„Wollen Sie das verschweigen? Bitte, liebste Frau Lottelott, sagen Sie nichts, daß ich da war. Ja?“

„Beruhigen Sie sich nur,“ entgegnete die magere Dame kühl.

„Helene, du bist meine bravste Tochter,“ sang Frau Bender mit feuchten Augen und umarmte das Mädchen. Mit verstörtem Lächeln sah Mely zu. Sie schlug den Shawl um die untere Hälfte ihres Gesichts und erleichtert aufseufzend durcheilte sie schnell, beinahe laufend, den Tanzsaal. Helene und Frau Bender folgten, erstere mit verbissenen, unzufriedenen Mienen. Sie schaute sich vergebens nach Doktor Brosam um, den sie so gern getroffen hätte.

Falk ließ die drei Damen in eine Droschke steigen, bezahlte den Kutscher und machte sich dann auf den Heimweg.

Die Nacht war kalt und windstill. Die Straßen waren ausgefüllt mit Schnee. Er schlug eine falsche Richtung ein, änderte aber den Weg nicht, trotzdem er es bald bemerkte. Die Stille that ihm wohl, auch die Kälte. Er dachte nichts Bestimmtes, er hatte nur das Gefühl, einer Bedrängnis entronnen zu sein. Er suchte sich ein Bild des Obersts zu konstruiren und glaubte, durch Melys Angst verleitet, auf einen grausamen Despoten schließen zu müssen. So entstand in seiner Phantasie ein Bösewicht mit rollenden Augen und einem hämischen Grinsen. Damals an der Maffeistraße hatte er ihn kaum gestreift mit den Blicken, da er nur für Mely Augen gehabt.

Klirr, klirr, tönten seine Schritte auf dem Schnee. Ja damals hatte es begonnen: die Unruhe in ihm, das Suchen nach dem Geheimnis. Er blieb stehen und gedachte ihrer herzzerreißenden Angst an diesem Abend. Schleier auf Schleier schien sich zu heben vor seiner Überlegung. Aber er fürchtete die Klarheit. Scham und Verzweiflung erfüllten ihn.

In immer größerer Erregung und immer schnellerem Tempo ging er der Heßstraße zu. Als er am Hausthor angelangt war, zitterte er vor Ungeduld, mit ihr abrechnen zu können. Denn daß sie ihn belogen, galt ihm für unwiderlegbar. Er sprang die Treppen hinauf, immer vier Stufen auf einmal nehmend und vergaß völlig, daß es nachts ein Uhr war und Mely doch wahrscheinlich schon schlief.

Jedoch er traf sie noch wach. Sie hatte auf ihn gewartet. Frau Bender lag schon im Bett und Helene schlief auf dem Divan. Die Lampe stand auf dem Tisch, ohne Sturz und der Zylinder hatte eine schwarze Rauchkrone. Die Gardinen waren zurückgezogen und das Mondlicht lag mattschimmernd auf den Dielen. Perlend und gleißend breitete sich die schneebedeckte Straße aus.

Mit offenen Haaren kam Mely ihm entgegen und reichte ihm die Hand. „Wie unglücklich war ich!“ sagte sie.

„Warum?“