„Nun weil ... weil Sie so lange nicht gekommen sind. Nicht böse sein, – ich kann nicht du sagen.“

„Pst!“ machte Falk und deutete mit den Augen auf Helene. Ein freudiger Rausch war über ihn gekommen. Gleich der leichten Spreu waren die finstern Gedanken verweht. Ihr liebliches, gütiges Lächeln demütigte ihn. „Ich liebe dich unaufhaltsam,“ flüsterte er inbrünstig und drückte ihre Hand, daß sie einen Schrei unterdrückte. Dies „Unaufhaltsam“ klang ihr ungewohnt und deshalb erregte es in ihr die Vorstellung einer großen, übermächtigen Liebe. Ihr Inneres war erfüllt von seinem Bild wie der Tempel von dem Geist der Gottheit, der er geweiht ist. Bisweilen betete sie für ihn. Doch niemals und unter keinen Umständen hätte sie ihm dies gestanden. –

Am nächsten Tag war sie bettlägerig. Nach dem Mittagessen ging Falk in ihr Zimmer. Sie schien nicht erfreut über seinen Besuch. Er setzte sich an den Bettrand. „Du fürchtest wohl Frau Bender? Aber ich hatte zu sehr Sehnsucht, dich zu sehen.“

Sie schaute ihn ungläubig an. „Ich habe einen schrecklichen Traum gehabt,“ sagte sie. „Ich habe geträumt, der Oberst hätte alles entdeckt und dann –“

„Und dann –?“

„Er stand auf dem Fenstersims und schrie fortwährend nach der Polizei. Seltsam, wie?“ Sie lachte.

Es klopfte und Helene kam. Sie machte große Augen und ein strenges Gesicht, als sie Falk gewahrte. Sie beachtete Mely nicht, sondern stellte eine gleichgültige Frage in die Wand hinein und ging wieder. Dann läutete es im Korridor und Mely fuhr zusammen wie bei einem Böllerschuß. Falk bemerkte wohl ihre Aufregung; er stand auf und verabschiedete sich traurig von ihr. Er suchte sein Zimmer auf und wanderte rastlos auf und ab. Wieder läutete es, und jemand ging in Melys Zimmer. Er legte das Ohr an die Wand, um zu erhorchen, wer drüben sei, aber er hörte nichts. Dann fragte er die Magd in der Küche mit erheuchelter Gleichgültigkeit, wer geläutet habe. Der Doktor Wendland sei es gewesen. Falk verzog den Mund und versank in finsteres Sinnen. Später kam Melys Schwester und als Falk sie erblickte, erwachten plötzlich all seine Zweifel und bedrängten ihn schwer. Sie hat gelogen, dachte er. Daß sie ihre Schwester verleugnet, ist unbegreiflich, aber es ist doch klar, daß sie lügt.

Nach dem Abendthee saß er allein bei Frau Bender. Unvermittelt wandte er sich mit der Frage an sie: „Was halten Sie eigentlich von Fräulein Mirbeth? Und von diesem Herrn Oberst, d. h. welch ein Verhältnis ist das? Was halten Sie davon?“ Er that als interessire ihn das nur als Klatsch, als wolle er kein eigenes Urteil fällen und frage darum bei Andern.

Doch Frau Bender machte ein verlegenes Gesicht und sagte, fein lächelnd: „Ach Sie wissen doch selbst, was man darüber spricht. So ein Mann –!“

„Nun – und was spricht man denn?“ erwiderte Falk ungeduldig und zornig und wurde weiß wie eine Wand. Das erschien ihm über alles wichtig: was man sprach. Das erschien ihm in diesem Augenblick entscheidend.