Zwei Kinder lagen schlafend auf einer Matratze. Daneben stand ein Bett ohne Überzug, bloß Decke und Strohsack im Gestell. Die Fenster waren unverhängt. Man sah Schlöte gleich kolossalen Fingern aufragen, mit Blitzableitern wie schwarze Strahlen. An den kahlgrauen Wänden hingen gedruckte Bilder aus Zeitschriften, Berge, Schlösser, Feldherren, Fürsten; auf dem Boden lag eine verbogene Kindertrompete, auf dem Tisch ein Ranft altbackenes Brot, eine angebissene Rübe und eine Schachtel mit Lottonummern.

Wie komm ich daher? dachte Siebold, und wie komm ich wieder fort? Jost hatte ihm das Kind abgenommen. Er entkleidete es. Er war behutsam mit Rücksicht auf die Schlafenden. Er flüsterte: »Der Doktor hat versprochen, morgen früh seinen Kollegen von der Bezirkskrankenkasse zu schicken. Wenns nur wahr ist. Ich soll einstweilen kalte Umschläge machen. Gewiß, gewiß. Soll geschehen. Im Krug ist Wasser. Gewiß, gewiß, soll geschehen, du davongelaufene kleine Seele. Und das Blut abwaschen, den Dreck abwaschen. Soll geschehen, soll alles geschehen.«

Die Worte wurden im Hauch hervorgestoßen, entlockt vom Irrsinn der Sorge. Dabei manipulierte er, warf Kleidchen, Schuhe, Strümpfe, Unterröckchen, Hemd beiseite, holte den Krug, riß einen vom Gebrauch schwarz gewordenen Fetzen vom Nagel, immer an Siebold vorübertrippelnd, der sogleich die Geldscheine auf den Tisch gelegt hatte und dann nutzlos stehen blieb. Die Kammer mußte auf der einen Seite eine sehr dünne, bloß gegipste Wand haben, denn aus dem danebenbefindlichen Raum war ununterbrochen ein schmerzliches Ächzen zu hören, welchem Siebold furchtsam und erregt lauschte, während Jost den Körper des Kindes mit allerbedächtigster Zartheit in die rauhe Wolldecke hüllte, das angenäßte Tuch über die Stirn breitete und darnach mit gefalteten Händen vor der Bettstatt niederkniete.

Bei dem Anblick des nackten Kinderkörpers war es Siebold durch den Sinn gegangen: ein Fisch; und es war eine eigene, frierende, bettelnde Wollust dabei gewesen. Die Vorstellung des weißen, zuckenden Fischleibes, dessen verglaste Augen im letzten Brechen nach dem heimischen Element lechzen, hatte Ähnlichkeit mit dem Emporlodern eines Lichtes in einer Grube.

Er horchte auf das Ächzen hinter der Wand, das sich aus raschen Zuflüssen der Qual verstärkte.

Jost sprach: »Es ist nur ein weniges. Geringen Platz braucht die kleine Seele in der großen Welt. Wen hast du denn inkommodiert? Wem Luft und Wasser und Speise weggenommen? Wer hat dich bemerkt? Wem fehlt sein Teil, wenn du unter ihnen herumgehst mit deinen zierlichen Füßchen? Sie können dich in die Ecken stoßen, das ist ihnen erlaubt. Sie können sagen: marsch, aus den Augen, Kreatur. Jawohl, das ist ihnen erlaubt. Aber dein Leben ist ein ebensolches Leben wie das von jedem von ihnen; dein Blut ein ebensolches Blut. Sie geben dir nichts, du nimmst ihnen nichts. Du willst bloß da sein, ganz bescheiden da sein.«

Siebold hatte gehen gewollt, aber Art und Rede des Menschen machten ihn unschlüssig. Da war etwas, daß man aufmerken mußte. Auch das schreckliche Ächzen hinter der Wand hielt ihn fest. So setzte er sich auf einen Stuhl neben dem Tisch, ohne Willen. Alles gestaltete sich mehr wie ein geballter Vorgang im Fieber, an dem er mit einem entlegenen und bisher unbekannten Stück seines Wesens Teil hatte.

»Da faßt man hin und nennts bei Namen,« fuhr Jost fort, »und das, was man nicht nennen und nicht fassen kann, rinnt aus. Das Köstliche rinnt und rinnt. Hunderttausend Jahre vielleicht waren nötig, daß es hat entstehen können. Ur-Ur-Urväter haben Ur-Ur-Urenkeln Tröpfchen um Tröpfchen, Fäserchen um Fäserchen übermacht, haben geschaffen und gebaut, gepflügt und geerntet, gedarbt und gewirkt, einer am andern, von Mutters und von Vaters Seite bis ins hundertste Glied zurück, daß es hat werden können, das Fünkchen in der Brust. Auf einmal kommt was daher gerollt, ein Rad, kommt gerollt und gerollt, weil ein Laffe mit einem Monokel im Gesicht zu seinen Dämchen und Spießgesellen will, und die Brust soll zerdrückt sein, das Herzlein zerschmettert, das Fünkchen ausgelöscht? Ist denn das möglich? Darf das zugelassen werden? Kann man das aushalten?«

Ein Aufkreischen drang durch die Wand, und Jost nickte. »So ist es,« sagte er. »Zwei Fingerbreit Mauer dazwischen. Drüben will eins zum Leben, hüben will eins zum Tod. Und sie fassens nicht. Keiner faßts, das eine nicht, das andere nicht. Die Vierzehnjährige gebiert, die Achtjährige will schon wieder heim in den Schoß der mächtigen Mutter. Hören Sie? hören Sie?«

Er wandte Siebold das Gesicht zu. Zum erstenmal redete er ihn an. Beide lauschten. Das tierhafte Röcheln des in Wehen sich windenden Weibes war nicht mehr zu mißkennen, der inbrünstige, gewürgte, rasende Schrei auf einem Folterbrett. Die zwei schlafenden Kinder regten sich; Jost trat zu ihnen und beschwichtigte sie.