„Soll ich auch mitthun?“ fragte Falk, sich belustigt umsehend, als handle es sich um einen vortrefflichen Scherz. Alle bejahten lebhaft. „Sie werden sich köstlich amüsiren!“ rief Fräulein von Erdmann, indem sie bemüht war, Mely ihre Geringschätzung zu zeigen. „Gehen Sie nur, Sie Zigeuner! Marsch!“ Und mit frivol gespitzten Lippen blies die dicke Dame bedächtig den Rauch ihrer Zigarre von sich.
Als Falk sein Zimmer betrat, saß die Kartenlegerin am Tisch und schlürfte Thee. Er sah ein Gesicht, das einem Stück Felsen glich, wenn lange Zeit das Wasser darüber hinweggespült wurde, so daß es ganz gefurcht und grünspänig aussieht. Das Weib mischte die Karten und sagte mit fremdländischem Accent: „Aach ... Liebe, die vorübergeht.“ Sie sprach ihr fremdes Deutsch im Münchner Dialekt, und wandte oft übertriebene, phrasenhafte Worte an, so daß ein halb komisches, halb beängstigendes Gemisch von Gravität und prophetischer Würde entstand. „Sie haben es verstanden, arm zu bleiben,“ sagte sie dann kopfnickend. „Die Aß und der Bub, – Schellenkönig, – großes Herzeleid ist über Ihnen, wie eine schwangere Wolke. Grün Zehner und rot Sechser – durch ein großes Gebirge werden Sie fahren, und zwar im August dieses Jahres. Ein schwarzhaarigs Mädel steht bei Ihnen. Sie sehnt sich recht sehr nach Ihnen, von ganzem Herzen liebt sie Ihnen, – aber Lug und Trug ohne Ende ist dabei und Thränen und Kummer –“
„Hören Sie auf!“ unterbrach sie Falk, mühsam lachend. Mit blöden Augen schaute ihn die Alte an. –
Im Wohnzimmer angelangt, war er sehr heiter. Er berichtete die komischen Einzelheiten in dem Gebahren der Seherin, und seine Lustigkeit wurde zum Schluß förmlich betäubend. Er fühlte, wie Mely seinen Blick zu erhaschen suchte, wie sie ängstlich und vorwurfsvoll, ihn nicht aus den Augen ließ, aber um keinen Preis hätte er sie jetzt anschauen mögen. Seine Empfindungen waren verzerrt, sein Herz war wie zersprungen.
Da bemerkte er, daß sie das Zimmer verlassen hatte. Zuerst achtete er nicht darauf, aber auf einmal verlor er die Ruhe und die Besinnung und ging hinaus, um sich in seinem Zimmer einzuschließen. Doch wanderte er, seinen Vorsatz vergessend, im Korridor auf und nieder. Er hatte Sehnsucht nach ihr und wünschte heiß, sie küssen zu dürfen. Er klopfte leise an ihrer Thür. Als er keine Antwort erhielt, drückte er auf die Klinke, aber sie hatte den Riegel vorgeschoben. Er flüsterte ihren Namen, und immer erregter werdend, klopfte er schließlich heftig an die Thüre.
Ohne daß er sie nahen gehört, stand plötzlich Helene hinter ihm. „Was thun Sie!“ sagte sie streng.
„Gehen Sie hinein, Helene,“ antwortete er finster. „Ihnen wird sie öffnen. Ich weiß bestimmt, daß sie jetzt drinnen liegt und weint, aber es ist mir unverständlich, unfaßbar!“
Eindringlich rief Helene Melys Namen. Falk trat ein wenig zurück in die Dunkelheit. Mely öffnete und ließ Helene ein. Es war finster in ihrem Zimmer.
Am nächsten Morgen saßen die beiden Mädchen lange Zeit bei einander. Er hörte, daß sie sich dutzten, und ein beklemmendes Gefühl hinderte ihn stundenlang am ruhigen Nachdenken. Gegen Mittag kam der Diener des Obersts, ein läppisch aussehender Soldat mit einem Brief für Mely. Falk saß am Klavier. Während er weiterspielte, sah er genau, wie das junge Mädchen erbleichend das Papier durchlas, es dann hastig zerknitterte und in die Tasche steckte. Er trommelte ein wildes, sinnloses Fortissimo und schlug krachend den Deckel zu.
„Herr Falk interessirt sich außerordentlich für Sie,“ sagte Frau Bender, die in der Küche am dampfenden Herd stand, zu Mely. „Er ist so unglücklich und klagt mir fortwährend sein Leid. Sie müssen ihn trösten und aufrichten, Fräulein Mirbeth.“ Die kleine Frau lächelte fröhlich und rührte emsig ihr Kartoffelgemüse. Finster sah Mely auf den Schnee hinaus, der schon allenthalben mit Ruß bedeckt war. Begierig hörte sie zu, als wünsche sie selbst, daß die Liebe in ihrer Brust ertötet würde. „Ich bin so elend,“ sagte sie mit unstätem Blick, als Frau Bender fertig war, „ich sollte mich eigentlich ins Bett legen.“