregbarkeit, deren er nicht Herr zu werden vermochte, aber da sich der Mensch in den nächsten Tagen nicht blicken ließ, atmete er auf. Als er jedoch am dritten oder vierten Tag in sein Amtszimmer kam und sich an das Schreibpult setzte, lag da ein großer Bogen Papier; an jeder Ecke war mit Rotstift ein Kreuz gezeichnet; in der Mitte befanden sich drei Kreuze, und unter diesen stand, ebenfalls mit Rotstift geschrieben:
Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
Und der sie aufgericht und hingestellt,
Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.
Er wußte zuerst nicht, was das sein solle. Verse; was hieß denn das? Er dachte an einen Schabernack der Kollegen, runzelte die Stirn, schaute hinter sich, blätterte in einem Faszikel, nahm den Bogen wieder zur Hand, studierte die Schriftzüge, verfärbte sich, spürte etwas wie Lähmung in den Händen, eine Glutwelle im Kopf; sprang auf, fuhr den Schreiber an, wer das Zeug auf seinen Tisch praktiziert habe, geriet außer sich, als der versicherte, von nichts zu wissen, rief mit heiserer Stimme den Amtsdiener, deutete auf den beschriebenen und bemalten Bogen, drohte, eine Disziplinaruntersuchung anhängig zu machen, und als einige Beamte aus den benachbarten Räumen, über den Auftritt bestürzt, herbeigerannt waren, wollte er ihnen erklären, was ihm widerfahren, daß Unfug gegen ihn verübt werde, aber er kam ins Stottern, und auf einmal schwieg er, wischte sich den Schweiß von der Stirn, begab sich auf seinen Platz zurück und versank in sonderbares Brüten. Die Herren zuckten die Achseln und warfen einander bedenkliche Blicke zu.
Den Parteien erwuchs Übles von seiner verdüsterten Gemütsverfassung. Die geringen Leute harrten stundenlang vergebens auf den Aufruf. Auch an den folgenden Tagen. Zeitbedrängte standen sich die Zehen in den Stiefeln wund. Schuldbewußte verzagten. Die zur Amtshandlung Vorgelassenen wurden in messerscharfe Inquisition genommen. Mutmaßliche Fehlangaben stießen auf ätzenden Hohn. Strafausfertigungen wimmelten. Den Korridor füllte Murren. Der Gewaltige selbst aber saß und befahl. Saß und verschanzte sich gegen die Stimme, die eine Stimme. Machte sich blind gegen das Gesicht, das eine Gesicht. Bemühte sich, den Worten eines läppischen Verses zu entrinnen. Wußte, was die Stimme verlangte, während er das schwindsüchtige Weib anschrie, das die Quote nicht zahlen konnte und zur Pfändung verurteilt war. Erboste sich um so mehr. Unnachgiebigkeit war zu erweisen, Unerbittlichkeit. Kam er nach Hause, so fühlte er sich erschöpft.
Am Sonntag um die Dämmerungsstunde hatte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa gelegt und war eingeschlafen. Die Frau saß am Fenster und nähte, die zwei Kinder hatten sich in die Ecke gedrückt und blätterten in einem halbzerfetzten Bilderbuch. Die Stille wurde von einem gräßlichen Schrei unterbrochen. Siebold fuhr empor; in seinem Gesicht war weißer Schrecken; es war wie zerfetzt von Schrecken. Die Frau stürzte hin, packte ihn; »Mann, Mann,« rief sie; die hagere Gestalt, abgehärmt Teil für Teil, war der Wucht der Befürchtung kaum gewachsen; die Kinder standen zitternd hinter ihr, den Vater mit verzehrend großen Blicken betrachtend.
Der war entwirklicht. Er hatte nicht selber geschrien. Einer in ihm hatte geschrien. Überlegte er es genauer, so war es nicht einer gewesen, sondern mehr als zehn. Sie waren schreiend an ihm vorübergestürmt, in einem violett-feurigen Ring. Sie hatten sich zu dem Schrei in ihm vereinigt, daß er aufwachen solle. Er begriff sonst nichts, äußerte auch dieses nicht. Es erschien ihm erniedrigend, er hatte es noch nie erlebt, es widerstritt dem Rang und der Regel. Unfreundlich wies er die Frau ab, nachdem er sich gefaßt, wusch das Gesicht in kaltem Wasser, zog den guten Rock an, ging fort.
Er war mit Sabine Jäger verabredet, suchte aber erst das Stammwirtshaus auf, um zu Abend zu essen. Gerade dorthin wollte er, wo er möglicherweise den Gelbmantel treffen konnte. Dorthin, jawohl, um sich nicht der Feigheit bezichtigen zu müssen. Vielleicht wurde eine Entscheidung dadurch herbeigeführt. Vielleicht machte er den Hallunken dingfest. Vielleicht holte er sich Rat bei den Freunden und berichtete ihnen, was für Streiche ihm der Kerl spielte. Er nahm sich einen bestimmten scheltenden und entrüsteten Ton vor, in welchem er die Anmaßung und Übergeschnapptheit des Menschen darlegen wollte, aber als es so weit war, als er in der wohlwollenden Runde saß, brachte er keine Silbe aus der Kehle, ja, wenn er bloß daran dachte, fing sein Herz an zu klopfen. Er fand den Eingang nicht, er fand das Wesen nicht, er fand den Dolus nicht, alles war verwischt, dumm, kindisch, unfaßbar. Es wurde ihm gesagt, daß er schlecht aussehe, schlaffe Wangen und trübe Augen habe; er gab zu, sich krank zu fühlen; es war ein Anlaß, sich bald zu verabschieden. Der Offizial stülpte hinter ihm die Stirn in Falten und meinte, mit dem gehe es bergab, der werde es nicht mehr lange treiben.
Mit großer Hast eilte er durch die Straßen. Nebengassen glichen Schlünden, geschlossene Tore und Fenster waren wie für die Ewigkeit verriegelt. Das verhohlene angenehme Grauen, mit dem der unbescholtene Bürger, Staatsbeamte, Ehegatte zu einer Prostituierten geht, täuschte ihn über anderes Grauen, das in innerste Zellen entwichen war. Die Jäger bewohnte in einem uralten Vorstadthaus mit vielen Höfen und Durchgängen, vertretenen Stiegen, steinern kalten Fluren im letzten der Höfe zwei Zimmer im Erdgeschoß. Deckchen, Kissen, bunte Stoffe und eine schummerig umhüllte Lampe überschminkten die Dürftigkeit.
Das Mädchen empfing ihn im grünen Schlafrock und zeigte über sein Kommen Freude. Sie plauderten von Abstand zu Abstand, leer, hölzern, zweckhaft; der Regen plätscherte draußen. Siebold dünkte sich leidlich in Sicherheit; was noch an Unruhe in ihm trieb, versprach die Lust abzutun, er wurde deshalb wortkarg und verlangend. Doch hatten sie sich nicht sobald auf das vorbereitete Lager begeben, als er mit erstarrendem Auge an die Mauer blickte und die erstarrende Hand hinstreckte. Es war ein Karton mit Reißnägeln angeheftet, darauf gemalt zwei schwarze Schmetterlinge links und rechts, in der Mitte eine rote Flamme, und darunter war in lapidaren, fast wie in alten Mönchsschriften kunstvoll ausgeführten Lettern zu lesen:
Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
Und der sie aufgericht und hingestellt,
Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt;
Und immer neue baut er Tag und Nacht
Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht.