Falk machte ein verblüfftes Gesicht. Er öffnete, ließ jene eintreten, und das ironische Schmunzeln des Fräuleins nicht beachtend, ging er die Treppe hinab. Der Gedanke, daß Mely gelogen haben könne, erschien ihm unwahrscheinlich. Warum sollte sie leugnen, eine Schwester zu haben? Allerdings, diese Schwester schien ein lockerer Zeisig zu sein.... Er dachte nicht viel darüber nach; aber seine feierliche Stimmung war zerstört. –

So gänzlich allen Sorgen entfremdet war Mely, daß den ganzen Abend hindurch ein Lächeln, das gleichsam erwartungsvoll war, nicht von ihren Lippen wich. Sie redete nicht viel, – es war nicht ihre Art, viel zu reden – aber sie befand sich wie in einer Welt der Märchen. Fern, fern von aller Kleinkrämerei, von allen Brotsorgen. Ohnehin war es ihr sehr schwer geworden, zu glauben, daß einmal der Tag kommen könnte, wo sie nicht genug zu essen haben würde. Abenteuerlich und romanhaft erschien ihr ein solcher Gedanke. Sie wußte, daß es Arme in dieser großen Stadt gab, daß es Leute gab, an deren Thür der Hunger stand. Aber was waren das für Leute! Was ging das sie an? Ameisen waren das für sie, vor denen sie wohl eine gewisse Angst hatte, wie sie auch Angst vor Not und Mangel empfand. Aber im Grund fühlte sie sich erhaben über die quälenden Kämpfe ums Brot. Heute erschien ihr auch das alles unwichtig und kleinlich. Eine ganz neue Kraft war in ihrem Blick, wie wenn in ihrer Seele eine Leier berührt worden wäre, deren Saiten bis jetzt noch nicht erklungen waren. Ihr Gang war lässig, wie willenlos, und sie schien gleichsam gedrückt von einer Fülle innerer Heiterkeit. Sie spähte nicht hinaus in die Zukunft. Dicht vor ihr und dicht hinter ihr war alles dunkel; sie fand sich abgeschnitten von dem breiten Strom des Lebens. Nur in ihrem Innern war strahlendes Licht. Als Falk gegangen war, und dann auch ihre Schwester sich verabschiedet hatte, stand sie lange unter der Küchenthüre und unterhielt sich mit Frau Bender über verschiedene Kochrezepte. Aber was sie dabei sagte, geschah nur mechanisch, ihr nach innen gewendeter Blick war wie geblendet von der Leuchtkraft eines beglückenden Bildes.

Zum Abendtisch erschienen das Fräulein von Erdmann und die neue Pensionärin: Fräulein von Mahnke. Als Jene das Zimmer betrat, hielt sie sich erschreckt die Nase zu und lief stöhnend zum Fenster, um es aufzureißen. Fräulein von Mahnke rückte ihre Perrücke zurecht, machte eine jugendliche Geberde des Schmollens und lispelte: „Ach Gott, schließen Sie doch das Fenster, liebstes Fräulein. Wir leben ja nicht am Äquator.“

Emilie von Erdmann nahm eine dramatische Pose an und sagte nicht ohne Strenge: „Die Jugend lebt eben stets am Äquator. Man muß es nur verstehen, jung zu sein.“ Plötzlich aber breitete sie die Arme gegen die Winternacht aus und seufzte tief. „Die Sterne, die Sterne, o Gott! Man begehrt sie doch! Das homerische Amphimelas erfüllt sich ganz an mir!“

„Sie sind sehr gelehrt,“ bemerkte die Mahnke tiefsinnig.

Fräulein von Erdmann knixte. „Les beaux esprits se recontrent, Verehrteste.“ Sie schloß das Fenster wieder, setzte sich an den Tisch und ganz nach Katzenart faßte sie Melys Hand und blickte sie innig an. „Wo ist der schwarze Zigeuner?“ fragte sie süß. „Der dunkeläugige Don Juan –?“ Mely stand schnell auf und verließ unter irgend einem Vorwand das Zimmer für kurze Zeit. Ach, sie wissen es alle, dachte sie beim Hinausgehen. Aber es ist mir gleichgültig. Mögen sie es wissen. Jetzt dürfen sie mich doch nimmer beleidigen.

Das Gefühl ihrer Wehrlosigkeit war verschwunden.

Schon um neun Uhr kam Falk. Fräulein von Erdmann nahm ihn ganz in Beschlag. Sie überfiel ihn mit Komplimenten, die ihn anregen sollten, ihr mit gleicher Münze zu bezahlen. Aber er war verstockt, ihre koketten Künste sah sie wirkungslos an ihm abprallen. Sie erzählte ihm die „Tragödie ihres Lebens,“ und die Tragik dabei glich freilich sehr den Kriminalromanen mit komplizirter Handlung, die bei uns im Schwange sind. Ihr Leben sei ein ewiger Herbst gewesen, ein ewiger November. Ein unerbittliches Fatum habe sie verfolgt seit den Tagen der Jugend. Nur ihr unbeugsamer Stolz habe sie über die Wogen getragen. „Hunderte von Männern haben sich liebestammelnd auf dem Erdboden vor mir gewunden, aber ich habe verzichtet – hahaha! – und habe doch noch die Fähigkeit zu lieben bewahrt und kann es darin mit Jeder aufnehmen!“ Hier bekam Mely einen finsteren Blick. Die Damen erröteten wie auf Kommando, und Falk machte ein betrübtes Gesicht. Als sich um zehn Uhr die beiden alten Fräulein empfahlen, fühlte er sich wie zerschlagen.

Frau Bender legte sich ihrer Gewohnheit gemäß auf den Divan, um zu schlafen. Es wurde plötzlich sehr still. Helene nahm ein Skizzenbuch zur Hand und entwarf eine Phantasielandschaft, und Mely und Falk spielten Halma. Sie saßen sich an der Tischecke einander gegenüber. Das Spiel machte geringe Fortschritte, denn sie führten eine seltsame Unterredung, eine wortlose. Oft begegneten sich ihre Hände beim Führen der Steine und dann lächelten sie wie Kinder, beide auf einmal. Die Ruhe, die nun plötzlich eingetreten war, hatte etwas Erlösendes. Die Winternächte sind ja viel stiller, als die des Sommers. Sie haben in viel höherem Grad den Reiz träumerischen Behagens.

„Wissen Sie nicht mehr, was Sie mir versprochen haben?“ fragte Falk.