Mely nickte errötend. „Später – später,“ stammelte sie, glücklich, daß er sich noch daran erinnerte. Gar nicht mehr an das Spiel denkend, lehnte sie sich zurück und blickte gespannt ins Lampenlicht.

„Ich habe Ihnen etwas mitgebracht,“ sagte Falk geheimnisvoll, mit leuchtenden Augen. Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche. „Ich habe Verse gemacht. Halten Sie das für möglich? Vorhin, wie ich so durch den Schnee gewatet bin da draußen an der Theresienwiese, da ist mir das eingefallen, blitzschnell. Und um es nicht zu vergessen, hab’ ich mich unter einen Laternenpfahl gestellt und habs mit dem Bleistift hingekritzelt.“

Noch lange bewahrte Falk dieses Bild in seinem Gedächtnis: das junge Mädchen in dem hyazinthenfarbenen Schlafrock, mit dem bleichen Gesicht, wie sie, dicht neben ihm, sich mit einem Blick des Entzückens über das Blatt beugt. Falk rückte noch näher heran und sie lasen zusammen.

Dir will ich geben mein erstes Lied,
Dir will ich mein Sterbelied weihn.
Und es soll ein Werbelied sein
Für Alle, die es zur Sonne zieht.

Ach wie ein ewig schmerzender Zahn
Mich bitter des Lebens Not verdrießt.
Doch bis meine Lippen der Tod verschließt, –
So lange bin ich dir unterthan.

Sie lasen es wieder, immer wieder. Mely konnte sich gar nicht satt daran lesen. All das Glück ihrer Träume war im Nu auf sie gestürzt und drohte sie zu ersticken. Ihre Hand packte krampfhaft das Polster des Sessels und da fühlte sie auf einmal die Hand Falks auf der ihren: Langsam streckte sie die Finger und schloß die Augen. Sie blieb äußerlich ruhig und regungslos; doch ihr war, als drücke sie seine Hand weit hinab, wo ein wunderliches, unirdisches Rauschen um sie her entstand, – in einen Strom hinab. Noch klang ihr die Melodie im Ohr, die er am Klavier gespielt, als es gedämmert hatte und eine schmerzliche Begehrlichkeit erwachte in ihr, diese Melodie noch einmal zu hören. Das Herz war ihr so schwer wie ein Stück Blei. Wie ist es möglich? dachte sie sich. Wie kam das so schnell, so unerwartet? O, es wird mich unglücklich machen, es ist ein Unglück, ein großes. Länger als eine Viertelstunde saßen sie mit aufeinandergepreßten Händen. Oft zuckten sie zusammen, wie unter schwachen, elektrischen Schlägen. –

„Wollen wir noch Thee kochen?“ fragte Helene, von ihrer Arbeit aufsehend. Ihr Gesicht glühte in Begeisterung für diese Phantasielandschaft, – eine echte Dilettantin.

„Ja, Helene!“ rief Mely freudig. „Lassen Sie mich nur alles holen!“

„Und ich will Ihnen leuchten,“ sagte Falk. Helene lachte ihn verstohlen an.

Im Korridor schrie Mely laut auf. Falk eilte mit dem Licht nach und Helene steckte den Kopf in die Thürspalte. Zitternd stand das junge Mädchen da und sah der Katze nach, die sie erschreckt hatte. Falk lächelte heldenmütig. „Ach, Sie fürchten sich vor Katzen?“ fragte er, während die kleine Bender ihr Köpfchen kichernd zurückzog.