Am 4. Juni, an einem Sonntage, hielten wir im Fort Gottesdienst ab, wozu wir den Tamaide und andere vornehme Insulaner einluden. Herr Banks setzte sich mitten zwischen sie, und sie ahmten alles nach, was er tat; sie erhoben sich, setzten sich, knieten nieder, ganz wie er. Als jedoch der Gottesdienst vorüber war, bezeigten sie kein Interesse dafür, von uns zu erfahren, um was es sich hier gehandelt habe. Die Insulaner hielten dagegen eine Vesper von besonderer Art ab. Ein junger, sechs Fuß großer Mensch weihte nämlich ein junges, etwa zwölfjähriges Mädchen in Gegenwart einiger von unseren Leuten und einer großen Menge Volkes feierlich in die Mysterien des Venuskultes ein. Die ungenierte Art, womit er hiebei zu Werke ging, bewies ganz klar, daß er seine Handlungsweise nicht im geringsten für unschicklich und unanständig, sondern für eine im Gebrauch des Landes erlaubte und moralische hielt. Unter den Zuschauern befanden sich die Königin und viele Frauen von Stand, die sich nicht damit begnügten, bei dieser Zeremonie die Zuschauerinnen zu spielen, sondern im Gegenteil eifrig bemüht waren, der Novize Anleitungen zu geben, wie sie sich zu verhalten habe, obschon das Mädchen trotz seiner Jugend der Anleitungen eben nicht sehr zu bedürfen schien. Ich erzähle diesen Vorfall, weil er ein nicht unbedeutender Beitrag zur Lösung einer Frage ist, über die die Philosophen schon lange stritten, die Frage nämlich: »ob die Scham, die gewisse natürliche Handlungen begleitet, ihren Grund in der Natur selbst hat, oder ob sie aus Gebräuchen entstanden ist«. Es dürfte sehr schwer werden zu erklären, wie es kam, daß der Schambegriff bezüglich gewisser Naturakte gerade diesem paradiesisch harmlosen Volke vollständig fehlt.

Ebenso verhielt es sich mit dem Begriff des Diebstahls und seiner Verwerflichkeit. Wir hatten wiederholt bemerkt, daß, sobald uns etwas gestohlen wurde, alle Insulaner schon vor uns davon Kenntnis hatten. In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni wurde uns eines von den am Fort aufgestellten Wasserfässern gestohlen; am andern Morgen war kein Insulaner, der nicht von diesem Diebstahl gewußt hätte.


Drittes Kapitel.

Ein Besuch beim Regenten. — Der Durchgang der Venus. — Folgen ihres Kults. — Ein tahitisches Begräbnis. — Ein Hundebraten. — Hoher Besuch. — Eine Reise um die Insel. — Lockungen.

Am 27. Juni beschlossen wir, dem Oberhäuptling Tootahah einen Besuch abzustatten, um ihn zur Lieferung einiger Schweine zu veranlassen. Ich ruderte daher frühmorgens mit Banks, Dr. Solander und drei andern Herren in der Pinasse ab. Da wir den Weg nach Atahourou, der neuen Residenz Tootahahs, nur zur Hälfte im Boote zurücklegen konnten, so langten wir erst gegen Abend bei ihm an. Wir fanden ihn in seinem gewöhnlichen Staatsgewand unter einem großen Baum inmitten seines Volkes thronend und überreichten ihm unser Geschenk, das aus einem gelben Frauenunterrock und andern Kleinigkeiten bestand und das er in Gnaden anzunehmen geruhte.

Die Menge des Volkes und der angesehensten Häuptlinge war so groß — auch die Königin war mit ihrem Gefolge erschienen — daß die Häuser nicht alle beherbergen konnten. Wir waren also gezwungen jeder woanders zu logieren. Oberea bot Herrn Banks höflich einen Platz in ihrem Quartier an. Banks war froh, so gut versorgt zu sein, wünschte uns gute Nacht und ging mit der Königin weg. Nach dem Landesgebrauch legte er sich frühzeitig schlafen, und da die Nacht sehr heiß war, so entkleidete er sich. Oberea bestand darauf, die Kleider in ihre eigene Verwahrung zu nehmen, damit sie nicht gestohlen würden. Unter dem so mächtigen Schutze der Königin schlief Banks sorglos wie in Abrahams Schoß. Als er um 11 Uhr aufstehen wollte, waren seine Kleider verschwunden. Er weckte also die Königin, die sofort Licht machen ließ und ihm schwur, ihm die Kleider zu verschaffen. Auch Tootahah, der nebenan schlief und von dem Lärm erwachte, entfernte sich mit der Königin, um den Dieb zu suchen, der dem guten Banks nichts weiter zurückgelassen hatte als seine Beinkleider und seine Kugelbüchse, die nicht geladen war. Pulverhorn, Pistolen, Rock, Weste usw. waren verschwunden. Nach einer halben Stunde kamen Oberea und Tootahah mit der Nachricht zurück, daß sie von dem Diebe keine Spur entdeckt hätten. Banks, der keine Ahnung von unserem Quartier hatte, machte gute Miene zum bösen Spiel. Gegen Morgen suchte er uns halb nackt auf. Uns war es nicht viel besser ergangen; mir waren die Strümpfe gestohlen, einem andern das Wams. Oberea brachte ihrem Gastfreund einen Eingeborenenrock, und in diesem halb englischen, halb indianischen Kostüm ging Herr Banks einher. Nur Dr. Solander, der bei ehrlichen Leuten übernachtet hatte, war mit heiler Haut davongekommen. Unsere Kleider waren und blieben verschwunden. Wir hegten deshalb den ziemlich begründeten Verdacht, daß der Diebstahl mit Wissen und Willen der Königin und Tootahahs begangen worden war. Wir traten sobald als möglich den Rückmarsch zum Boote an und kamen des Abends spät nach dem Fort zurück.

Lord Morton hatte mir bei meinem Abschiede dringend ans Herz gelegt, den Durchgang der Venus von verschiedenen Orten aus beobachten zu lassen. Green und ich wollten das Ereignis vom Fort aus beobachten. Die erste Expedition unter dem Befehl des Herrn Hicks sollte im Osten der Insel, die zweite unter dem Befehl des Leutnants Gore auf Imao im Westen von Otahiti, einer Insel, die Kapitän Wallis Herzog-York-Insel nannte, die Beobachtung anstellen. Zu diesem Zwecke stattete unser Astronom Green beide Expeditionen mit den nötigen Instrumenten aus und unterwies deren Leiter in ihrem Gebrauche. Herr Hicks brach mit seinen Leuten in der Pinasse auf. Für die zweite Expedition wurde das lange Boot ausgerüstet, aber man wurde erst Donnerstag nachmittag fertig. An dieser Expedition nahm auch Banks mit Tamaide und mit Tomio teil, einer Verwandten des Königs von Imao. Nachdem die Bootsleute den größten Teil der Nacht hindurch gerudert harten, gelangten sie an die Insel, wo sie sich vorläufig vor Anker legten. Bald nach Anbruch des Tages erblickte man einen indianischen Kahn, den Tamaide anrief, um sich nach einer Einfahrt zu erkundigen. In dieser erblickten sie einen von der Insel etwa 450 Fuß entfernten Korallenfelsen, der für ihre Zwecke günstig schien. Er war 240 Fuß lang, 60 Fuß breit, und zeigte in seiner Mitte einen Sandflecken, der für den Aufbau der Zelte reichte. Man beschloß daher die Sternwarte hier anzulegen. Während Gore und seine Leute die Zelte aufschlugen, ging Banks mit Tamaide und Tomio an Bord des Indianerkahns und fuhr nach der Hauptinsel, um Nahrungsmittel einzutauschen. Bei seiner Rückkehr fand er die Sternwarte in Ordnung und die Fernrohre befestigt und geprüft. Der Abend war sehr heiter. Allein jedermann besorgte, daß der Himmel sich trüben könne, und so fand keiner den Schlaf. Sobald der Tag anbrach und die Sonne hell und klar aufging, stieg die Aufregung der Beobachter aufs höchste. Banks wünschte den Herren Gore und Monkhouse viel Glück und fuhr in Begleitung der Indianer nach der Insel. Um 8 Uhr bemerkte er, daß sich zwei Kähne dem Platze näherten, den er sich für seine Geschäfte ausgesucht hatte. Man teilte ihm mit, daß die Kähne dem König der Insel, Tarrao, gehörten, der zum Besuche käme. Als der König sich näherte, bildete das Volk eine Gasse vom Strande bis zum Marktplatz, und Seine Majestät traten hierauf nebst dero Schwester Nuna ans Land. Als sie sich dem Baume näherten, unter dem Banks hielt, ging er ihnen entgegen und geleitete sie feierlichst zu seinem Platze, wo er ein Tuch ausbreiten und seine Gäste darauf sitzen ließ. Der König überreichte hierauf Herrn Banks ein Schwein, einen Hund und Früchte zum Geschenk, das dieser mit einem Beil, einem Hemd und einigen Glaskorallen erwiderte, womit er Sr. Majestät und der erlauchtesten Prinzessin viele Freude bereitete. Kurz darauf erschienen Tamaide und Tomio. Diese stellte sich als Verwandte Tarraos vor und überreichte ihm einen großen Nagel und der Nuna ein Hemd zum Geschenk.

Als die erste innere Berührung des Planeten Venus mit der Sonne vorüber war, begab sich Herr Banks mit Tarrao und seinem Gefolge, worunter sich auch drei junge Schönheiten befanden, nach der Koralleninsel. Er zeigte ihnen durch das Fernrohr den Planeten auf dem Sonnenspiegel und suchte ihnen begreiflich zu machen, daß wir aus unserm Vaterlande nur deshalb hergekommen wären, um dieses Ereignis zu beobachten. Am folgenden Morgen fuhren die Mitglieder der zweiten Expedition wieder nach dem Fort zurück. Auch die Ergebnisse unserer Beobachtungen waren befriedigend. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang war die Luft rein und der Himmel klar. Nach den Aufzeichnungen Greens geschah die erste äußere Berührung des Planeten der Sonnenscheibe um 9 Uhr 25 Minuten 42 Sekunden, die erste innere um 9 Uhr 44 Min. 4 Sek., die zweite innere Berührung um 3 Uhr 14 Min. 8 Sek., und die zweite äußere Berührung um 3 Uhr 32 Min. 10 Sek. Die Breite unserer Sternwarte war 17 Gr. 29 Min. 15 Sek., die westliche Länge von Greenwich 149 Gr. 32 Min. 30 Sek.

So große Ursache wir auch hatten, uns über den Erfolg unserer Observationen zu freuen, so sehr gab uns ein Teil des Schiffsvolks Anlaß zum Ärger. Während wir nämlich den Durchgang der Venus beobachteten, brachen verschiedene Matrosen in eine unserer Vorratskammern ein und entwendeten ungefähr einen Zentner großer Nägel — eine Tat, von der wir den größten Nachteil zu befürchten hatten, denn wenn die Diebe diese Nägel an die Insulanerinnen verhandelten, so entwerteten sie unsere Haupttauschware. Wir entdeckten einen der Diebe, fanden aber nur sieben Nägel bei ihm; auch verriet er, obwohl ich ihm vierundzwanzig Hiebe aufbrennen ließ, keinen seiner Mitschuldigen.