„Thun Sies doch.“
„Ich muß hinüber zu Herrn Oberst.“
Als sie fortging, stand Falk im Korridor. Ohne ihn anzusehn, schritt sie vorbei, matt lächelnd. Sie grüßte ihn, aber ganz leichthin, ganz in die Luft hinein rief sie das Adieu.
Zuerst stand Falk wie betäubt. Dann eilte er ihr nach und sich über die Treppenbrüstung beugend, rief er flehend hinunter: „Der Brief –?“
Sie blickte empor: erstaunt, fremd und kühl. Dann lachte sie kurz auf und ging weiter. Falk sah immer noch auf den Punkt, wo sie gestanden. Er sah noch ihr bleiches Gesicht hinter dem schwarzen Schleier und die funkelnden, von schwerem Feuer erfüllten Augen. Nie war sie ihm so schön, so unnahbar und so hassenswert erschienen.
Im Innern war er wie zerstört. Beständig spielte ein geringschätziges Lächeln um seine Lippen: eine Maske, die ihn tröstete. Er konnte die Geringschätzung gegen das, was ihm zugestoßen, durchaus nicht in sich finden. Nun ist sie dort drüben, dachte er, und sie genießt den Triumph, so vortrefflich gut mit mir gespielt zu haben. Dann stellte er Betrachtungen an, wie er sich als charakterfester Mensch zu benehmen habe. Er wollte ihr seine Verachtung zeigen und die Liebe tief verschließen. Vor allem machte ihn das Grundlose dieser Veränderung verwirrt. Hart und böse war sie ihm erschienen, obwohl er das vor sich selbst zu verbergen und sie zu entschuldigen trachtete.
An diesem Tag kam viel Besuch. Frau Kremer, eine alte Freundin Frau Benders kam mit ihrer Tochter Clodi von Köln, ferner eine Cousine Helenes, namens Rosine Malz. Die ersteren wollten vier bis fünf Tage, die letztere einige Wochen bleiben. Frau Kremer brachte Heiterkeit mit. Sie war dick und rund, lachte beständig, und nichts war ihr so heilig, als daß sie es nicht zu einem Witz mißbrauchte. Diese Witze waren meist so geartet, daß Rosine Malz purpurrot wurde, Frau Bender die Hände zusammenschlug, Clodi kicherte und „aber Mama“ rief und Helene niedergeschlagen den Kopf schüttelte.
Am Abend gingen alle ins Theater. Falk war in seinem Zimmer und lag mit dem Oberkörper auf dem Bett. Er hatte die Hände unter dem Kopf verschränkt und starrte in die Höhe, in den zitternden Lichtkreis, den die Flamme auf die Decke warf. Zum hundertsten Mal rief er sich all das zurück, was Mely schuldig der Lüge erscheinen ließ, und je mehr er nachdachte, um so mehr ward er überzeugt von ihrer Schuld.
Auf jedes Geräusch lauschte er, und er verfolgte es, wenn es sich langsam verlor. Aber es wurde acht Uhr, und sie kam nicht. Er erhob sich und ging schnell auf und ab. Da läutete die elektrische Glocke, und er wußte: sie war es. Er legte sich wieder, scheinbar gleichgültig sinnend, aufs Bett und mit klopfendem Herzen vernahm er ihre nahenden Schritte. Als sie anpochte, rief er mit wohlvorbereiteter Nachlässigkeit: herein!
Wiederum fiel ihm zuerst das gänzlich Verstörte ihres Wesens auf. Wohl empfand er eine flüchtige Freude darüber, daß sie kam, aber zugleich gewann eine so große Trauer Macht über ihn, daß er völlig abgewandt von Mely auf das schauerliche Geheul des Windes horchte und sich nicht einmal erhob, um sie zu begrüßen.