Falk sah sie verwundert an. „Sie sind wie ein Gedicht von Heine,“ brummte er. „Sie berauben sich selbst der schönsten Wirkungen.“ Er mußte sich gestehen, daß ihr jene Worte etwas Adelndes und Liebliches verliehen hatten. Seltsam erschien ihm, daß sie ihn getröstet hatte und aufgerichtet mit diesem ziemlich dunklen Gleichnis.

Doch als er ausging, war er wieder mißmutig und in gedrückter Stimmung. Er trank unter den Arkaden Kaffee und blieb Zeitung lesend sitzen, bis es dämmerte. Als er nach Hause kam, saß Mely allein im Wohnzimmer. Sie hatte ein Buch auf den Knieen, blickte aber, den einen Ellbogen auf das Knie gestützt, träumend zur Seite. „Was liest du denn da?“ fragte er ziemlich hart, nahm das Buch und las den Titel: Mantegazza, Physiologie des Weibes. „Pfui, ein so schmutziges Buch liest man doch nicht!“ rief er aus, und schleuderte den Band auf den Tisch.

Mely errötete und sah ihn ängstlich an. In diesem Augenblick wäre sie sicherlich bereit gewesen, mit ihm zu fliehen, wohin er wollte, ihm zu folgen bis an den fernsten Winkel der Welt, und sei es in Armut und Elend. Aber plötzlich wurde sie unfreundlich, runzelte die Stirn und gab ihm auf verschiedene Fragen keine Antwort. Dieser jähe Stimmungswechsel machte ihn ratlos. Sie selbst erschien dadurch um vieles älter und häßlicher. Alles Sanfte, Nachgiebige, Gute verschwand aus ihrem Gesicht und harte Linien entstanden. Umsonst forschte er nach dem Grund dieser Veränderung; statt Auskunft zu geben, erhob sie sich und ging hinaus.

Am Abend kam die Kartenlegerin. Frau Bender und das Fräulein von Erdmann hatten ihre Neugierde, Ereignisse der Zukunft zu erfahren, nicht bezähmen können, und Falks Zimmer wurde zum Quartier der Wahrsagerin gemacht.

Mely atmete auf, als Falk gegen acht Uhr von einem Besuch zurückkam. Er sah sie stumm an. Ich liebe dich, hätte er ihr zurufen mögen, alle Tage denk ich nur an dich, alle Stunden, und es gibt kein Licht als die Liebe.

Fräulein von Erdmann kam kichernd von der Kartenlegerin zurück. Sie stellte sich, als ob sie nicht im Entferntesten an die schönen Dinge glaube, die ihr geweissagt worden, aber schließlich konnte sie ihr Entzücken nicht mehr verbergen. „Eine geniale Person!“ rief sie enthusiastisch. „Meine ganze Vergangenheit hat sie aufgedeckt, – es war staunenswert.“ Falk beobachtete mit schwerem Herzen, wie jedes Wort, das sie sprach, eine feindselige Spitze gegen Mely enthielt, selbst wenn das Gesprochene sich in gar keiner Weise auf das junge Mädchen bezog. Aber der begleitende Blick und die begleitende Geste waren schon feindselig. Frauen verstehen es so gut, mit unsichtbaren Schwertern zu kämpfen. Alle sind ihr gram, dachte er. Und warum? warum? Und Mely sah ihn an mit einem Blick, der um Verzeihung bat, und der sagen wollte: Ich bin schuldig. Ich weiß, was du denkst, schien dann ein anderer Blick zu sagen, aber schon lange hassen sie mich, alle diese. Und wenn sie mich jetzt noch verachten werden, dann bist du die Ursache.

Bald kam auch Frau Bender zurück und Helene ging, um sich prophezeien zu lassen. Falk fand es interessant, zu beobachten, in welcher Stimmung ein jeder zurückkam. Frau Bender war hoffnungsselig und voll gutem Glauben. Sie erzählte kindlich froh, daß sie noch in diesem Jahr zu ihrem Mann nach Amerika reisen würde. „Aber noch bevor wir dies Haus verlassen,“ fügte sie hinzu, „wird eine weibliche Person darin sterben.“

„Uchh!“ machte Fräulein von Erdmann schaudernd.

Falk wollte lächeln, aber es gelang ihm nicht. Ein kühler Strom, flüchtig und frostig, ging über seine Augen. Helene trat ein. Sie allein erzählte nichts, und machte ein skeptisches Gesicht. Jetzt erhob sich Mely. Sie schleppte sich mehr hinaus, als sie ging, und wenn auch Falk ihr Gesicht nicht sah, war er überzeugt, daß sie die Augen geschlossen haben müsse. Unter den Zurückbleibenden herrschte fortwährend jene Spannung, etwa wie unter Leuten, die sich vor Gespenstern fürchten, trotzdem Alle, Frau Bender ausgenommen, ungläubig erscheinen wollten und sich Mühe gaben, ihr inneres Erstarrtsein zu verbergen.

Falk hatte Herzklopfen als er Mely kommen hörte. Sie schüttelte bloß den Kopf, als sie sich setzte und sagte zusammenfahrend, als ob es kalt sei im Zimmer: „Gar nichts hat sie mir mitteilen können. Das Eiweiß im Wasser ist ganz zu Boden gesunken, und hat gar keine Figuren gebildet. Und die Karten waren ganz wirr.“ Wieder fuhr sie zusammen und häkelte den Kragen ihres Hauskleids zu.