Dr. Richard Erdmann kam breitbeinig in die Laube gestiefelt, wo seine Schwester sich den seltenen Genuß gönnte, ein Stündchen – das feiernde Strickzeug im Schoß, in den Journalen zu blättern.

»Komm nur, du mußt gleich Medizin machen!«

»Schon wieder mal? – Ach, du lieber Himmel!« seufzte die Schwester.

»Hilft nix, mein Döchting –« Schwerfällig ließ er sich auf einen Gartenstuhl fallen und strich seufzend mit der Hand über das bei seinen sechs- oder siebenunddreißig Jahren schon bedenklich gelichtete Haupt.

»Haste Haarweh, schöner Jüngling?« fragte Lieselott mit heuchlerischem Bedauern. »Ja ja – dreie war's heut früh, als du aus dem ›Bären‹ heimkamst. Ich hab's wohl gehört.«

»Still, altes Scheusal – laß mich nachdenken. Ach – der verdammte Brummschädel!« Er zog ein paar Rezeptformulare aus der Tasche und begann seine Formeln niederzuschreiben, wobei er jedes Wort halblaut vor sich hinsprach.

»Kodeïn 0,4.«

Lieselott blickte ihm über die Hand aufs Papier.

»Ist nicht mehr da,« sagte sie ruhig. »Gestern abend das letzte verbraucht.«

»Na, dann geben wir Phenazetin – ist auch egal. 2,0 also – tut genau dieselben Dienste.«