Auch nach acht Tagen, auch nach vier Wochen nicht. Leonie sah ihn niemals wieder.
Bis heute! Und nun hätte sie weinen mögen, wie ein Mensch sich so verändern konnte. War das der schlanke schöne Jüngling von einst, der damals die sterbende Romantik der Bergpost beklagt? Derselbe, der ihr so ritterlich beigestanden, der sie so zart und andächtig auf die Lippen geküßt hatte? Dieser behäbige Landdoktor, der im Automobil in der Welt umherkutschierte und aussah, als hätte er in seinem Leben schon ungezählte Liebeshändel angebändelt und ungezählte Mädchenlippen geküßt? Dessen Devise wohl auch, wie bei den meisten, Wein, Weib – Pläsier war – so wenigstens sah er aus! Wie einer, dem von seiner Jugend und vom Idealismus seiner Jugend keine Spur mehr geblieben ist.
Und der das kleine Klostermädel, das er einst in übermütiger Laune geküßt, bis in den Tod vergessen hatte!
Die Scham brannte in ihrem Herzen und mehr noch der Schmerz – ein so wunderlich heißer Schmerz, um so unbegreiflicher, als sie selbst doch seit Jahren nicht mehr an das kleine Erlebnis ihrer Jugend gedacht hatte.
Aber damals – damals – –!
Was wir Jahr um Jahr liebevoll und andächtig mit uns herumgetragen, das wächst uns unmerklich ans Herz, bleibt uns heilig, und würden wir auch alt wie Methusalem – und rüttelt eine unberufene Hand daran, tut's uns weh, und wir spüren dann erst, wie tief und fest die Erinnerung saß.
All die Jahre, wo sie ihn nicht vergessen konnte, wo sie bei Tage an ihn gedacht und nachts von ihm geträumt, standen wieder auf wie Tote, die aus ihrer Gruft gerufen werden, um Zeugnis zu geben. Die langen Ferienwochen, wo ihr kleines sehnsüchtiges Herz von einem Tag zum andern gehofft und gewartet; frühmorgens freudig den jungen Sommertag begrüßte: Heut kommt er, heut kommt er ganz gewiß! – und abends vor sehnsüchtigem Klopfen und bitterster Enttäuschung keine Ruhe in Großmutters schneeweißem weichen Gastbette fand.
O, über das erste holde Erwachen der jungen Seele, wo sie noch ahnend und unbewußt ihre Flügel regt; wo ein Blick zum Erlebnis, ein Wort oder Kuß zum welterschütternden Drama wird! Und dies alles, dies erste Aufwachen, dies zagende Sicherschließen der Knospe war mit ihm verknüpft – o wie teuer, wie über alles teuer war er damals ihrem Herzen!
Sie dachte an die Jahre in der Pension, wenn die Klostermädel einander ihre kleinen Ferienerlebnisse anvertrauten; wo ihre eigenen allerschönsten Geschichten immer mit dem Satz begannen: »Als ich zu den Großeltern in die Ferien fuhr …« Aber von dem Kuß nie ein einziges Wort! Das war ihr alleiniges, ihr heiliges und süßestes Geheimnis, von dem selbst ihr Beichtvater, der alte liebe Pater Regens, nichts erfuhr. Küssen war doch keine Sünde? Die Großen taten's ja alle, und beichten brauchte man das wahrlich nicht! Und Er wollte ja kommen, er wußte doch, daß sie bei den guten Nönnchen in Mariahilf war – und er mußte ganz sicher einmal kommen, hatte er's nicht versprochen? Und hatte er sie nicht geküßt?
Heimlich sparte sie sich Groschen für Groschen von ihrem Taschengelde ab, und als sie nach einem Vierteljahr – während dessen sie kein einziges Mal zum Konditor gegangen war, sich nicht eine seidene Zopfschleife gekauft und immer die weggeworfenen Federn der andern heimlich aus dem Papierkorb »geklaubt« hatte, um nur ja jeden Pfennig zu sparen – endlich so viel beisammen hatte, wechselte sie das Kleingeld um und trug ihren Taler immer bei sich, ganz blitzblank gerieben und in ein blauseidenes Säckchen eingebeutelt, damit sie ihn gleich bei der Hand hätte, wenn er käme.