Die achtundzwanzigjährige Leonie, die am Fenster stand und ihre heiße Stirn an die kühle Scheibe drückte – während auf dem finstern Hintergrund der mondlosen Frühlingsnacht all diese Jugendbilder licht und hell an ihrem Geiste vorüberzogen – die klug und kühl und vernünftig gewordene Leonie, die alleinstehende wohlhabende Waise, die zehnmal schon hätte heiraten können und an jedem Bewerber etwas auszusetzen fand – wandte sich hastig ab, damit ihre dummen Tränen die klargeputzte Scheibe nicht trüben sollten.
Sie zündete ihr Licht an und begann sich auszukleiden. Jählings kam ihr ein wunderlicher Einfall, und ehe sie sich dessen versah, kniete sie vor ihrer Kommode und suchte im untersten Schubfach zwischen altem vergessenen Kram, welken Kotillonsträußchen und kleinen Andenken aus der Jugendzeit, nach einem eingelegten Ebenholzkästchen. Und als sie es gefunden hatte und auf das kleine Vexierschloß drückte, sprang der Deckel mit einem schwachen Laut auf – wie ein Seufzer klang's – und ein verstaubtes zerknittertes Seidenbeutelchen kam zum Vorschein. Sie zog die Schnur auseinander und mußte beinah' lächeln: da lag ihr gesparter Taler aus der Pensionszeit, der fünfzehn Jahre lang treu und pietätvoll aufgehobene!
Nun konnte sie ihn seinem Besitzer ja wiedergeben!
Und sie mußte es wohl – über kurz oder lang würden die Taler außer Kurs sein, hatte neulich jemand gesagt – und auch dieser hatte dann keinen Wert mehr.
Gedankenvoll hielt sie ihn in der Hand, den alten, alten Taler, an dem soviel süße und traurige Erinnerungen hingen. Der einst so blank geputzt gewesen – unwillkürlich griff sie nach einem Zipfel ihrer weichen Flanellmatinee und rieb und putzte an der alten Silbermünze – und mußte nun wirklich lachen. Schnell steckte sie das Beutelchen zwischen Handschuh und Schleier oben im ersten Fach, wo's ihr bequem zur Hand war – bei erster Gelegenheit sollte Doktor Erdmann seinen Taler wiederhaben.
Als sie längst im Bette lag, zerbrach sie sich noch den Kopf, wie sie's anstellen sollte, ihm unbemerkt das geliehene Geld zurückzugeben.
Nun – die Gelegenheit würde sich schon finden. Sie und ihr Vetter Luz Neuhaus, Großvaters rechte Hand und dereinstiger Nachfolger, waren ja dringend eingeladen, die Geschwister Erdmann in Groß-Lutschine zu besuchen. Luz – das Lächeln ihrer Lippen wandelte sich zu einem Seufzer, wie sie an diesen Luz dachte, den smarten Geschäftsmann, den Großmutter ihr so gern zum Mann geben wollte, und den sie nicht leiden mochte; zu dem – obwohl sie ihn von klein auf kannte – sie so gar kein rechtes Zutrauen fassen konnte. Kalt wie 'ne Hundeschnauze, dachte sie, der richtige Engländer – ihr Leben lang hatte sie für die Englishmen nicht viel übrig gehabt, obgleich sie nicht viel mehr von ihnen wußte, als was sie aus den langweiligen Tauchnitzbänden ihrer Pensionszeit herausgelesen hatte.
»Lieselott, wo steckst du denn?«