Dem armen Kinde wurde schwül und angst, aber gleich darauf sonderbar feierlich zumute.

»Müssen sie das wirklich? Ach nein!« meinte sie ungläubig. Dies war eine schwere und wichtige Sache – ach, wenn nur eins von den ältern Mädeln dagewesen wäre und ihr gesagt hätte, was sie tun solle!

»Es ist ein alter heiliger Brauch!« sprach er von der erhabenen Höhe seiner zwei- oder dreiundzwanzig Jahre herab und nickte ihr ermunternd zu. »Sonst hat man sein Vaterland nicht richtig lieb!«

Ach – sie und ihr liebes Holstenland, ihre Heimat, nicht liebhaben? Hatte sie nicht eben erst davon geschwärmt und sich mit Sehnsucht daran erinnert, wie schön und herrlich es dort in den grünen rauschenden Buchenwäldern sei?

»Also bitte – liebe kleine Landsmännin!« drängte er.

»Ja, wenn es denn sein muß« – ergeben faltete sie ihre Hände, sein feierlicher Orakelton wirkte hypnotisierend, sie ward ganz willenlos und litt es geduldig, daß er sich herüberbeugte und sie küßte. Sehr leise und sanft, sie spürte den Hauch und Druck seiner Lippen und das komische Kitzeln seines kleinen weichen Schnurrbärtchens – und schloß die Augen.

Das war so süß, so feierlich! Ach, es war doch eine reizende Sitte, daß sich zwei Landsleute in der Fremde einen Kuß geben mußten!

Ein klein wenig befangen waren sie nachher aber doch alle beide, nur hin und wieder fiel ein Wort, wie traumverloren – und fast wie eine Erlösung dünkte es Leonie, als die zwei Dicken auf der Höhe des Warthaberges wieder einstiegen. Was die nur hatten, und weshalb die Frau ihr so strafende Blicke zuwarf? Ob sie etwas gemerkt hatten von dem Kuß? Sie zuckte die Achseln und warf die Lippe auf, recht wie ein kleines schnippisches Schulmädel: Pöh – was wußten die von der Landsmannschaft und dem wunderhübschen Brauch? Verstohlen guckte sie ihren Freund an – der nickte ihr zu. Wie himmlisch war's, so ein kleines, heimlich süßes Geheimnis zu haben! Wovon kein Mensch etwas wußte – das sie später nicht mal der guten Großmama beichtete. Von der Hilfe ihres freundlichen Landsmannes und dem geliehenen Taler erzählte sie wohl – von dem Landsmannschaftskuß nicht ein Sterbenswörtchen.

Der Abschied war kurz und herzlich. In Glatz wartete schon Großvaters alter Johann Nepomuk, der sie nach Charlottenhof holen sollte. Großvater war bei der Heuernte und Großmama hatte sich den Fuß verstaucht, so daß keines von beiden abkommen konnte. Und Leonie freute sich dessen wie ein Schneekönig, ihr junger Freund hatte hoch und heilig versprochen, sie in längstens drei Tagen in Charlottenhof zu besuchen. Fröhlich riefen sie einander »Auf Wiedersehn« zu, er stand und schwenkte sein buntes Mützchen und Leonie blickte sich wohl hundertmal nach ihm um.

Er war nie nach Charlottenhof gekommen.