Er geriet nun in eine fahrige, kummervolle Geschäftigkeit. Lief hin und her, stieß eine Lade zu, rührte Gegenstände an, aber bei einem neuerlichen Schrei blieb er stehen und sagte: »Hören Sie, Mann? Begreifen Sie, was wir tun? Begreifen Sie, was gelitten wird auf der Erde immerzu? Was die unerbittliche Natur uns leiden macht und dann der Mensch? Was die Dämonen uns leiden machen und die Träume? Was das Fleisch uns leiden macht und der Geist? Während wir im Wirtshaus sitzen, wird gelitten. Während wir Akten vollschreiben, wird gelitten. Während wir unsere Notdurft stillen und unsere Geilheit letzen, wird gelitten. Überall, oben und unten, bei den Herren und bei den Knechten, in der Finsternis und im Licht, überall wird gelitten. Begreifen Sie, was wir treiben allesamt? was wir wert sind allesamt? Begreifen Sie?«

Er sprach mit geweiteten Augen, in denen es phosphoreszierte, mit hackenden Zähnen und schlaffen, schaufelnden Lippen und bohrte die Fäuste in die Taschen des blut- und kotbesudelten Mäntelchens. »Und wenn es schon geschieht, und das Rad zerquetscht das lebendige Herz, warum kommt dann der Laffe mit dem Monokel nicht und leckt mit seiner Zunge das Blut von den Pflastersteinen weg? Soll es hineindorren in die Steine, hinüberdorren ins Jenseits? Warum kommt er nicht und ruft: ich, ich, ich –? Und wenn es schon geschieht, und das Kind drüben muß in seinem frühen Jammer Mutter werden, warum kommt der Lump nicht, der es geschwängert hat, warum kommt die Bestie nicht und fällt auf die Erde vor Schreck und Angst und Mitleid, weil er sehen kann, wie das Dingelchen sich krümmt und wie es seufzt und wimmert, warum kommt er nicht und ruft: ich, ich, ich –? Warum sprechen sie nicht: verzeiht, wir haben nicht gewußt, was wir tun –? Was ist das für eine Ordnung in der Welt, daß sie sich verstecken dürfen und sich anstellen, als wüßten sie von nichts? O Menschen, Menschen, Menschen! Sie wissen nicht, was sie tun, das ist es. So soll ihnen auch nicht verziehen werden. Nein und abernein, verziehen nicht. Komm her, du Laffe, und drück deine Lasterlippen auf die Steine; komm her, du Bestie, und vernimm und schau. Wer da handelt, muß auch wissen. Ums Wissen gehts. Nichts da, die Verantwortung abwälzen. Nichts da, sich auf Gesetze und Vorschriften ausreden. Blind magst du sein, du Menschenhund, du Menschenfloh, du Menschennichts, aber wissen sollst du, wissen, was du tust, und niederstürzen und mitwimmern, und rufen, daß es an die Enden der Welt schallt: ich, ich, ich!«

Das Licht auf dem Kerzenstumpf flackerte nur noch ganz trüb, so daß bloß der nächste Umkreis auf dem Tisch matte Helligkeit erhielt. Die Schlöte vor den Fenstern türmten sich um so strenger in den Wolkenhimmel. Es entstand Stille von einer Eindringlichkeit, die jede Fiber spannte. Eine hautlose, unendlich verschuldete Wachsamkeit war in Ohr und Hirn.

Es saß hier nicht mehr der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung mit Namen so und so. Es saß hier einer, der keinen Namen mehr hatte und dessen stählerne Hüllen abzuschmelzen begannen. Es war nicht mehr das Mansardenloch eines Ausgestoßenen; nicht mehr der Tisch mit der qualmenden Kerze: es war ein Raum unter den Sternen. Es floß nicht mehr Zeit; Zeit war dahin. Erde war dahin.

Und wie sich nun der Mensch ohne Namen aus dem Zusammenhang gehoben sah, rührten ihn von unten her Hände an. Hände von Vergangenen, Hände von Gerichteten. Sie strebten verlangend zu ihm empor; Hände eines Knaben; Hände eines Greises; Hände eines Mädchens; Hände von Männern. Die einen waren gefaltet, die andern wie in der Abwehr; die einen flehten, die andern drohten; die einen beteuerten, die andern waren gerungen.

Zuerst fragte sich der so Bedrängte, was sie von ihm begehrten; doch wie der Umriß nahm auch ihre stumme Sprache an Verständlichkeit zu, und wie sie von schattenhafter Verwesung sich in Körperhaftigkeit wandelten, wurde die Forderung so klar, Klage, Vorwurf, Anspruch und Gericht so unzweifelhaft wie Schall und Fall von Worten. Bangten sie nach Dingen, die sie hatten verlassen müssen? Wollten sie eine Schuld bezahlen, die unberichtigt geblieben war? Gewährten sie eine Liebkosung, die sie verweigert hatten? Gaben sie ein Versprechen? Erbaten sie ein Geschenk? Leisteten sie einen Schwur? Wiesen sie einen Weg? Winkten sie einem Freund? Schrieben sie? gruben sie? ruhten sie? hasteten sie? Alles dies, und vieles noch. Hände sind Geschöpfe und spiegeln jegliches Sein.

Die Paare vermehrten sich, und zu den vergangenen gesellten sich die gegenwärtigen, die er gesehen und doch nicht gesehen im Ablauf der Tage, die zu ihm gesprochen, ohne daß er es vernommen, die geplagten, die beladenen. Wirrsal und Gewühl, Fülle der Gesichte. Hart, dürr und vergilbt die einen, unschuldig und feingliedrig die andern; diese mit dicken Adern und geschwellten Muskeln, jene zag und zitternd; krank und müde die, voll Nerv und Entschluß die andern. Schwielige, blasse, rosige, geballte, geflachte, behaarte, glatte, kleine und große, näher, immer näher, beredter, immer beredter, und der, dessen Name aufgehört hatte, zu sein, spürte, daß sie nicht ablassen würden, ehe er selbst nicht aufgehört hatte, zu sein. So mußte er um Gnade bitten, um eine Frist, um ein Bedenken; erschüttert an den Rand der Stunde und des wachen Wissens gerückt, ward er inne, daß nach solcher Vision der Mensch, mit zerspaltener Brust, dem irdischen Tag verloren war.

Auf einmal war ein Leuchten in der Stube. Von wo es kam, war noch nicht zu unterscheiden. Jost stammelte und reckte die Arme in die Richtung der Bettstatt. Das Kind erhob sich langsam. Es schälte sich aus der Decke und trat nackt und aufrecht vor die Männer. Um seine Lippen hing ein Lächeln. Die weiße Haut erglühte von inwendig. Was sie erglühen machte, war das Herz, und die Schauenden gewahrten bald nur noch das Herz: einen funkelnden, pulsenden Rubin, in die Dunkelheit gelagert wie eine Figur auf einem gemalten Kirchenfenster.

Jost brach in die Knie. Mit den Händen tastete er rückwärts, als suche er alle die vielen Hände dort zum Schutz. »O Kind!« rief er schluchzend, »o Mensch! Wohin gehst du mit dem Flammenjuwel in deiner Brust? Sag es nur, sag es uns, sag es aller Menschheit, daß der rote heiße Kern nur einmal da ist, die leuchtende Frucht nur einmal reif wird. Für einen nur ein einziges Mal. Sag es, was es heißt: ein einziges Mal. Sie wissen nicht, was es bedeutet: ein einziges Mal! Sprich, du Gotteswesen! sprich, süßer Geist!«

Aber das Kind lächelte bloß. Lächelte und verging.