„Ich – begreife aber nicht,“ sagte Falk ratlos. Als er aber sah, wie sie voll Scham lächelte, verstand er plötzlich und schloß sie erregt in die Arme. Er war erschüttert, daß sie ihm dies offenbarte. Er schaute ihr lange in die Augen, die so kohlschwarz waren, und die so durchdringend leuchteten wie seltnes, kostbares Gestein. Er konnte sich nicht enthalten, sie zu küssen, sie immer und immer wieder zu küssen, zwanzig Mal, hundert Mal. Und alles vergaß er dabei, wie auch sie alles vergaß: den vergangenen Tag und den nächsten Tag, und die kommenden Tage und alle Zukunft mit ihren Sorgen. Unbewegt und voll Glück waren die gegenwärtigen Stunden. Sie glichen einem tiefen, stillen See, in dem sich der lichte Himmel spiegelt und der dadurch hell erscheint, so dunkel und geheimnisvoll er auch in Wahrheit sein mag.
Und er erzählte ihr die Geschichte von Romeo und Julia, der sie atemlos lauschte. Und als er fertig war, stieß sie heftig hervor: „Und glaubst du, daß ich dich nicht so lieben könnte, wie Julia?“ Schluchzend drückte sie den Kopf in die Kissen, und auch Falks Augen standen voll Thränen. Er suchte sie empor zu ziehen, aber schließlich legte er seine Wange an die ihre und flüsterte leidenschaftlich: „So hingebend? Alles könntest du von dir werfen? Ganz mir gehören?“
Noch tiefer drückte sie den Kopf in die Kissen.
Es war spät, und lange küßte er sie zum Abschied.
XIII.
Eine jener unbehaglichen Stimmungen herrschte in der Pension, die wie eine ansteckende Krankheit um sich greifen. Fräulein von Mahnke zog aus. Sie räumte und rumorte schon seit Tagen. Der Korridor glich einem Feldlager.
Falk saß im Wohnzimmer am Fenster – Melys Lieblingsplatz, und faßte den Vorsatz, an sie zu denken, oder von ihr zu träumen. Aber kein glückliches Bild erschien ihm. Alle Gewißheit des Besitzes und der Liebe verging, und wie eine Wunde empfand er frisch und deutlich den Zweifel an ihr.
Später setzte sich Frau Bender zu ihm. Sie frug nach Mely. Falk erwiderte, sie sei zum Oberst, um drüben zu diniren.
Ganz unvermittelt begann Frau Bender von dem Oberst zu sprechen. Sie pries ihn, hob ihn in den Himmel. Es gibt eine feine Art, einen Menschen zu verkleinern: man findet die tadellos, die er haßt. So verkleinerte Frau Bender Mely Mirbeth. Aber sie wollte nicht eigentlich Böses. Sie sah auch nicht die Übel voraus, die sie verursachte. Es war lediglich der unwiderstehliche Drang in ihr, derjenigen Person, mit der sie gerade sprach, Recht zu geben, oder ihr zu schmeicheln, indem sie einem Verdacht Nahrung gab.
„Ich leide sehr,“ sagte Falk. „Ich taumle herum wie in der Finsternis. Was ist sie und was will er, der Andere –? Es frißt mir das Herz ab.“ Er war erbittert über sich, daß er vor dieser Frau in Klagen ausbrach; er glaubte, daß er dies in der Hoffnung, beruhigt zu werden, thue. In Wahrheit jedoch wollte er nur seine Zweifel bestätigt hören. Gierig horchte er.