Als um elf Uhr Frau Bender mit ihren Gästen heimkehrte, entstand eine geräuschvolle Lustigkeit. Frau Kremer hörte nicht auf, Falk und Mely mit Anzüglichkeiten zu verfolgen. Mely wurde immer verlegener; bang und traurig flehte sie Frau Bender mit Blicken um Hilfe. Clodi schalt ihre Mutter und ging zu Mely. Sie ergriff die Hand des jungen Weibes und legte den rechten Arm ihr um den Hals. Clodi hatte ein gutes Gesicht, in welchem zwei kindlich schalkhafte, treuherzige Augen saßen. Mit einem Lächeln, voll von Verwunderung, Freude und Dankbarkeit sah Mely zu ihr auf.
Frau Bender spielte mit Falk Halma. Sie verlor stets und geriet darüber in große Aufregung.
Den folgenden Tag über sprachen Mely und Falk fast nichts zu einander. Mely war von übertriebener Lustigkeit und spielte mit Dele und Clodi. Pitt mußte über den Stock springen und die Katze suchen, und das jüngste Kätzchen wurde, angethan mit Puppenkleidern und einer Pierrot-Mütze, auf dem Tisch spaziren geführt. Das unglückliche Tier machte die größten Anstrengungen, sich seines Kostüms zu entledigen, und darüber herrschte nun großer Jubel. Die Katzenmutter sah mit funkelnden Augen, leise brummend zu und war beständig gegen Pitt in Angriffszustand. Die Erfinderin aller tollen Streiche war Clodi, in der viel von der Laune ihrer Mutter steckte. Fräulein von Erdmann kam öfters mit feierlichen Schritten ins Wohnzimmer, um durch ihr Erscheinen dem Lärm zu steuern. Aber es war nutzlos. Unbeirrt durch das Geschrei und Gelächter, spielte Falk ein schwermütiges Adagio, ein Chopinsches Lamento und den Trauermarsch aus der Asdur-Sonate. Bald wurde er von Clodi vertrieben, die sich den „Leichenchor“ verbat, am Klavier Platz nahm und einen Walzer spielte. Und sie spielte ihn so, daß man lächeln mußte in innerer Sorglosigkeit. Groß und durchdringend ist der Zauber der Jugend.
Auf alle war Falk eifersüchtig: auf Clodi, auf Dele, auf den Hund und auf die Katze. Ihm schien es, als ob sich Mely nur deshalb so sehr dem Spiel hingebe, um ihm ihre Gleichgültigkeit zu zeigen. Und es war auch so. Sie that es aus Trotz.
Es dämmerte und der olivenfarbne Abenddunst lag auf der Straße. Da kam sie zu ihm ins Zimmer. Er konnte nicht sprechen vor Trauer und Beklommenheit. Aber als er ihr etwas spöttisches Lächeln sah, sagte er: „Siehst du, du wirst mich krank machen.“
Sie lachte hart. Dann aber veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts, und sie sah ihn an, als ob er in viel größerer Ferne stünde und sie sich im Ungewissen befände, ob er es denn wirklich sei. „Ach,“ sagte sie, „sie machen dich schlecht. Sie wenden alles an, mich von dir abzuziehen.“
Sie schwieg, denn er hatte ihr den Rücken zugedreht und sie mußte sein Gesicht sehen können, wenn sie ihm so etwas sagte.
„Ich muß jetzt fort,“ erwiderte Falk mit gleichgültiger Stimme. „Kannst du mitgehn? Wir gehen in den Theesalon ...“
Mely brauste unwillig auf. „Was fällt dir ein? Du weißt doch, daß ich nie mehr mit dir auf der Straße gesehen werden darf. Er ahnt schon ohnehin etwas –“
„So! – Na, das ist ja gleich. Ich lechze nicht so sehr nach deiner Gesellschaft. Empfiehl mich deinem Hund und den Katzen. Adieu, Fräulein.“