Innenraum eines Hauses auf der Insel Ulietea. Tanz der Eingeborenen. Nach einem alten Stiche.
Am Morgen darauf ging ich mit Herrn Banks und den andern Forschern in beiden Booten nach dem Lande hin, um einen großen Fluß zu erforschen, der sich in den obern Teil der Bai ergießt. Wir ruderten ungefähr 4–5 Meilen weit; hier war der Fluß breiter als an der Mündung und durch angeschwemmte Inseln gespalten, auf denen die Mangroven, harzreiche Bäume, wuchsen. Auf einer der Inseln schossen wir uns ein Gericht Vögel, die wir auf dem Roste brieten und zu Mittag verspeisten. An der Mündung des Stromes entdeckten wir ein kleines indianisches Dorf, wo wir sehr gastfreundlich aufgenommen und mit Schaltieren von ausgezeichnetem Geschmack bewirtet wurden; wir aßen sie so heiß wie sie vom Feuer kamen. In der Nähe dieses Dorfes befanden sich auf einer Landspitze die Überreste einer Festung, die von den Eingeborenen Ippäh oder Hippäh genannt wurde. Der beste Festungsbaukünstler hätte keine vorteilhaftere Lage für diesen Zweck wählen können als der indianische Erbauer dieser Festung, die, auf drei Seiten von Wasser und steilen Klippen umgeben, von hierher unzugänglich gemacht war. Die Landseite war durch Schanzen, einen 22 Fuß breiten, 14 Fuß tiefen Graben und durch Palisaden geschützt. Das Ganze könnte mit leichter Mühe so befestigt werden, daß die Mannschaft eines europäischen Schiffes sich gegen den Angriff des ganzen Volkes verteidigen könnte.
Am 11. war das Wetter so windig und regnerisch, daß sich kein Kahn vom Lande in See wagte. Da wir aber tags zuvor mehrere reichbesetzte Austernbänke entdeckt hatten, so sandten wir das lange Boot ab, um die delikate Ernte einzuheimsen. Es kam nach einer Weile vollbeladen zurück, und nun begann an Bord ein Wettausternessen bis in die sinkende Nacht. Wir konnten uns das leisten, denn unsre Austernbänke waren unerschöpflich und die Austern so gut wie die besten Colchesteraustern, weshalb ich dem Strome den Namen Austernstrom gab.
Achtes Kapitel.
Forschungen. — Eine Naturfestung. — Kunstvolle Bauten. — Ein diebischer Geselle. — Seltsame Tätowierungen. — Eine Lektion und ihre Folgen. — Kannibalismus.
Am 12., an einem Sonntag, ruderte ich in Begleitung der Herren Banks und Dr. Solander mit der Pinasse und der Jolle nach der nördlichen Baiseite hinüber, um das Land und zwei befestigte Dörfer in Augenschein zu nehmen, die wir in einer gewissen Entfernung entdeckt hatten. Wir landeten unterhalb des kleineren Dorfes, das in höchst romantischer und anmutiger Lage auf einem kleinen Felsen aufgebaut war, der vom festen Lande abgetrennt und zur Zeit der Flut mit Wasser umgeben war. Den einzigen Zugang zu dieser Naturfestung bildete ein steiler, schmaler Saumpfad, auf dem uns die Einwohner entgegenkamen, um uns zur Besichtigung ihres Hippäh einzuladen. Wir lehnten diese Einladung jedoch ab, da wir die größere Festung, die eine Meile entfernt lag, besichtigen wollten. Jedoch verteilten wir an die Frauen und Mädchen kleine Geschenke. In diesem Augenblick sahen wir auch die Bewohner des kleinen Städtchens, das wir besichtigen wollten, uns zur Begrüßung entgegenkommen, Männer, Weiber, Kinder, über hundert an der Zahl. Als sie sich so weit genähert hatten, daß wir einander verstehen konnten, winkten sie uns unter Horomairufen grüßend mit den Händen und setzten sich dann zwischen den Gebüschen am Strande nieder. Wie uns Tupia sagte, war diese Zeremonie bei ihnen das Zeichen freundschaftlicher Ergebenheit. Wir eilten also zu ihnen hin, begrüßten sie, machten ihnen einige Geschenke und baten sie um die Erlaubnis, ihr Hippäh zu besuchen. Mit Jubel bewilligten sie unsre Bitte, indem sie gleich als Führer vorausgingen. Wharretouwa, so hieß das Städtchen, liegt auf einem hohen Vorgebirge, das in die See hinausläuft und an der nördlichen Seite der Bai liegt. Von zwei Seiten wird das Hippäh von der See bespült, hier ist es ganz unzugänglich. Die beiden Landseiten sind großartig befestigt. Die eine, die nach dem Strande zu liegt, ist außerordentlich steil, die schwächere wird durch zwei starke Gräben beschützt. Außerdem ist das ganze Hippäh mit starken Palisaden von 10 Fuß Höhe umgeben. Auch das Innere der eigenartigen Festung ist durch Palisaden und durch Wehrtürme befestigt, von denen aus die Belagerten ihre Feinde mit Lanzen und durch ein Steinbombardement zurücktreiben können. Das Ganze ist in der Tat uneinnehmbar und gegen jeden Sturmangriff gefeit. Auf der schwächeren Seite, der Bergseite, gibt es einige kleine Außenwerke, und verschiedene Hütten als Wohnungen für Leute, die wegen Platzmangels nicht in der Festung wohnen können, aber doch unter deren Schutze leben wollen. Das Innere der Festung war ursprünglich ein spitzer Hügel, der zu Ansiedlungszwecken abgetragen, d. h. amphitheatralisch derart abgegraben wurde, daß das Städtchen eigentlich aus bebauten Stufen besteht, die unter sich wieder durch enge Gäßchen verknüpft sind, so daß der Feind, wenn er die äußern Palisaden erobert hat, sich gezwungen sieht, die einzelnen Stufen zu erstürmen, was vielleicht noch schwerer ist als die Ersteigung der äußeren Palisaden selbst.
Wir fanden viele derartige Burg- und Festungsbauten längs der Küste, auf Felsen, Inseln, ja selbst auf Klippen, die eher zu Vogelnestern als für menschliche Wohnungen geeignet waren. Und doch ist es etwas sehr Sonderbares, daß der Erfindungsgeist, der diesen wilden Menschen den Plan zu ihren bewundernswerten Festungsbauten eingab, sie nicht auch auf den naheliegenden Gedanken gebracht hat, Wurfgeschosse zu deren Niederzwingung zu erfinden. Denn außer ihren Wurfspießen kennen sie nur den Naturstein als Waffe, und zwar als Handwaffe. Denn sie haben keine Art von Bogen, um einen Pfeil abzuschießen, keine Steinschleuder, nichts, um auf größere Entfernungen hin zu wirken! Allerdings sind die Spitzen ihrer langen Lanzen mit Widerhaken versehen, und sie bedienen sich deren mit solcher Kraft und Geschicklichkeit, daß ich es mit keiner andern Waffe als mit einer gut geladenen Muskete gegen sie aufnehmen wollte. Wir besichtigten die Festung sehr eingehend mit dem größten Interesse und kehrten hochbefriedigt gegen Abend an Bord zurück.
Am 15. segelte ich in Begleitung vieler Kähne aus der Bai hinaus. Der gute Toiava klagte mir noch zum Abschied, daß er jetzt nach unsrer Abreise in sein Hippäh flüchten müsse, denn die Verwandten des von Gore Erschossenen wollten dessen Tod an ihm rächen, weil er unser Freund sei. Wir trösteten den alten Herrn mit einigen Geschenken. Ich will noch bemerken, daß unsre Geologen an verschiedenen Stellen dieser Bai Eisen- und Erzsand fanden, der von den verschiedenen Bächen aus dem Innern des Landes herabgeschwemmt worden war — ein deutliches Kennzeichen dafür, daß die Berge um die Bai herum eisenerzhaltig sein mußten.
Am 18. befanden wir uns einem Vorgebirge gegenüber, von dem einige feindliche Kähne gegen uns abstießen. Tupia suchte die Wilden zu beschwichtigen, allein sie riefen drohend: »Kommt ans Land, und wir werden euch alle töten.« — »Gut,« antwortete Tupia, »aber warum belästigt ihr uns, solange wir in See sind? Da wir keine Zeit haben mit euch zu fechten, so werden wir eure Herausforderung ans Land zu kommen nicht annehmen. Hier aber habt ihr kein Recht Streit anzufangen, denn das Meer gehört euch sowenig wie das Schiff!« Da diese rednerische Argumentation nichts nutzte, sandte ich den nackten Herrschaften eine Kugel zu, die sie in die Flucht trieb. Tags darauf erhielten wir den Besuch eines Enkels unsres Freundes Toiava, den wir reichlich beschenkten. Wir ankerten am nächsten Tag in einem Kanal; ich benützte die Windstille, um mit Dr. Solander an die westliche Küste zu gehen. Als wir das Schiff verließen, waren viele Kähne um uns versammelt. Herr Banks blieb deshalb an Bord, um mit den Eingeborenen zu handeln. Er tauschte Waffen und Kleider der Wilden, die sich ehrlich zeigten, hauptsächlich gegen — Papier ein[3]. Ein junger Wilder stahl indessen in der Kajüte ein Halbminutenglas und wurde dabei erwischt. Herr Hicks verordnete ihm zwölf Hiebe mit der neunschwänzigen Katze und ließ ihn zu diesem Zweck an die Schiffswand binden. Als die andern Indianer dies sahen, drohten sie das Schiff zu überfallen. Herr Hicks blieb fest, und Tupia mußte den Indianern sagen, daß man ihren Genossen nicht töten, sondern für den Diebstahl bestrafen wolle. Mit dieser Erklärung gaben sie sich zufrieden. Der Dieb erhielt seine zwölf aufgezählt; sobald er freigelassen war, wurde er von einem alten Indianer, anscheinend seinem Vater, nochmals tüchtig verprügelt und dann in seinen Kahn geschickt. Allein die Wilden waren dadurch eingeschüchtert und verzogen sich bald, um sich nicht mehr blicken zu lassen.