»Wo hast dus her?« fragte er mit bebender Kinnlade und kraftloser Lippe, »wo hast dus her?« Und sie, erschrocken über sein Aussehen, unbefangen wegen der Frage: »Einer hat mirs geschenkt.« Er umklammerte ihren Arm, daß sie schmerzlich stöhnte. »Wer? wer hats geschenkt? wer?«

Da erschallte vom Hof herein ein klagendes Rufen, nicht sonderlich laut, aber mit durchdringend hoher Stimme. »O, Golgatha!« riefs, und wieder, langgedehnt: »o, Golgatha!« Wie er die Stimme kannte! Er sprang auf, tastete nach den Kleidern, fiel entkräftet auf einen Stuhl und murmelte ohne Atem, die Hosen halb über den Beinen: »Er hat mich dahier ausfindig gemacht; das gibt Unheil; ich muß ihn erwischen; ich muß ihn erwürgen.« In verstörter Eile kleidete er sich vollends an, Sabine war um ihn bemüht, lauschte zugleich, denn das wehe »o Golgatha!« tönte, obzwar ferner und schwächer, noch immer herein. Während er den Kragen befestigte und die Krawatte band, kam es wie geistesabwesend aus seinem Mund: »Weiß nicht, was er will. Immer hinter mir her, früh und spät hinter mir her; weiß nicht, was er von mir will. In meinem Leben hab ich nichts Schlechtes getan. Wie ein Detektiv auf der Lauer und hinter mir her. Das darf nicht geduldet werden. So einen muß man einsperren. Ins Irrenhaus gehört so einer.«

Die Jäger betrachtete ihn scheu und mißtrauisch, war froh, daß er sie verließ, riegelte die Tür auf, als er fertig war, und bekreuzte sich, als er grußlos hinausstürzte.

Der Hof war finster. Das Rufen hatte aufgehört. Er suchte. Es war niemand da. Er stand und ging mit vorgeneigtem Rumpf; die Augen irrten durch die nasse Dunkelheit.

Er suchte den geheimnisvollen Verfolger. Violett-feurige Ringe drehten sich wieder. Er wankte durch die Torwege, pochte an ein Fenster, und eine Alte kam, das Tor zu öffnen. »Haben Sie keinen gesehen?« fragte er; »ist nicht einer fortgegangen, ein Kleiner mit gelbem Mantel?« Nichts gesehen, keinen gesehen, war die Antwort.

Auf der Straße machte er ein paar Schritte, dann mußte er nach einer Stütze tasten. Er lehnte sich an die Mauer. Brodeln war in der Luft, der Erdboden bog sich und gab nach wie Gummi. Was war denn? was geschah denn? »Ich habe doch in meinem ganzen Leben nichts verbrochen,« murmelte er grübelnd und verdüstert; »meine Hände sind rein, niemand kann mir etwas vorwerfen, ich habe kein unrechtes Gut erworben, habe keinen Menschen unterdrückt; war fleißig, pünktlich, solid, nüchtern, anständig; was will der Schuft von mir? was will er mit seinem Golgatha und seinen blödsinnigen Verschen?«

Da hörte er sich selbst, zu seinem Entsetzen, wie wenn seine Zunge andern Pfad liefe als sein Denken, hörte er sich selbst in einer monoton und schülerhaft deklamierenden Weise sprechen:

»Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
Und der sie aufgericht und hingestellt,
Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.«

Der Verstand, wo war der Verstand? Es mußte doch ein Verstand drinnen sein. Und dann das noch:

»Und immer neue baut er Tag und Nacht
Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.«