„Wenn ich offen sein soll,“ meinte Frau Bender, „so muß ich sagen, daß ich nicht glaube, alles dies sei harmlos. Bedenken Sie doch, wie die Männer sind. Der Herr Oberst ist ein Lebemann, und halten Sie es für möglich, daß er alles umsonst thut für ein Mädchen, gegen die er doch eigentlich keine Verpflichtung hat –? Ich nicht.“
Falk zuckte scheinbar gleichgültig die Achseln, während durch seinen Hals eine scharfe Glut bis in den Magen ging. Bei den letzten Worten war Fräulein von Erdmann hereingekommen. „Ah! Sie sprachen von Fräulein Mirbeth –?“ rief sie mit blitzenden Augen. Falk empfand einen stechenden Schmerz, als rücke nun die Gewißheit näher und näher.
„Noch einmal rate ich Ihnen, Herr Falk,“ fuhr Frau Bender unbeirrt fort, „als Freundin, – als gute Freundin – lassen Sie ab. Es ist ein Unglück für Sie und für Fräulein Mirbeth.“
Falk schwieg. Die Erdmann betrachtete ihn zärtlich und lispelte kopfschüttelnd: „Wie kann guter Samen auf so schlechten Acker fallen!“ Der junge Mann blickte sie drohend an, und trommelte aufgeregt auf die Fensterscheibe.
Unbemerkt von allen war auch Helene ins Zimmer geschlüpft. Die Arme verschränkt, stand sie am Tisch und musterte Falk mit stolzen Blicken. Er begegnete ihren Augen und war gedemütigt. Sie ist klug, dachte er. Sie glaubt hoch über mir zu stehen. Sie verachtet mich, daran zweifle ich nicht. Auch die eigne Mutter verachtet sie und alle andern, die in diesem Hause sind.
Zerflattert war Melys Bild vor seinen Augen, und wenn er an sie dachte, sah er nur das schlaue, verschlagene Weib, die Überlisterin des Mannes, die Betrügerin.
„Die Hühner haben Ihnen wohl das Brot gestohlen, weil Sie so unglücklich aussehn?“ sagte Helene nach dem Mittagessen zu ihm, als sie allein waren.
„Ach ja –“ seufzte Falk.
Da wurde Helene plötzlich ernst. „Ich meine so, Herr Falk: Entweder man liebt; und dann vertraut man, oder man liebt nicht – nun dann nicht. Das thut ein Mann, denk ich mir. Und wenn er nicht vertraut, geht er seiner Wege.“
Falk lauschte erstaunt und beklommen. Helene fuhr etwas träumerischer fort: „Die Liebe ist doch wie ein Spiegel. Ein noch so kleiner Splitter, und die ganze Scheibe hat den Wert verloren. Sehen Sie, – und dann das: ich gehe nie vor den Spiegel, wenn ich schlecht und nachlässig gekleidet bin. Wer hineinschaut, schaut wieder heraus. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehn, – vielleicht ist es auch dumm –“ sie hielt errötend inne, und sagte dann, den Mund verziehend: „Ah bah! lirum, larum Löffelstiel!“