Sie machte eine verächtliche Bewegung mit den Lippen und ging. Aber Falk blieb zu Hause. Zuerst faßte er den Entschluß, den Abend über in seinem Zimmer zu bleiben, doch das konnte er nicht ertragen. Er mußte sie sehen, er mußte sie reden hören, wenn gleich sein Herz von Bitterkeit gegen sie erfüllt war. Er unterhielt sich mit Rosine Malz, die ihm viel dümmer vorkam als andere Mädchen dieses Schlags, und später mit Fräulein von Erdmann. Er spielte den Liebenswürdigen und versuchte nicht ohne Glück, witzig zu sein. Er hoffte dadurch Mely zu reizen.

Und als es Nacht war und alles schon stille, kam sie zu ihm. „Ich habe Jemand im Korridor gesehn,“ flüsterte sie unruhig und gequält.

Er ging hinaus und that, als suche er etwas. Er öffnete die Wohnzimmerthür, die nur angelehnt war – er erschrak darüber – und spähte hinein. Im Finstern sah er Helene am Fenster stehen. Sie setzte die Kerze in Brand und blickte ihn kalt an. Offenbar weiß sie jetzt alles, dachte er. Sie erschien ihm hinterlistig und katzenhaft.

Er redete Mely die Furcht aus. Sie hörte nur halb auf ihn, denn sie lauschte beständig auch auf die leisesten Geräusche vom Flur und von der Straße. Als er wiederum bat, ihm den Brief zu geben, stieß sie ihn gereizt zurück. Er sprang auf und ballte drohend die Faust. Dann wanderte er erregt auf und ab und schleuderte eine Untertasse zu Boden, daß sie klirrend zerbrach. Mely lachte boshaft und geringschätzig. Das brachte ihn außer sich. Er stellte sich vor sie hin und sagte gehässig, mit funkelnden Augen: „Ich weiß, daß du etwas verbirgst und ich schwöre dir, daß ich es erfahren werde. Hüte dich!“

„Die lächerlichen Drohungen!“ erwiderte Mely gleichgültig und ruhig. Sie erhob sich, um zu gehen.

„Du wirst bleiben!“ rief er mit unterdrückter Stimme und mühsam an sich haltend. Er packte sie bei den Schultern und warf sie mit voller Kraft in den Fauteuil zurück. Wie gelähmt blieb sie sitzen. Ihre Augen leuchteten in grünlichem Glanz. Und Falk redete zu ihr: erst in verzweifeltem Trotz, dann mit einer Sanftmut, die mit Selbstverachtung zu kämpfen schien (weil er sich nachgiebig zeigte, da er doch ein Recht zu zürnen hatte), und immer leiser sprach er, ungereimte Dinge, Versicherungen seiner Liebe, seiner Ehrlichkeit, das Eingeständnis seiner Heftigkeit und seines Mangels an Vorsicht. Die Leidenschaft verzehrte ihn, und der Wunsch, sie weich zu stimmen, machte ihn selbst weich. Wäre sie ihm jetzt um den Hals gefallen und hätte Verzeihung erfleht, so hätte er sie geküßt und hätte großmütig verziehen, aber die ungestüme Liebe wäre zusammengesunken wie ausgekühlte Asche.

Sie aber erwiderte gar nichts. Sie saß da, schaute stets auf denselben Punkt, und als er fertig war, sagte sie, als hätte sie von seiner langen Rede nichts gehört: „Ich will jetzt hinaus.“

„Bitte,“ erwiderte er höflich. Er sagte das nur, denn er hatte nicht den Willen, sie gehen zu lassen. Er glaubte nur, daß sie milder gestimmt, oder vielleicht stutzig gemacht durch seine Einwilligung, doch bleiben werde. Aber sie wollte in der That fort und da vertrat er ihr den Weg. „Wenn du mich nicht gehen läßt, ruf ich um Hülfe,“ flüsterte sie, schwer atmend. Da lachte er höhnisch, und schaute sie mit einem Blick voll Wut, Hohn und Haß an. Aber sie wagte nicht, ihm ins Gesicht zu schauen. Das also ist die Liebe, dachte er, innerlich frierend. „Geh! geh! ich will dich nimmer sehn!“ rief er ihr zu und wandte sich ab.

„Helene weiß alles,“ sagte sie, als er am andern Morgen in ihr Zimmer kam. Er schämte sich, daß er zu ihr gegangen. Er wußte, daß es feig, schwach und unmännlich war, aber wie eine nimmersatte Feuersbrunst wütete die Liebe in ihm. Sie hatte ihn beleidigt, er aber wollte nichts, als ihre Verzeihung.

Er achtete ihrer Worte nicht. „Ich muß mit dir reden,“ sagte er streng, um sie über den Grund seines Kommens zu täuschen.