DER JUNGE:

Meine Kunst! Ich gestehe dir, daß dieses Possesivpronomen für mich etwas Erstaunliches und Fremdes besitzt. Wenn ich mich ehrlich prüfe, so habe ich eigentlich keine Kunst. Was mich zur Arbeit treibt, ist nicht der Drang etwas zu vollenden, nicht der Wunsch von etwas außerhalb meiner Sphäre Liegendem Besitz zu ergreifen, nicht oder doch nicht in erster Linie die Sehnsucht nach farbigem Bild oder plastischer Gestalt oder Deutung eines Schicksals, sondern es ist etwas anderes, seltsames. Es ist eine tiefe, immer wachsende Unruhe in meinem Innern; es ist als ob in meiner Brust ein Wesen verborgen wäre, das sich selbst kennen zu lernen, über sich selbst Klarheit und Wahrheit zu erlangen wünscht und für das die Arbeit meiner Hand, das Geschaffene, nichts ist als ein Spiegel, in dem es sich betrachten kann und der es je mehr befriedigt und beglückt, je ruhiger und ungetrübter er das Bild seiner vorigen Verzweiflung um sich selbst wiedergibt.

DER ALTE:

Das haben viele Dichter von heute. Deshalb vermögen sie ihre innere Welt nicht mehr genügend zu objektivieren.

DER JUNGE:

Schon wieder der Schulmeister. Dein Tadel trifft nur jene, die noch nicht starke Menschen genug sind, oder starke Künstler (denn in meinem Sinn bedeutet das dasselbe), um dem Dämon, dem Zwerg, dem unruhigen Wesen genug zu tun. Ihr Spiegel ist nicht rein legiert. Dies ist eben das Neue: immer wichtiger, bedeutungsvoller, ich möchte sagen, göttlicher wird der Mensch und seine Seele. Alle Erlebnisse verdichten sich nach innen, alle Verwicklungen betreffen nur das Herz, oder sie sind wesenlos und für den Dichter unbrauchbar. Warum das alles so ist und wie es gekommen ist, das zu entwickeln fühle ich mich nicht kühl und begabt genug, aber daß es so ist beweisen tausend Zeichen. Den groben Augen und groben Sinnen scheint das in solcher Luft Gestaltete und Geschaffene noch schattenhaft, aber mit der Zeit werden sie schon sehen und fühlen lernen.

DER ALTE:

Das alles klingt mir gar nicht so neu und überrumpelt mich nicht so sehr wie du anzunehmen scheinst. Ich glaube sogar, deine etwas wortreiche Tirade ist völlig zu ersetzen, wenn wir sagen, du habest dich ganz den Forderungen der Gegenwart ergeben.

DER JUNGE:

Und damit glaubst du etwas gesagt zu haben? Gut. Ja. Meinetwegen. Wenn es dich befriedigt, ein Wort dafür zu wissen, – meinetwegen. Glaubst du denn, daß es Laune ist oder Trotz oder die eitle Lust zu verblüffen, was unsre Besten in ihren besten Stunden bewegt? Sie sind nicht Eigenwillige, sie sind Geschöpfe der Zeit, in ihnen kristallisiert sich die Sehnsucht und das geistige Bedürfnis der Menschheit.