Um den gefürchteten Zauberer in den Augen seiner Krieger lächerlich und verächtlich zu machen, hatte der Häuptling ihn zur Karikatur eines Indianers umgestalten lassen. Obeds Kopf war kahl rasiert bis auf eine Skalplocke auf dem Wirbel. Schädel und Gesicht waren mit schwarzen, roten und weißen Farben dick bemalt. Um den nackten Oberkörper war ein ebenfalls bemaltes Hirschfell gehängt; der seltsamste Zierat aber baumelte von des Naturforschers Skalplocke und Ohren hernieder, nämlich alle die präparierten Kröten, Eidechsen, Frösche und Schmetterlinge, die man in seinem ledernen Schnappsack gefunden hatte. So hielt er, wie eine Vogelscheuche, in der Mitte des Kreises, melancholisch um sich blickend und jeden Augenblick das Todesurteil erwartend. Einen kleinen Trost gewährte ihm die Gegenwart des alten Trappers, der mit in der Reihe der Krieger stand, wie sonst auf seine treue Büchse gelehnt, die Mahtoree ihm als Zeichen der Freundschaft wieder eingehändigt hatte.
Mit Ingrimm gewahrte der Häuptling, daß des Doktors lächerlicher Aufzug die Furcht seiner Krieger vor dem mächtigen Zauberer der Langmesser keineswegs beseitigte. Verächtlich zuckte er die Achseln, finster ließ er die Augen in der Runde schweifen, und dann begann er, den Pawnee mit einem Blick tödlichsten Hasses streifend, von neuem zu reden.
„Was ist ein Sioux?“ rief er. „Der Beherrscher der Prärie und der Herr aller Tiere darauf. Die Fische in dem Flusse der wirbelnden Wasser kennen ihn und kommen auf seinen Ruf. Er sieht scharf wie ein Adler, im Rate ist er ein Fuchs, ein grauer Bär im Kampfe. Ein Dakota ist ein Mann!“
Ein Beifallsgemurmel wurde laut.
„Was ist ein Pawnee?“ fuhr er fort. „Ein Dieb, der nur Weiber bestiehlt; eine Rothaut, die keine Tapferkeit kennt; ein Jäger, der sein Wildbret erbettelt. Er geht nachts in die Prärie wie eine Eule; im Rat ist er ein hüpfendes Eichhörnchen, im Kampfe ein Elch, dessen Beine lang sind. Ein Pawnee ist ein Weib!“
Ein zustimmender Jubelruf folgte diesen Worten, die der Trapper auf einen Wink Mahtorees dem Pawnee verdolmetschen mußte. Hartherz lauschte mit großem Ernst, wendete dann aber seinen Blick schweigend wieder der Ferne zu.
„Wenn die Erde mit Ratten bedeckt wäre,“ so fing der Redner wieder an, „mit Ratten, die zu nichts taugen, dann fände sich kein Raum für die Büffel, die den Indianern Nahrung und Kleidung geben. Wenn auf der Prärie nur Pawnees wimmelten, dann wäre für den Fuß eines Dakota kein Platz darauf. Ein Loup ist eine Ratte, ein Sioux ein schwerer Büffel; laßt die Büffel die Ratten zertreten und Raum für sich schaffen!“
Mahtoree setzte sich nieder, von Beifallsgeschrei umtost. Schon meinte er, seine Krieger in der rechten Stimmung zu haben, da trat aus deren Reihen ein uralter Greis hervor. Eine tiefe, ehrfurchtsvolle Stille verbreitete sich in der Menge. Vor einem halben Jahrhundert hatte er von den Franzosen in Kanada wegen seiner Tapferkeit und seines von Narben durchfurchten Gesichtes den Beinamen „Le Balafré“ erhalten, der ihm dann auch unter seinen Stammesgenossen geblieben war.
„Die Tage des alten ‘Le Balafré’ nahen sich ihrem Ende,“ begann der alte Krieger mit kaum hörbarer Stimme. „Er gleicht einem Büffel, auf dem kein Haar mehr wächst. Bald wird er seine Hütte verlassen, um eine andere aufzusuchen, weit von den Dörfern der Sioux. Darum redet er nicht für sich, sondern für die, welche er zurückläßt. Viele Winter sind vergangen, seit Le Balafré auf dem Kriegspfade ging. Sein Blut war sehr heiß, aber es fand Zeit, kühl zu werden. Der Wakonda läßt ihn nicht mehr von Kämpfen träumen; er weiß, daß es besser ist, in Frieden zu leben ... Meine Brüder, Le Balafré wird bald die Fährte von seines Vaters Mokassin in den glücklichen Jagdgründen suchen und finden. Wer aber soll ihm selber folgen? Le Balafré hat keinen Sohn. Sein Ältester hat zu viele Pawneepferde geritten, die Gebeine des Jüngsten benagen die Konzahunde. Le Balafré sucht einen jungen Arm, auf den er sich stützen kann. Tachechana, das hüpfende Reh der Tetons, schaut vor sich, nicht hinter sich; ihr Sinn weilt im Wigwam ihres Gatten.“