Am folgenden Morgen war der Strand ziemlich leer. Niemand von unsern indianischen Freunden, selbst unser treuer Owhah nicht, ließ sich blicken — Beweis genug, daß man uns grollte. Unter diesen Umständen segelte ich näher an die Küste und legte das Schiff so vor Anker, daß unsere Kanonen den ganzen nordöstlichen Teil der Bai und insbesondere den Platz bestreichen konnten, den ich zur Erbauung des Forts abgesteckt hatte. Am 17. starb zu unserem größten Leidwesen Herr Buchan, ein begabter Maler, den Herr Banks mitgenommen hatte, an den Folgen des Abenteuers auf der Terra del Fuego. Aus Rücksicht auf die Eingeborenen begruben wir ihn nicht auf der Insel, sondern wir übergaben seinen Leichnam unter großen Feierlichkeiten der See. Am Vormittag desselben Tages statteten uns Tootahah und Tubourai Tamaide ihren Gegenbesuch ab. Auch brachten sie Geschenke mit, Brotfrucht und ein gebratenes Schwein. Ich machte jedem ein Beil und einen Nagel zum Gegengeschenk. Am Abend gingen wir an Land und schlugen ein Zelt auf, worin Green und ich die Nacht zubrachten, um eine Finsternis des Jupitertrabanten zu beobachten; weil sich aber der Himmel bewölkte, wurde nichts daraus.

Nach Anbruch des Tages begannen wir mit dem Bau des Forts. Zu meiner Beruhigung machten sich die Eingeborenen dadurch nützlich, daß sie die im Walde gehauenen Pfosten und Faschinen herbeischleppten, die ich ihnen ehrlich bezahlt hatte. Kein Baum war ohne ihre Erlaubnis gefällt worden. Diese Rücksichtnahme auf ihre Eigentumsrechte machte so guten Eindruck, daß der Oberhäuptling Tamaide bei einem Besuch nicht nur seine Familie, sondern auch das Wetterdach eines Hauses und allerhand Baugeräte mitbrachte und erklärte, seine Residenz in unserer Nachbarschaft aufschlagen zu wollen. Am 22. veranstaltete Tootahah ein Konzert zu unseren Ehren. Das Orchester bestand aus vier Flötisten, die ihr Instrument mit der Nase bliesen, und vier Sängern, die immer eine und dieselbe Melodie spielten und sangen. An einem Abend lieh Dr. Solander einer von den Frauen Tamaides sein Messer, bekam es aber nicht wieder; am folgenden Morgen vermißte Herr Banks das seinige. Bei dieser Gelegenheit will ich betonen, daß unterschiedslos die Männer und die Frauen dieses Volkes die größten Diebe auf Erden sind. Bereits am Tage unserer Ankunft, als uns die Eingeborenen an Bord unseres Schiffes besuchten, waren die Häuptlinge ebenso beschäftigt unsere Kabinen zu bestehlen, wie ihre Leute die andern Teile des Schiffes. Banks beschuldigte Tamaide, ihm sein Messer gestohlen zu haben. Der Oberhäuptling leugnete feierlich. Banks erfuhr bald, daß sein eigener Bedienter das Messer verlegt hatte, und er beeilte sich, den Häuptling zu versöhnen.

Am 26. stellte ich sechs Drehbassen im Fort auf, wodurch die Eingeborenen in Furcht gerieten; einige Fischer, die auf der Landspitze der Bai wohnten, verzogen deshalb nach dem Innern der Insel. Am nächsten Morgen langten zahlreiche Kähne an, und die Zelte im Fort wimmelten von Männern und Frauen, die aus allen Teilen der Insel hergekommen waren. Ich hatte an Bord zu tun; allein unser Steuermann Mollineux, der schon einmal mit Kapitän Wallis in Otahiti war, ging für mich an Land. Als er in das Zelt des Herrn Banks trat, fiel ihm sofort eine Frau auf, die mit mehreren andern dort saß. Kaum erblickte er sie, so erkannte er in ihr Oberea, die Königin der Insel, die nach dem Zeugnis des Kapitäns ihm so wertvolle Dienste geleistet hatte. Auch sie erkannte den Steuermann wieder. Oberea war sehr groß, ihre Haut war weiß und ihr Gesicht schien ungemein geistreich und empfindsam. Sie war ungefähr vierzig Jahre alt und mußte in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein.

Als Banks hörte, wer sie war, erbot er sich, sie an Bord des Schiffes zu geleiten. Die Königin nahm den Vorschlag mit Freuden an und kam mit zwei Häuptlingen und ihren Frauen an Bord, wo ich sie feierlich empfing und mit Geschenken überhäufte. Am besten gefiel der erlauchten Dame eine Kinderpuppe. Alsdann begleitete ich sie an Land, wo wir Tootahah begegneten, der zwar nicht König als Regent, aber mit der höchsten Gewalt bekleidet war. Es schien ihm wenig zu gefallen, daß wir die Königin mit so großer Auszeichnung behandelten. Und als sie ihre Puppe zeigte, wurde er so eifersüchtig, daß ich ihm, um ihn zu versöhnen, auch eine Puppe schenken mußte, die er sogar einem schönen Beile vorzog. Kurz danach fielen die Puppen so im Kurs, daß sie niemand mehr wollte.

Die Männer, die uns besuchten, pflegten ohne das geringste Bedenken an unserm Tische zu speisen. Die Frauen und Mädchen hingegen waren nie dazu zu bewegen gewesen. Auch heute lehnten sie unsere Einladung ab, verfügten sich aber in das Speisezimmer der Bedienten, wo sie es sich gut schmecken ließen. Der Grund dieses Betragens blieb uns ein Rätsel. Am nächsten Morgen erwiderte Herr Banks den Besuch der Königin. Es war nicht mehr sehr früh, als er erschien. Trotzdem sagte man ihm, daß sie noch unter der Wetterdecke ihres Kahnes schlafe. Er begab sich dorthin in der Absicht sie zu wecken, weil er glaubte, daß er sie durch diese etwas familiäre Art schwerlich beleidigen würde. Als er aber in ihre Kajüte blickte, fand er sie mit Obadec, einem stattlichen jungen Manne von fünfundzwanzig Jahren, zusammen. Banks wich beschämt zurück. Man gab ihm aber zu verstehen, daß dergleichen Intimitäten landesüblich seien; außerdem wäre es kundig, daß Obadec der Günstling der Königin wäre. Zu höflich, Herrn Banks lange antichambrieren zu lassen, kleidete sich Oberea schnell an und ging dann in seiner Begleitung nach den Zelten.

Kapitän Wallis hatte eines der Steinbeile der Insulaner nach England gebracht, nach dessen Muster die Admiralität ein eisernes Beil verfertigen ließ, das ich mitnehmen mußte, um den braunen Herrschaften mit unserer Industrie zu imponieren. Als ich Tootahah dieses Beil zum Geschenke machte, um ihn wegen des Forts, das ich mit zwei Vierpfündern und sechs Drehbassen bewehrt harte, zu beruhigen, war er von dem Geschenke derart entzückt, daß er in der Furcht, das Geschenk würde mich reuen, sofort davonlief, um es in Sicherheit zu bringen. Leider wurde uns nebst mehreren andern Gegenständen ein Quadrant gestohlen, den wir unter jeder Bedingung haben mußten. Meine Leute setzten daher den guten Tootahah als Geisel gefangen. Zum Glück kam ich rechtzeitig zurück, um ihn zu befreien. Wir erhielten die gestohlenen Sachen ausgeliefert. Die Insulaner grollten mehrere Tage, allein es gelang uns, sie wieder vollständig zu versöhnen. Wir statteten Tootahah einen feierlichen Besuch ab.

Das Volk erwartete uns in so großer Menge am Strand, daß wir kaum hindurch gekommen wären, wenn nicht ein großer, mit einem Turban bekleideter Mann dagewesen wäre, eine Art von Zeremonienmeister, der mit einem weißen Stock um sich hieb und Platz schuf. Dieser seltsame Herr geleitete uns zum Oberhaupt, indes das Volk uns zujauchzte: »Tai Tootahah!«, Tootahah ist euer Freund! Wir fanden ihn gleich einem biblischen Erzvater, umgeben von den Ältesten seines Staates, unter einem Baume thronend. Ich überreichte ihm zu den bedungenen Versöhnungsgeschenken noch ein Oberkleid von englischem Tuche, das er mit großer Freude empfing und sofort anlegte, und ein Hemd, das er seinem Zeremonienmeister übergab. Dann lud er uns zu einem Wettkampf, einem Ringkampf ein, den er uns zu Ehren veranstaltet hatte. Wir wurden nach einem großen Platze geführt, der von einem etwa drei Fuß hohen Rohrgitter umgeben und an die Residenz des Oberhäuptlings angebaut war. Tootahah saß in der Mitte der Preisrichter; wir zogen es vor, uns frei umherzubewegen. Als alles bereit war, traten die Kämpfer in den Kreis. Sie waren bis auf ein Hüfttuch nackt. Die Anfangszeremonien des Ringkampfes bestanden darin, daß die Ringer in gebückter Haltung langsam rund im Kreise herumgingen und dabei die linke Hand auf ihre rechte Brust legten, während sie mit der rechten Hand den Takt auf ihrem linken Arm schlugen, eine Herausforderung an alle, die mit ihnen ringen wollten. Die direkte Herausforderung bestand noch darin, daß der einzelne Ringkämpfer seinen Gegner zum Kampfe einlud, indem er die Hände auf die Brust legte und mit den Ellenbogen wippte. Hatte der Gegner dasselbe getan, so fuhren beide aufeinander los, wobei jeder seinen Gegner regellos zu packen suchte, an den Beinen, an den Armen, um den Leib und selbst an den Haaren, wobei nur die rohe Kraft entschied. Doch mußte der Sieger den Besiegten auf den Rücken legen. Während des Ringens tanzten Tänzer einen der charakteristischen monotonen Tänze. Mit Erbitterung wurde nirgends gerungen. Wir konstatierten sogar, daß die Besiegten über ihr Pech lachten und scherzten. Das Wettringen dauerte etwa zwei Stunden. Tootahah lud sich alsdann bei uns im Fort zu Gaste, wozu er ein gebratenes Schwein lieferte. Unsere Aussöhnung mit diesem mächtigen Manne wirkte wie ein Zauber auf das Volk, das sofort mit vielem Eifer den unterbrochenen Tauschhandel mit uns wieder aufnahm. Doch hielt es nach wie vor schwer, Schweinefleisch zu erhalten. Die Herren Green und Mollineux hörten bei einem Ausflug, daß die meisten Schweine unserem Tootahah gehörten. Nunmehr fingen wir an, unsern Freund für einen mächtigen Fürsten zu halten, denn anders wären ein solcher Reichtum und eine so unumschränkte Gewalt nicht möglich. Bis jetzt hatten wir Kokosnüsse und Brotfrüchte immer noch mit Glaskorallen eingehandelt. Nun aber begann der Wert dieses Tauschartikels so bedeutend zu fallen, daß wir Nägel auf den Markt brachten. Für einen vierzölligen Nagel erhielten wir zwanzig Kokosnüsse und Brotfrucht in demselben Quantum.

Am 9. Mai besuchte uns, zum ersten Male seit dem Streit mit Tootahah, die Königin wieder. Oberea kam in Begleitung des Häuptlings Tupia und ihres Günstlings Obadec, die uns ein Schwein und Brotfrüchte brachten, ein Geschenk, das wir mit einem Beil auslösten. Wir hatten inzwischen eine Schmiede im Fort aufgestellt. Der Schmied hatte beständig Arbeit, denn die Eingeborenen brachten altes Eisen, woraus ich ihnen neue Werkzeuge schmieden ließ. Die Königin hatte eine zerbrochene Axt mitgebracht, die ich ihr zu ihrer Zufriedenheit reparieren ließ. Alsdann verabschiedete sie sich mit dem Versprechen, nach drei Tagen wiederkommen zu wollen. Unsere Namen richtig aussprechen zu lernen war den Insulanern ein Ding der Unmöglichkeit. Mich nannten sie Tuti, Herrn Hicks Hiti, Mollineux nach seinem Vornamen Bob Boba, Herrn Gore Toora, Dr. Solander Torano, Herrn Banks Tapane, Herrn Green Eteri, den Maler Parkinson Patini und den Unteroffizier Monkhouse, der den Dieb der Muskete erschossen hatte, Matte, was soviel wie Tod bedeutet. Der letztere Umstand ließ uns darauf schließen, daß die Namen, die sie uns gegeben hatten, Worte ihrer eigenen Sprache bedeuteten.

Am 12. Mai, an einem Freitag, statteten uns einige fremde Frauen von Rang einen Besuch ab. Herr Banks saß am Tore des Forts in seinem Boote neben Tootahah und andern vornehmen Eingeborenen, um die Marktgeschäfte zu erledigen. Zwischen 9 und 10 Uhr landete ein großer Kahn, unter dessen Wetterdach ein Mann und zwei Frauen saßen. Tootahah bedeutete Herrn Banks, den vornehmen Fremden entgegen zu gehen. Bis er jedoch aus dem Boote kam, waren ihm jene schon bis auf dreißig Fuß nahe gekommen. In dieser Entfernung hielten sie still und winkten ihm ein Gleiches zu tun. Hierauf legten sie ein halbes Dutzend Bäumchen und andere Pflanzen auf die Erde nieder. Das Volk hatte inzwischen von den Fremden bis zu Banks eine Gasse gebildet. Alsdann brachte der Mann, der ein Diener der vornehmen Frauen zu sein schien, die Bäumchen nacheinander Herrn Banks und sprach dazu einige Worte. Der Häuptling Tupia versah das Amt eines Zeremonienmeisters des Herrn Banks; er nahm die Zweige ebenso feierlich an und legte sie ins Boot. Nach dieser Feierlichkeit schleppte der Mann einen großen Ballen Tücher herbei, öffnete ihn und breitete den Inhalt stückweise zwischen Banks und seinen Gästen aus, wobei er jedesmal drei Tücher aufeinander legte. Hierauf stieg eine der beiden Frauen, die Ooratooa hieß und die vornehmere war, auf die Tücher, hob ihre Kleider ringsum bis an die Hüften auf und drehte sich mit der unschuldigsten Miene von der Welt feierlich und bedächtig dreimal im Kreise herum. Alsdann ließ sie den Vorhang fallen und trat wieder herunter. Jetzt legte man sechs Tücher und dann neun übereinander. Ooratooa wiederholte jedesmal die Zeremonie, der das Volk mit dem feierlichsten Ernste anwohnte. Danach wurde das Tuch sofort aufgerollt und Herrn Banks als Geschenk von der Dame überreicht, die mit ihrer Freundin an ihn herantrat und ihn küßte. Er machte den beiden die auserlesensten Geschenke; die beiden vornehmen Insulanerinnen blieben etwa eine Stunde, dann fuhren sie heimwärts. Am Abend bekamen die Herren im Fort den Besuch der Königin und ihrer Freundin Oteothea, eines sehr schönen jungen Mädchens.

Am 13., als der Markt schon um 10 Uhr vorüber war, erging sich Herr Banks, der seine Kugelbüchse bei sich trug, im kühlenden Schatten des Waldes. Auf dem Rückwege traf er Tubourai Tamaide vor seinem provisorischen Wetterhaus und verweilte bei ihm. Dieser nahm die Gelegenheit wahr, nahm Herrn Banks die Büchse aus der Hand, spannte den Hahn und versuchte einen Schuß in die Luft abzufeuern. Zum Glück für ihn versagte der Schuß. Banks entriß ihm augenblicklich die Büchse. Da es von höchster Wichtigkeit war, die Insulaner in der Behandlung des Feuergewehrs in gänzlicher Unwissenheit zu erhalten, so erging sich Banks dem Häuptling gegenüber in den fürchterlichsten Drohungen. Tamaide hörte den Verweis mit großer Demut an, allein kaum hatte ihm Banks den Rücken gewendet, so enteilte er mit seiner ganzen Familie in sein Haus zu Eparre. Wir wurden sofort benachrichtigt, und da wir diesen einflußreichen Mann nicht zum Feinde haben wollten, so reisten die Herren Banks und Mollineux noch an demselben Abend nach Eparre ab. Hier fanden sie den Oberhäuptling betrübt im Kreise seiner Leute sitzen; seine Lieblingsfrau hatte in ihrer Trauer über den Vorfall ihren Kopf mit einem Seehundszahn blutig gestoßen. In gleicher Weise hatte die Terapo schon vorher ihrem Schmerze Ausdruck gegeben. Banks beeilte sich also, den Häuptling zu beruhigen und ihm zu versichern, daß er weit davon entfernt sei, ihm zu zürnen. Tamaide war so froh darüber, daß er sofort zurückkehrte und zum Zeichen der vollständigen Aussöhnung mit seinen Frauen im Zelte des Herrn Banks übernachtete.